DiscoveryLP

Hamburg schießt in der 93. Minute des letzten Bundesliga-Spieltags Dortmund mit einem Tor aus der EuroLeague, bei dem gleich vier Mann Abseits standen. Am Grillstand des Münsteraner Unifestes bedient die gestresste Bedienung just den schleimigen Typen, der sich erst gerade mit Kontrollblick auf sein rosa Polohemd schrägt an den Massen vorbeigedrängelt hat – und nicht die anderen fünfzehn Wartenden, deren Loch im Bauch zur Größe eines Mehrfamilienhauses angewachsen ist. Es sind die kleinen Ungerechtigkeiten des Lebens, die den Kopf schnell hoeneßfarbig anschwellen lassen und trotz harschen Gestikulierens doch Druck von Innen aufbauen, weil Ungerechtigkeiten nun einmal Ungerechtigkeiten sind. Bloß gefühlt oder objektiv tut da nichts zur Sache, nicht einmal der spontan beschlossene Kirchenaustritt zieht einen dann aus der Verzweiflungsgrube.

Entsprechend wird es vielen Bands gehen, die mit Fassungslosigkeit mit ansehen müssen, dass Discovery mehr mediale Aufmerksamkeit zuteil wird als es ihre Musik unter Umständen verdient hat. Nicht, weil Rostam Batmanglij einen so auffälligen Namen trägt, sondern weil er sonst in einer Band namens Vampire Weekend spielt. Und sein Kompagnon in einer ebenso nicht gänzlich unbeachteten Truppe namens Ra Ra Riot. Ab einem gewissen Bekanntheitsgrad generiert sich Relevanz eben von ganz alleine. Alle anderen müssen weiter strampeln.

Discovery verstehen sich als Popprojekt, das die losen Zügel aufnimmt, die weit gestreut momentan herumliegen. Elektro ist groß und dank Kanye West Autotune in der HipHop-Szene viel heißer als die Erderwärmung mithalten kann. Zusammen macht das eine Zeitgeistmischung aus bunt quietschenden Beats, flatternden Synthies, klickerndem Bitpop und den obligatorisch verzerrten Vocals (zum Glück nicht auf allen Tracks!), die oftmals kaum mehr als die übliche Boy meets Girl-Prosa über die Songs kleckern. „I Wanna Be Your Boyfriend“ ist dann ein Song benannt, der der extrem kreativen Albumbetitelung durchaus Konkurrenz macht. Aufbauend auf dem Jackson-5-Klassiker „I Want You Back“ und mit Mariah Carey-Charminggesang (huch, stammt aber von der Dirty Projectors-Sängerin) schrammen sie immer knapp an der ironischen Brechung vorbei, was durchaus als geschickter Schachzug durchgeht. Bei „So Insane“ werden tatsächlich die alten 80er Jahre Casio-Standardpresets gedrückt und späterhin dem gefräßigen Schredder zum Fraß vorgeworfen. Humor verstehen sie durchaus.

Der Rest bietet allerdings kaum mehr als Oberfläche und kurzfristige Unterhaltung – diese aber in Reinform! „Orange Shirt“ (gratis an dieser Stelle) ist ein kleiner Hit, „Carby“ schmiegt sich mit seinem linearen Aufbau an die Vorlage alter Diskoklassiker, Für „It’s Not My Fault (It’s Not My Fault“ könnten Hot Chip Tantiemen fordern, ebenso geht das schunkelnde „Can You Discover“ als schmalzige Untermalung der nächsten Loveboat-Folge durch. Entsprechend liegt es nicht an der mangelnden Abwechslung, dass diese Platte doch kaum mehr als halbgarer Durchschnitt ist. Vieles wirkt bereits überholt und ausgereizt – und das bei allem Drang zum Aktuellen. Jedoch: Gönnen wir ihnen die Lust am Ausprobieren und die Unbekümmertheit möglichst grelle Songs zu schreiben. Nicht immer muss jedes Experiment vollends glücken, die wichtigsten Neuerungen entstanden gar aus Fehlversuchen. Auch wenn es natürlich eine riesengroße Ungerechtigkeit bleibt, dass ihr gerade diese Rezension lest. Und nicht diese hier, diese oder diese.

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Label: XL

Referenzen: Lo-Fi Fnk, Passion Pit, Little Boots, Slagmaalsklubben, Data, Cut City, The Tough Alliance, Empire Of The Sun, MGMT

Links: Official, MySpace

VÖ: 03.07.2009

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