Plattenkritiken


Rezension: Four Tet – There Is Love In You

Rezension: Four Tet - There Is Love In You

Die einen nennen die Besteigung des Lambha Pahar, andere den Tod ihres Hundes. Nicht wenige nennen die neue große Liebe und manch einer schlicht Drogen. Fragt man aber Kieran Hebden alias Four Tet nach der entscheidenden Inspiration für ein Album, so fällt die Antwort länger aus. Zum einen sind viele verschiedene Phasen und Umstände in seinem Leben für den übergeordneten Sound verantwortlich, zum anderen sind einzelne Personen und Momente Ton für Ton, Geräusch für Geräusch in die Werke eingewoben.

Die mutmaßliche Zufälligkeit so vieler wahrnehmbarer Laute sorgt für eine glaubwürdige Echtheit: Der Herzschlag des Patenkindes Pablo etwa, oder das Spielzeugpiano der Tochter von Freunden, spontan aufgenommen bei einem alltäglichen Besuch in der Wohnung um die Ecke. Die Abstinenz von Gesang und Text füllt Four Tet mit realen Stücken seines Lebens, und dreht diese kaleidoskopartig immer wieder in ein neues Licht.

15 Monate des Auflegens und Austobens im Ost-Londoner Club Plastic People, sowie die Kollaborationen mit Jazzgröße und Rhythmus-Genie Steve Reid haben Four Tet ein vielseitigeres Gesicht gegeben. Im Vergleich etwa mit dem 2003er Meister- und Referenzwerk „Rounds“ ist „There Is Love In You“ nicht minder verträumt, doch dafür um den Hang zu seichtem Techno reicher. Seine größte Stärke wird dadurch jedoch nicht unterdrückt. Alles klingt nach wie vor taufrisch und handgemacht. Und wo Four Tet-Alben bis dato eher auf Verstand und Herz wirkten, hat es sein Neuling nun auch auf die Beine abgesehen. „Love Cry“ beginnt mit kühlen Halogen-Loops, dreht sich langsam auf, um im perfekten Augenblick von einem warmen, großartigen Beat erlöst zu werden. In Londons Clubszene war diese neue Tanzbarkeit erst notwendig, dann wegbereitend für den Sound von „There Is Love In You“. So umweht auch das starke „Sing“ jener technoide Charme, der immer wieder ein fast unheimliches Maß an Intensität und Dichte erzeugt. Gut und wichtig, dass mit Stücken wie dem wunderschön flackernden Opener „Angel Echoes“ oder dem knisternden Ruhepol „Reversing“ ein Gegengewicht am anderen Ende des Albums hängt. Tendenziell wird auch dieses Four Tet-Album wieder als Chillout-Platte mit gehobenem Anspruch aufgenommen werden. Die Tiefe reicht hier aber deutlich weiter, als der Blick in die Kaffeetasse am Sonntagmorgen.

Trotz zeitweiliger synthetischer Konservenspielereien klingt das alles aber immer noch als würde es vor, neben oder über einem passieren. Für das zentrale, exotisch angehauchte „This Unfolds“ erschließt Four Tet ganze Welten im winzigen Kämmerlein. Die Schrittlänge wird verringert, das Tempo mäßigt sich. Viele Male in der guten Dreiviertelstunde öffnet sich der Bonbon-Himmel für großes Kopfkino, dann rauscht alles wieder zurück in die Box und der Zauber beginnt von neuem. Dieses Album strahlt Wärme ab, es bewegt sich gleichzeitig vorwärts und entfernt sich dabei kein Stück weit. Bis man merkt, dass der Beat schon wieder mutiert ist, das Rascheln im Busch eigentlich ein überschwänglich geschütteltes Tamburin ist oder die Handclaps und das Topfschlagen in „She Just Likes To Fight“ nicht vom euphorischen Mitbewohner aus der Küche stammen. Und falls doch, so hört er vermutlich dieses Album.

Wertung: 82

Label: Domino

Referenzen: Múm, Arms & Sleepers, Massive Attack, Lindström, Mogwai, The Album Leaf, Matmos

Links: Homepage, Myspace, Domino

VÖ: 29.01.2010


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12 Kommentare zu “Rezension: Four Tet – There Is Love In You”

  1. Pascal Weiß sagt:

    Sehr fein geschrieben, Sven!

  2. Bastian sagt:

    Da kann ich mich nur anschließen. Bloß die Referenzen hätte ich ganz wo anders gesehen, aber das ist wohl immer eine Frage, woher man kommt.

  3. Sven sagt:

    Danke euch!
    Zu den Referenzen:
    Also ich komme aus Dortmund. Bei Referenzen lasse ich mich immer gern berichtigen, mir liegen andere Dinge sicher besser als das. :-)

  4. Bastian sagt:

    Berichtigen wollte ich doch eigentlich garnichts.

  5. Bastian sagt:

    Ach ja, tolles Album übrigens by the way.

  6. Sven sagt:

    Und ich hatte gar keine Berichtigung in deinem Post gelesen, aber allgemein dazu eingeladen, mich zu berichtigen. Bei Referenzen hab ich in der Regel das Gefühl, mich auf sehr dünnem Eis zu bewegen.

    Album wächst, bin gespannt wo’s am Ende des Jahres landet.

  7. philip sagt:

    die referenzen hätte ich auch anders gewählt, ist bei four tet allerdings auch nicht einfach

  8. Tim sagt:

    Ich applaudiere laut, lieber Sven!

  9. [...] abzugrenzen. „Hannibal“ etwa schielt ein wenig zu offensichtlich in Richtung Kieran Hebden (Four Tet), ohne eine eigene Persönlichkeit zu offenbaren, und auch die dominanten Glocken im düsteren [...]

  10. [...] übereinstimmend diskutierte man auch an anderer Stelle: Mit Pantha Du Prince, Four Tet oder Lindstrøm & Christabelle konnte der Elektrosektor zu Beginn des Jahres ein gewisses [...]

  11. [...] und –Saxophonist John Zorn greift Anderson unter die Arme und Anthony Hegarty und Kieran Hebden (Four Tet) geben Schützenhilfe. Gemeinsam weben sie atmosphärische, oft meditative Klanglandschaften mit [...]

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