Sam Amidon hat sich sicherlich eine ganze Menge Geschichten am Kamin- und Lagerfeuer vorlesen lassen, wie sonst wäre seine schon fast kindlich-naive aber dennoch immer zwingende Beschäftigung mit Volksweisen aus lang vergangener amerikanischer Vorzeit zu erklären. Darauf aufbauend hat sich der Junge mit dem Lausbubengesicht und dem viel zu großen Cowboyhut auf fünf Alben dem musikalischen Erbe der Generation seiner Väter und Großväter gewidmet. Auch auf dem aktuellen "I See The Sign" gelingt es ihm, Tradition und Moderne so zu verweben, dass die strategisch geschickt platzierten Brüche Reizpunkte setzen, aber dennoch den ruhigen Fluss des Gesamtwerkes nicht unterbrechen.

"How Come That Blood" beginnt auch genau so: drehleierartige Sounds als Reminiszenz an vergangene Epochen mäandern torkelnd um den klagend erzählenden Sänger herum, nur um zum Ende durch bärbeißige Störakkorde ihr Schicksal zu beklagen. Rückbesinnung ist auch das vorherrschende Element bei "Way Go Lily", welches mit sanften aber bestimmten Streichern und gleichmäßigem Gitarrenpicking nahezu einen Nick Drake von den Toten auferwecken würde, so nah bewegen sich Sam Amidon und seine Backgroundsängerin (immerhin die wunderbare Beth Orton) am 60er Baroque-Folk. Das anschließende Gospel "You Better Mind" ist mit reichhaltigem Instrumentarium ausgestattet, fast meint man ein ganzes Orchester im Hintergrund zu vernehmen, während der Titeltrack dermaßen in der unglaublichen Ruhe eines frühsommerlichen Nachmittags verharrt; man möchte einfach liegen, die Wolken ziehen sehen und vielleicht die Füße in den glitzernden vorbeiplätschernden Bach halten, nur um zwischendurch kurzzeitig von den hartnäckigen Mücken aufgeschreckt zu werden. Bei dem durch die Gospelsängerin Bessie Jones bekannter gewordenen Song "Johanna The Row-di" wird dann ein wenig Fahrt aufgenommen, die bei "Pretty Fair Damsel" zugunsten einer schmeichelnd-schleichenden Begleitung wieder verschleppt wird; hier klingt der Sänger zum ersten Mal kehliger, vielleicht sogar erwachsener als noch zu Beginn der Platte. Ergeben, ja fast schon erlösend schält sich schließlich "Kedron" aus dem Kreis der Songs heraus, eine gemächliche Gospelminiatur, die Zeichen am Himmel suchend, die Stimme brüchig, aber immer fokussiert.

"Climbing High Mountains" kommt dem klassischen "Folk-Gospel" wohl am nächsten. Der Rhythmus und der Refrain laden zum Mitklatschen ein, wäre da nicht wieder dieser sehnsüchtelnde Hintergrund, der dem Ganzen eher eine spukige Atmosphäre einhaucht und zur nächtlichen Lagerfeuerrunde einlädt, die dann auch den einzig modernen Song, „Relief“ (im Original von R.Kelly), wohlwollend aufnimmt. Wieder begleiten Beth Orton und die exzellenten Mitstreiter der Bedroom Community Nico Muhly, Valgeir Sigurdsson und Shazad Ismaily, um dieses Mal jedoch nicht durch schneidend trennende Bass- und E-Gitarrenfragmente eines Ben Frost aus der Harmonieseligkeit gerissen zu werden.

Mit "Red" endet dann dieser historische Ausflug in ein anderes Amerika. Gedankenverloren aber doch mit dem Ziel im Blick, die Tradition altmodischer Folk- und Gospelsongs in der Moderne nicht zu verlieren, werden die Zeichen der Zeit vorgetragen und der Hörer mit dem Gefühl zurückgelassen, eben diese auch erkannt zu haben.

82

Label: Bedroom Community (Rough Trade)

Referenzen: Nick Drake, Alasdair Roberts, James Yorkston, The Welcome, Wagon, David Thomas Broughton

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 02.04.2010

4 Kommentare zu “Rezension: Sam Amidon – I See The Sign”

  1. Tobi sagt:

    Ganz Deiner Meinung, feine und vor allem warme Platte.

  2. […] Sam Amidon – I See The Sign Josh Ritter – So Runs The World Away Anais Mitchell – Hadestown Nina Nastasia – Outlaster Hans Unstern – Kratz Dich Raus […]

  3. […] und die regulären CD-Ausgaben von Janelle Monaé, The National, Pantha Du Prince, Twin Shadow, Sam Amidon, Gonjasufi, Belle & Sebastian, The Hold Steady, Elliott Smith, Ratatat, Darwin Deez, Magic […]

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