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Zwischenstopp: Stolpernde Pioniere – Wonky und Shufflebeats im Aufmarsch

Hudson+Mohawke150q Nach der Liaison mit Techno sickert der Dubstep nun auch in die Beats diverser Hip-Hop-Produzenten – und umgekehrt. Das Ergebnis gleicht einer kleinen Revolution, einem Sturm im subkulturellen Wasserglas, der konventionelle Formeln auf den Kopf stellt und Genre-Grenzen gezielt verwischt. Da der Musikjournalismus aber eben jene Grenzen benötigt, gibt es auch schon wieder eine Schublade für die wackeligen Beat-Hybriden: Wonky. Trotz den Eckpfeilern Dubstep, IDM und teilweise auch Techno steht aber vor allem eine Sache im Vordergrund: Hip-Hop. Letztendlich spielt es aber keine Rolle, ob das Zebra nun weiß mit schwarzen Streifen ist oder andersrum – die Protagonisten dieser aufregenden Entwicklung könnten ohnehin nicht unterschiedlicher sein.

Die torkelnde Avantgarde

Rustie150qDer junge Brite “Rustie” zerlegt seine sorgsam zusammen geschusterten Patterns mit einer solch destruktiven Hingabe, dass man glaubt, der Drumcomputer sei ihm ein paar mal zu oft heruntergefallen. Kein Stein bleibt auf dem anderem. Chiptune-Sounds türmen sich zu wackeligen Loops auf und werden prompt wieder von stolpernden Drumsamples umgeworfen. Es blubbert, knackst und fiept an jeder unquantisierten Ecke. Der Klang bleibt zu jeder Zeit äußerst roh und ist von bleepigen 8-Bit-Sounds dominiert. Hudson Mohwake gibt sich ebenfalls mit voller Hingabe der Shuffle-Madness hin und pfeift auf den sauberen Takt, wühlt aber doch lieber in den 45er-Soul-Plattenkisten. Dementsprechend kann man auf seiner bei Warp erschienenen “Polyfolk Dance EP” deutliche Referenzen an die „goldenen 90er“ heraushören. Die absurd hoch gepitchten Vocal-Schnipsel könnte man dabei als Ironisierung gängiger New-School-Produktionen deuten, die oft nur von diversen 70′s-Vocal-Loops leben. Ein Album ist bereits in der Mache und lässt sicher nicht mehr lange auf sich warten.

Schleppend von Takt zu Takt

flylo150qAuch Flying Lotus macht es sich zwischen den Stühlen bequem, erzeugt durch gezielte Verfremdung von Samples aber ein deutlich surrealeres Klangbild als seine britischen Kollegen. Das Drumprogramming humpelt dennoch unbeeindruckt von jeglichen Rastern von Takt zu Takt. In Deutschland gibt es im Grunde nur einen erwähnenswerten Produzenten, der beim Shuffle-Poker mitmischt: Boris Mezga alias Comfort Fit. Der Stuttgarter Produzent verdiente sich seine Sporen bereits in der Werbebranche und vertonte Spots von Mercedes, Motorola und Chevrolet. Nach zwei großartigen Alben, mehreren EPs und diversen Compilation-Beiträgen dürfte demnächst sein dritter Longplayer erscheinen. Mezga dreht etwas dezenter am Shuffle-Rädchen und lässt somit mehr Raum für diverse Einflüsse. Trotz piepsenden Warp-Klängen und schmutzigen Detroit-Synths ist sein Sound vor allem eines: Hip Hop. Viele Stücke erinnern trotz ihrer elektronischen und rhythmischen Abstrahierung an den klassischen NY-Sound ala Pete Rock und DJ Premier.

Eintrommeln gegen die Hörkonventionen

comfort150q

Der Begriff “Shuffle” stammt ursprünglich aus dem Blues, Swing und Jazz und stellt eine spezielle Rhythmus-Art dar. Beim Shuffle wird ein Notenwert nicht in zwei gleich lange Abschnitte geteilt, sondern in drei. Das hat zur Folge dass die unbetonte Note auf dem Offbeat stark nach vorne versetzt ist, was letztendlich den stolpernden Charakter dieses Rhythmus ausmacht. Die Idee des unquantisierten Sounds ist natürlich ebenfalls nichts Neues. Bereits in den frühen Neunzigern als Akai MPC Sampler die Studios dominierten, war es Gang und Gebe die Quantisierung auszuschalten, um einen organischeren Rhythmus zu kreieren. Bei nahezu allen Hip-Hop-Produktionen der Ostküste aus dieser Zeit lässt sich dieses Phänomen mehr oder weniger heraushören. Ging es damals darum, das Schlagzeugspiel eines Menschen zu imitieren, der eben nicht ständig perfekt im Takt ist und eine variierende Anschlagsstärke hat, scheint der neue Trend darauf aus zu sein, gezielt gegen Konventionen und Hörgewohnheiten einzutrommeln.

Hören:

myspace.com/rustiebeetz

myspace.com/hudsonmo

myspace.com/flyinglotus

myspace.com/comfortfit

Kaufen:

Rustie – Bad Science EP (Wireblock)

Hudson Mohawke – Polyfolk Dance EP (Warp)

Flying Lotus – L.A. EP 3X3 (Warp)

Comfort Fit – Polyshufflez (Tokyo Dawn, Coming Soon)

7 Kommentare zu “Zwischenstopp: Stolpernde Pioniere – Wonky und Shufflebeats im Aufmarsch”

  1. florian sagt:

    toll geschrieben

  2. Pascal sagt:

    Jetzt ist er mir zuvor gekommen, der gute Flo;) Ja, in der Tat ein toll zu lesender und vor allem äußerst aufschlussreicher Artikel, der gekonnt wissenswerte Zusammenhänge aufdeckt!

  3. zazi sagt:

    Ja, ein wirklich gut geschriebener Artikel der ein bisschen aktuelles Zeitgeschehen festhält – dem Mashup aus dem besten der vergangen Jahre im neuen Gewandt. Bitte mehr davon. Comfort Fit’s neues Album ist wieder mal großartig.

    Cheers zazi

  4. Fabien sagt:

    Super Artikel, vielen Dank! Interessant ist auch, dass alle Artists aus völlig unterschiedlichen Ecken kommen und doch einen gemeinsammen “Zeitgeist” verkörpern.

  5. zazi sagt:

    Achso, Powell und fLako passen hier, glaube ich, auch ganz gut dazu ;)

    Cheers zazi

  6. [...] Detroits und das abstrakte Potential früher Warp-Veröffentlichungen zu einem elektrisierenden Shuffle-Hybriden. Auf seiner aktuellen LP “Polyshufflez” lässt er die Maschinen fehlbar werden und [...]

  7. [...] der Evolution eines Genres dabei zu sein -  es gibt kaum Spannenderes! Als dann aber die Kollegen von pitchfork gerade [...]

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