Es ist eigentlich verwunderlich. Da grassiert im Londoner Untergrund seit Jahren eine Grime- und Dubstep-Bewegung, deren Vitalität zum Spannendsten gehört, was momentan im Musikgeschehen zu beobachten ist – aber die karibische Ursprungsszene selbst scheint davon ziemlich unbeeindruckt. Die Idee von Bassmusik im zuckenden Offbeat hat sich verselbstständigt und in den Klubs eingenistet, eine Wirkmacht bis in die Szene des Reggaes oder Dancehalls lässt sich kaum attestieren.  Der Roots-Bereich existiert wie eine gepanzerte Kapsel, in die selbst die rückwirkenden Impulse seines eigenen Schaffens (auch wenn Jahrzehnte der musikalischen Evolution und Integration dazwischen liegen) kaum eindringen können.

Hybride Formen mit ausgeprägten Reggae-Konturen lassen sich nicht ausmachen. Zumindest nicht im großen Stil und oftmals doch ausgehend von englischen oder amerikanischen DJs wie Skream oder Pinch, der beispielsweise mit „Brighter Day“ ein düster-kaltes Dubstep-Skelett vom New Yorker MC Juakali zum Leben erwecken lässt und den nötigen Drall Richtung Dancehall gibt. Man muss das eher als Re-Opening im Songsinne abtun als eine wirkliche Implementierung von Neuerung (Bass! Elektronik! Härte!) in die Kreationen originärer Dub- oder Reggae-Künstler. Vielleicht waren die hochgekochten Homophobie-Vorwürfe vor wenigen Jahren der aktuelle Beweis für die weiterhin geltende Traditionsstarre dieses Genres.

Bei Jahdan Blakkamoore ist das anders. Zwar ist auch er kein karibisches Original (er stammt aus New York), dennoch brennt sein Fokus zuerst ein großes Loch in den Dancehall. Die so neugewonnene Freiheit nutzt er mit allerlei Kooperationen und scheut sich nicht sein Werk „Buzzrock Warrior“ mit einer Scharnierfunktion auszustatten, die zwischen Dancehall, Grime und – vor allem – HipHop prächtig funktioniert.

Als Sänger von Major Lazer trat er in Erscheinung und gibt sich dort exaltierter als auf seinem eigenem Werk, was den Songs durchaus zugute kommt – gewinnen sie doch so an lässigem Flair. Religiöse Qualitäten und spirtuelles Jah finden hier kaum vertrauten Widerhall, zu sehr sind er und seine Mitstreiter mit dem Einreißen von Genregrenzen beschäftigt. „The General“ ist eine tiefbrummende Ruhekugel, ein fast klassischer, schleppender Dub-Auftakter. „She Said“ hingegen erregt Interesse mit Fanfaren und dem hibbeligem Rap von 77Klash. Kurzlebiger rennt „Broken In Brooklyn“ dem Vocoder-Trend hinterher, geheimnisvoller wühlen Tracks wie „What You Know About This“ mit mörderischen Bässen in der Grube des Urbanen.  „Let’s Go“ bedient sich dabei einer metallischen Ästhetik, die auch das aktuelle Werk von Two Fingers durchzog. So gerät sein Debüt zu einer pulsierenden Reggae-Platte, die das Genre auf den neuesten Stand bringt. Und wenn neben der musikalischen Relevanz auch noch Modeselektor und DJ/Rupture als Produzenten mit an Bord sind, dürfte auch steigendes Interesse vom Publikum nur eine Frage der Zeit sein.

71

Label: Gold Dust

Referenzen: Major Lazer, Two Fingers, King Midas Sound, 77Klash, Pinch, Toddla T, Ebony Bones, Santigold

Links: myspace | Gold Dust

VÖ: 25.09.09

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