Manchmal hat man das Gefühl, die Konsumindustrie verfolgt einen cleveren Masterplan. Im Sommer 2009 schien die Modewelt so farbenfroh wie zuletzt irgendwann in den 90ern. Überall sah man bunte T-Shirts in grün, gelb, orange, rot, blau, türkis und violett. Passend dazu wirbelte das Animal Collective mit „Summertime Clothes“ durch den Raum und versprühte ein tropisches Aroma, das viele weitere Indiebands zum Anlass nahmen, ebenso fruchtige Klänge zu veröffentlichen. Der Rhythmus war wieder wichtig geworden, das kosmopolitische Flair ebenso und so gab es zuhauf eine Renaissance von Steeldrums und geloopten Afrobeat-Samples, die sich nur allzu gut in eine Umgebung des amerikanischen Indie einfügten. In diesen Tagen schwappt eine zweite Welle heran, die zwischen Weird Folk und einem globalem Kulturraum hin- und herpendelt und dabei eine angesagte Mischung braut, die sommerlich, exotisch und beschwingt zugleich agiert. Wir stellen euch einige ausgesuchte Platten vor:

Dinosaur Feathers – Fantasy Memorial

Nirgends klingt die Musik derzeit frischer und aktueller als in der Globopop-Metropole Brooklyn. Auch die drei Jungs der Dinosaur Feathers stammen aus diesem Viertel New Yorks und sind obskurer Weise noch ohne Vertrag. Dabei schlägt ihr Debütalbum im Takt der Zeit. Übereinander geschachtelte Stimmen mit einem Hang zu zuckersüßen Harmonien stellen das Grundgerüst, darum wird eine Ästhetik aus Percussions, flirrenden bouletSamples und fast schon konventionellem Indiepop gebaut. Konzertgitarren versenken derweil die Sonne im Meer und ein bisschen psychedelisch wird es auch, wenngleich nicht auf eine so dezidiert verwucherte Art und Weise wie sie die tollen Kollegen von Inverness zelebrieren. „I Ni Sogoma“ überrascht mit einem schönen Melodie-Twist zum Ende und ruft Erinnerungen wach an das Texicana-Songwriting von Mariachi El Bronx. Dabei lässt sich „Fantasy Memorial“ nicht so einfach verorten und sucht sein Heil in der Vielseitigkeit. „Teenage Whore“ zuckt und zwinkert, „Family Waves“ quietscht und tanzt vor einer farbenfrohen und leicht demolierten Sample-Kulisse, bis zum weltumarmenden Refrain umgeschwenkt wird, der aber wie alle Songs kurz vor der anbiedernden Peinlichkeit stoppt und irgendwo anders weitermacht. Und so geht es eine komplette und sehr unterhaltsame Stunde weiter, Hi-Life-Gitarren und Mitsingrefrains überall. „History Lessons“ ist ein wildgewordener Brian Wilson, „Crossing The Cannon“ ein faszinierender Annäherungsversuch an die autonomen Strukturen im Songwriting des Animal Collectives, freilich ohne deren kleinteilige Vielschichtigkeit der letzten Werke zu erreichen. Dennoch bleibt dieses Album eine sehr positive Überraschung, die in ihren besten Momenten auch an das versponnene Hippietum der ersten Yeasayer-Platte erinnert, dabei aber dreifach mehr Spaß hat. Auch, weil sie mit diesem Album die Hand weit Richtung Hörkonventionen ausstrecken. Ein Geheimtipp!

Link: MySpace | Label: None

Tanlines – Settings EP

Etwas repetitiver geht es bei den Broolyn-Brüdern der Tanlines zu, die zudem die Synthies ein wenig weiter von der Wand wegrücken und ins Zentrum des Studios stellen. Die Tropical-Anleihen sind kaum zu überhören, die karibischen Steeldrums befeuern fast bouletjeden Song, was aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass die Anmutung ihrer Songs deutlich synthetischer ist. Es tröpfelt, blubbert und tanzt mit einem mitreißenden Automatismus. Der Gratis-Track „Real Life“  schraubt den Melodie-Appeal ordentlich hoch und destilliert aus einem heidnischen Naturritual eine urbane Partymusik, die die Qualität hat, mit einem passenden Album im Rücken ein Ausrufezeichen im globalisierten Dance-Pop zu setzen. Der Rest der EP ist ein wenig unangepasster, wenngleich auch weniger infektiös, zitiert karibische Polyrhythmen und gesammelte Fundstücke aus Raum und Zeit, die jedoch oftmals mit quietschbunten Keyboard-Klängen unterfüttert werden und eine „High Five“-Attitüde an den Tag legt, die man durchaus als aufdringlich empfinden kann. Einzig der Abschlusstrack „Z“ nimmt sich etwas zurück und rundet diese heterogene Sechs-Song-EP mit wohlgeformter Wolkenharmonik passend ab.

Link: MySpace | Label: True Panther

morgen: The Ruby Suns & Geographer

2 Kommentare zu “Multivitamin I: Tropical/Indie-Veröffentlichungen von Dinosaur Feathers & Tanlines”

  1. […] Die irrwitzigen Tropical-Schnipseleien von El Guincho kamen Ende 2007 etwas zu früh: Erst im letzten Jahr wuchs sich karibisches Flair zu einem Trend aus, den besonders die amerikanischen Weird-Folk-Künstler etablierten. Im Frühling 2010 starten deren Epigonen eine neuerliche Veröffentlichungswelle. Grund genug für ein kleines Multivitamin-Spezial (hier geht es direkt zum ersten Teil). […]

  2. […] Und auch unser 82%-Mann Tallest Man On Earth darf mitmischen, ebenso wie die Tropicmischung Tanlines, der Dubstep-Künstler Scuba oder das neue Morr-Signing Sóley. Viel Spaß beim Rüsseln! […]

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