Plattenkritiken


Rezension: The Roots – How I Got Over

Rezension: The Roots - How I Got Over2010 darf jetzt schon als einer der besten Jahrgänge der Urban Music in die Geschichtsbücher eingetragen werden. Erykah Badu, Drake, Janelle Monáe, Flying Lotus und Big Boi haben bereits großartige Alben abgeliefert, The Roots aus Philadelphia setzen dem nun mit ihrem neunten Album „How I Got Over“ die vorläufige Krone auf.

Das kommt überraschend und auch wieder nicht. The Roots sind eine der wenigen Konstanten im HipHop, die es nie unter einem hohen Qualitätslevel machen. Doch nach den beiden Durchbruchsalben „Things Fall Apart“ und „Phenology“ mit den Hits „You got me (feat. Erykah Badu)“ und „The seed 2.0 (feat. Cody Chesnutt)“ schien sich die Crew um Rapper Black Thought und Drummer ?uestlove etwas vor ihrem eigenen Erfolg zu fürchten, die folgenden drei Alben gerieten dunkler und experimenteller. „A peace of light“ heißt nun der Opener des neuen Longplayers und man könnte auch sagen: Es werde Licht. Der Sound ist im Vergleich zum Vorgänger „Rising Down“ deutlich heller, die Songs organischer und strukturierter. Auch 2010 sind nicht weniger Features zu verzeichnen als vor zwei Jahren, doch sie fügen sich wesentlich besser in den Sound der Band ein. Vielleicht gerade, weil sie zum Teil nicht aus der HipHop-Ecke kommen, sondern aus dem Folk rekrutiert wurden. Die Dirty Projetors summen beim Intro nur mit, deutlich prominenter in Szene gesetzt werden das Sample von den Monsters Of Folk bei „Dear god 2.0“ und für „Right on“ das von Joanna Newsoms „The book of right on“. Man hätte vorher kaum geglaubt, wie gut sich die spezielle Stimme der Harfenistin im HipHop-Kontext anhört. Ein Höhepunkt auf einem Album voller Höhepunkte. Der Folkeinfluss wirkt sich auf die gesamte Scheibe aus, Tempo und Sound sind durchgehend smooth, das Instrumentarium mit Klavier, Gitarre und Orgel warm geerdet. Dass „How I Got Over“ dennoch in jedem Moment ein HipHop-Album ist, daran hat vor allem ?uestlove großen Anteil, dessen einfallsreiches wie eingängiges Schlagzeugspiel weit nach vorne gemischt den Rhythmus zum Kopfnicken vorgibt.

Seinen Halsaufsatz zum Beat bewegen kann auch Dice Raw, das hat der Rapper schon oft auf den Alben von The Roots bewiesen. Und auch diesmal gehören die Songs, bei denen er mitwirkt zu den Highlights. Umso besser, dass damit fast die komplette erste Albumhälfte abgedeckt ist. Aber auch in der zweiten lässt die vielköpfige Combo kaum etwas anbrennen, gibt mit „Doin’ it again“ und „The fire“ mit Features von John Legend schon mal einen Vorgeschmack darauf, wie großartig dessen neues Album im Herbst werden könnte, bei dem The Roots als Backingband und Produzenten beitragen. Ach, wäre das Album doch nur an dieser Stelle zu Ende, eine Wertung ganz in der Nähe der Höchstnote wäre ihm sicher. Doch nach dem Interlude „Tunnel Vision“ folgen mit „Web 20/20“ und dem Bonustrack „Hustla“ noch zwei Ausrutscher weit nach unten, die mit harten Raps und dem bekloppten Refrain „Baby be a hustler, baby be a hustler, oh my baby girl (bzw. boy) grows up to be a hustler“ im deutlichen Kontrast zum Rest der Platte stehen. Muss doch nicht sein. Schmälert aber den Gesamteindruck dieses ansonsten großartigen Albums etwas, ohne jedoch zu verhindern, dass The Roots in ihrer bereits zwanzig Jahre andauernden und an Höhepunkten reichen Karriere mit „How I Got Over“ einen neuen qualitativen Höhepunkt erreichen. Das schaffen die wenigsten und es steht symptomatisch für Urban Music 2010.

Wertung: 77

Label: Def Jam (Universal)

Referenzen: Black Star, Mos Def, Talib Kweli, Ourkast, Erykah Badu

Links: Homepage, MySpace

: 02.07.2010


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Ein Kommentar zu “Rezension: The Roots – How I Got Over”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Stimme vollends überein, Johannes. Bis zu den beiden überflüssigen letzten Songs versprüht die Platte einen einheitlichen Flow. Faszinierend.

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