“Kairos“? Da bemühen wir doch einmal fix die Suchmaschine: „Vom Bildhauer Lysippos wird Kairos als blühender Jüngling mit geflügelten Schuhen dargestellt, dem eine Haarlocke in die Stirn fällt, während er am Hinterkopf nur spärliche Anzeichen von Haarwuchs erkennen lässt.“, das sagt Wikipedia, und obwohl über dem Eintrag ein Vermerk vor fehlenden Belegen warnt wollen wir heute einmal nicht so kleinlich sein, schließlich passt das alles viel zu gut.

Anhand der beschriebenen Person könnte man sich nämlich nun auf zweierlei Wegen dem neuen Album von White Hinterland, dem Projekt der Sängerin Casey Dienel, nähern. Da wäre zum einen die phantastisch-mythologische Ebene, die sich bereits sowohl im Titel des Debüts von 2008 („Phylactery Factory“) als auch auf dem der Nachfolge EP „Luniculaire“ aus dem selben Jahr fand und uns ebenso in den Texten begegnet, zum anderen die im Wikipedia-Artikel beschriebene Gestalt, denn junge Männer, deren Haar die Augen bedeckt, obwohl es im Nackenbereich kurz gestutzt wurde, trifft man durchaus in der Szene an, in der man Bands wie White Hinterland hört. Würde das Duo aus Brooklyn, NYC und nicht Portland, Oregon stammen, wäre ein Hype durch Indie-Hipster bestimmt nicht zu vermeiden. Dieser fände seine Nahrung sicherlich nicht in dem begonnenen, aber auf unabsehbare Zeit unterbrochenem Studium klassischer Musik der Mittzwanzigerin, sondern dem souligen Dreampop des aktuellen Albums, das sich mit der Dauerbelichtung eines Meerestrandes vergleichen lässt, da sich in einer solchen letztendlich verschiedene Zustände und mögliche Bilder befinden, die aber niemals ausgebildet und abgesondert wurden, sondern nur rudimentär in der Einförmigkeit vorhanden sind. Es belegt, was Bastian in seinem Artikel zur Memoryhouse EP bereits feststellte: Dreampop scheint wieder en vogue.

Beatorientierter, doch nicht wirklich opulenter als bei dessen zur Zeit populärsten VertreterInnen Beach House nähern sich White Hinterland besonders auf der zweiten Hälfte des Albums einer von Bling und Pathos befreiten Variante des R’n'B (siehe „Bow & Arrow“), der, so scheint, zukünftig in homöopathischen Dosen zu jener introvertierten Art geschmackvoller Musik gehören wird, deren ProtagonistInnen die „erdige“ Musik mit ihrem wie zuletzt im Britrock der ooer Jahre als Coolness verkleidetem Egopomp kultiviert hinter sich lassen.

Schon zu Beginn heimst das Album durch den Opener Sympathien ein. Nach der Schlappe mit Kairos (jetzt kann der Autor es ja zugeben: er glaubte, das Wort hätte etwas mit der Stadt zu tun) wird durch dessen Titel „Icarus“, den man mit ein klein wenig humanistischer Bildung sofort wieder der klassischen Mythologie zuordnen kann, das Selbstbewusstsein wiederhergestellt, dazu bringen ein minimalistisches Drumpattern und der Bass mit seiner dezenten Präsenz Dienels bewegte, aber entspannten Stimme so wunderhübsch zur Geltung, dass man ihre Frage „Why must I always see the ending at the beginning?“ gar nicht beantwortend wissen möchte, so absehbar, sollte das Ende dieses Stückes bitte nicht sein, da kann der „Uhu-Uh“-Loop noch so lange im Hintergrund herum schweben, er vermag einfach nicht zu nerven. Mehr Nähe mit erhöhtem Nachdruck bei gleichen Bestandteilen bietet „Moon Jam“, gesteigert wird all das bei „No Logic“ mit seinem hübschen Bassbreak, erst durch „Begin Again“ kommt eine regelrecht laid back und soulige Atmosphäre auf, von der die gesamte zweite Hälfte des Albums dominiert wird. In Hinblick auf Instrumentierung, Dramaturgie und Klangfarbe vollzogen sich aber bisher weniger Brüche als im gesamten neuen MGMT Song, wobei dieser nun aber nicht gegen White Hinterland ausgespielt werden sollte, beide Duos spielen in komplett anderen Ligen. Dass die Erwartungen an das zweite Album White Hinterlands dadurch bei weitem geringer bis durch einen mangelnden Bekanntheitsgrad bedingt überhaupt nicht vorhanden waren, sollte man bewusst ausnutzen, um ihm einen besonderen Platz in der heimischen Plattensammlung einzuräumen. Hier gibt es vierzig Minuten Gleichmut voller nie abebbender, aber auch nicht aufbrausender Emotionalität, die mit Mut zur Reduktion erfreut und obwohl sie nie mehr verspricht, als sie halten kann, nicht ins Mittelmaß abdriftet, sondern sich ein eigenes Abseits erschafft.

70

Label: Dead Oceans

Referenzen: Beach House, Memoryhouse, Feist, Dirty Projectors, Taken By Trees, School of Seven Bells, Tune-Yards

Links: Homepage / Myspace

VÖ: 12.03.2010

5 Kommentare zu “Rezension: White Hinterland – Kairos”

  1. Philipp Roeglin sagt:

    Da ich gerade, an der uni, in den genuss eines blockseminars mit dem titel “interkulturelle kommunikation” komme, kann ich mit einer weiteren bedeutung des wortes “kairos” aushelfen:

    Im gegensatz zu sachorientierten kulturen in denen die zeit als etwas vergehendes, messbares und unpersönliches empfunden wird und als “chronos” bezeichnet wird, sehen beziehungsorientierte kulturen in der zeit eine erlebbare komponente in der vergangenheit, gegenwart und zukunft parallel stattfinden und die als “kairos” bezeichnet wird.

  2. Lennart sagt:

    hui, danke, spannend!
    was sind beziehungsorientierte kulturen? findet in diesen alles relativ, also durch relationen bestimmt statt und gibt’s da kein lineares zeitempfinden?

  3. Philipp Roeglin sagt:

    ja das triffts ziemlich gut, wenn man an wiedergeburt glaubt ist zeit halt absolut relativ. der größte empfundene unterschied ist aber, und der pass auch zur musik, das diese kulturen zeit als geschenk empfinden und sätze wie “zeit ist geld” absolut absurd erscheinen.

  4. Lennart sagt:

    das ist aber nett hippieesk (und wahr) (-:

  5. [...] da war doch was. Ob Beach House, Memoryhouse oder White Hinterland, die Fälle in denen man auf diesen Seiten über eben diesen Begriff stolpern konnte, begannen sich [...]

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