„I need another place / Will there be peace / I need another world / This one’s nearly gone”. Auf seinem dritten Album verabschiedet sich Antony Hegarty im metaphorischen Sinne von dieser vergänglichen Welt. Zeilen, die sofort Assoziationen mit Peter Hujars legendärer Schwarz-Weiß-Fotografie für das Cover von Antonys Debut-Album wecken, das den im Sterbebett liegenden Transvestit-Schauspieler Lawrence Slattery alias Candy Darling zeigte. Die Natur und ihre Sterblichkeit sind einmal mehr die wichtigen Themen dieses Albums.

Der zerbrechliche Mann mit der sanften Stimme ist auf den Theaterbühnen New Yorks groß geworden, dementsprechend wohnt dem Album ein kompositorischer Geist inne, der schon die ersten zwei Werke zu Legenden machte. Kaum jemand vermag es solch einen Schöngeist mit einem Songwriting-Talent zu verknüpfen, beim dem referenziell höchstens Menschen wie Morrissey oder Patrick Wolf herhalten können. Auf „The Crying Light“ werden große Gesten auf kleinstem Raum vollführt. Die Klangfarbe der Stimme versöhnt Barock und Minimalismus auf eine nie dagewesene Art und Weise. Antony setzt den zeitgenössischen, amerikanischen Folk in einen bildungs-künstlerischen Kontext, der nicht zuletzt auf die kammermusikalische Instrumentierung zurückzuführen ist. Das klassische Piano spielt hier eine zentrale Rolle und sorgt nicht selten für Gänsehaut-Momente. Auf „Daylight And the Sun“ entlädt es sich nach bedrohlichen Anschwellen in einem so dichten wie emotionalen Moment, dass man Antony den Pathos geschwängerten Weltschmerz sofort abnimmt.

„Now I cry for daylight / Daylight and the sun“. Der sich wiederholende Abschieds-Gestus macht klar: Dieser Mann meint es ernst. Zweckdienliche und stilisierte Worthülsen sucht man hier vergebens. Die zahlreichen Bezüge zur Natur sollten aber ausschließlich bildlich betrachtet werden, denn dieses Verbundenheitsgefühl ist eher abstrakter Art. Die Arrangements nehmen sich im Gegensatz zu den älteren Werken etwas zurück. Das führt zu einer etwas längeren Eingewöhnungsphase, bietet aber zusätzlichen Raum, denn diese Stimme braucht Platz. Man kann wohl jetzt schon von einem der wichtigsten Alben dieses Jahres sprechen.

8.7 / 10

Label: Rough Trade (Indigo)

Spieldauer: 39:20

Referenzen: Devendra Banhart, Bonnie „Prince“ Billy, Rachel Unthank, Final Fantasy, Cocorosie, Morrissey, Patrick Wolf, Lou Reed, Joanna Newsom

Links: Homepage, MySpace

VÖ: 16.01.2009

6 Kommentare zu “Review: Antony & The Johnsons – The Crying Light”

  1. Raventhird sagt:

    Tolle Rezension, bin sehr gespannt darauf, die Platte demnext selbst beim abspielen zu belauschen :). Drei Daumen hoch.

  2. pelona sagt:

    anmerkung: schwarz-weiss-cover des debutalbums? das war doch wohl eher das zweite album, mit dem foto der sterbenden candy darling.

  3. Philip sagt:

    ja, das stimmt, hatte da vorher schon nen dreher mit den alben drin, wird wohl noch davon sein

  4. […] Antony & The Johnsons auf ihrem letzen Album “The Crying Light” der Realität abgeschworen und sich großen Konzepten zugewandt haben, hegt das neue Werk […]

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