Hot ChipOne Life Stand

Wir schreiben das Jahr 2000, die Taufe ist geglückt. Fernab jeglichen Medienrummels schmieden Alexis Taylor und Joe Goddard erste Pläne. Gut acht Jahre später sieht man sich an einem wolkenlosen, ziemlich heißen Frühlingswochenende in Camber nach einer ekstatischen Live-Inszenierung und entsprechender Afterhour ins Nachbarquartier stolpern. Hot Chip hatten gerade für einen der kuriosesten und nachhaltigsten Abende im Leben einiger Mitt-Zwanziger gesorgt, erst von der Lichtkegel speienden Bühne, vor einer riesigen Schar von enthusiastischen Anhängern, später von einem knarzenden Mini-CD-Player. Auch den Nachbarn ist der nächtliche Tanz nicht verborgen geblieben, das verrät das freundliche Schmunzeln in ihrem Gesicht. Erst viele Stunden später fällt der Blick auf einen Haufen Werbe-Shirts inmitten des Sitzkreises, „Victory Garden Records“ glaubt das flackernde Auge zu erkennen. Dann macht es Klick. „Ach, ihr habt damals…?“

Es hat sich ohne Zweifel einiges getan seit der „Mexico EP“, diesem halben Dutzend spärlich instrumentierter Songs, waghalsig in 500facher Auflage gepresst, von Elektropop nicht der Hauch einer Spur. Zehn Jahre nach der Gründung sind es die großen Bühnen. Aus dem Londoner Duo ist längst ein Quintett geworden, die Heterogenität der einzelnen Mitglieder birgt einige Gefahren, erweist sich aber häufig als das große Plus, meistens dann, wenn das knisternde Kaminzimmer der großräumigen Disco weicht.

Wie schon auf „Made In The Dark“ sind es auch auf „One Life Stand“ die mal hektisch und mal charmant zum Tanz auffordernden, schmissig groovenden Elektro-Popper, die herausstechen. Der Opener „Thieves In The Night“ ist so ein Fall. Nach anfänglichen Nebelschwaden verjagen die Beats den Schleier und ebnen den Weg für einen linear an Fahrt aufnehmenden Song, der nach drei Minuten im unverschämt euphorischen Refrain erstmalig säckeweise Endorphine freisetzt: „Happiness is what we all want!“ – zugegeben, die Lyrics haben bei Hot Chip noch nie wirklich aus den Socken gehauen. Auch „Hand Me Down Your Love“ und „We Have Love“ kommen erfreulich gut aus den Puschen, paaren Melodiegespür mit treibenden Rhythmen, Streicher laden zum Tanz. Zudem offenbaren die beiden vorab bekannten „One Life Stand“ und „Take It In“ ihr reichlich vorhandenes Single-Potential und genug Raffinesse, um sich für längere Zeit beharrlich im Gehörgang festzusetzen.

Beliebig wird es hingegen in „Brothers“, gar reichlich schnulzig in „Slush“, etwas ermüdend in „Keep Quiet“. Es sind die ruhigen Passagen, die unnötig den Fluss des Albums unterbrechen, ihnen fehlt es – wie auch schon so manch leisem Ton auf „Made In The Dark – an Atmosphäre, selbst das wohlig warme „Alley Cats“ erinnert stellenweise eher an einen einfallslosen Ripoff von The Whitest Boy Alive. Dagegen überzeugt das anfangs leicht befremdliche und risikofreudigste Stück des Albums, „I Feel Better“, auf ganzer Linie und entwickelt sich nach langsamem Aufbau vom zarten Mauerblümchen zum charismatischen, ausdrucksstarken Hüftschwinger.

Insgesamt scheitern Hot Chip auf Albumlänge insbesondere aufgrund des Mittelteils von „One Life Stand“ zum ersten Mal in ihrer Bandgeschichte daran, sich merklich vom Vorgänger abgrenzen zu können. Allerdings, und das darf bei aller Kritik niemals vergessen werden, haben sie wieder einmal eine ganze Handvoll reinrassiger Hot-Chip-Tanzwüter im Gepäck, die einen vehement von der Theke ins Getümmel unter der Diskokugel zerren. Eine Band für Singles eben.

72

Label: Parlophone / EMI

Referenzen: Junior Boys, Fujiya & Miyagi, LCD Soundsystem, The Whitest Boy Alive, Simian Mobile Disco, Cut Copy

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 29.01.2009

4 Kommentare zu “Montags-Preview: Hot Chip – One Life Stand”

  1. Jakob sagt:

    Der Song „I Feel Better“ ist wirklich klasse!!

  2. Hot Chip: One Life Stand…

    VÖ: 29.01.10 / EMI. Mit einer heißen Clubnacht geben sich Hot Chip längst nicht mehr zufrieden. Die Jungs wollen nicht mehr und nicht weniger als den One Life Stand. Da genügt es nicht, einfach zacki-zacki ein paar Beats raus zu hauen, da ist Romantik …

  3. […] Schreie etwas distinguierter und schwachbrüstiger ausfielen als in den 90er-Jahren. Die tollen Elektropopper Hot Chip und deren Videoproduktionsteam rund um Serafinowizc nahmen dies zum Anlass, um ein sarkastisches […]

  4. […] dieses Landes einige neidvolle Seitenblicke entlocken dürfte. Dort wird nämlich mit den Chefnerds des Pop ausgelassen getanzt, zu Deutschlands bester Indieband aller Zeiten geschwelgt, mit […]

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