Nachdem Antony & The Johnsons auf ihrem letzen Album „The Crying Light“ der Realität abgeschworen und sich großen Konzepten zugewandt haben, hegt das neue Werk „Swanlights“ weniger universelle Ambitionen.

Das erste Stück „Everything Is New“ ist dabei gleichzeitig vage Versprechung und klares Statement. Stets wiederholt Antony Hegarty die drei Worte, erst ungläubig, dann mit fester werdender Stimme, während im Hintergrund ein symphonisches Orchester eine Wand aus Geräusch, dann aus Melodie auf- und wieder abbaut. Überhaupt werden viele der Songs durch Orchesterarrangements ergänzt – sehr subtil: Manchmal hört es sich an, als habe man die Stimme der Instrumente vor dem Konzert aufgenommen und unter den Gesang gelegt. Dann wieder hört man das Ausatmen am Ende von „The Great White Open“, mehr Nähe geht nicht – weder musikalisch noch textlich. Waren viele der Songs vom Debütalbum „Antony & The Johnsons“ sinistere Reflexionen über Enttäuschung und das Nicht-akzeptiert-werden – die erste Singleauskopplung „Thank You For Your Love“ ist fast ein Hohenlied auf die Liebe und das Geliebtwerden, sehr subjektiv, so einfach. Seine Stimme springt, bricht und versinkt zwischen Trompeten.

Diese im Verhältnis zu den drei vorherigen Werken deutlich positive Grundstimmung zieht sich nahezu durch das ganze Album, ein In-sich-ruhen als Ergebnis von Katharsis und Entsagung. „Ghost! Leave from my heart!“ befiehlt er in „Ghost“. Dieser Song, mit einem Arrangement von Nico Muhly eingespielt vom London Symphony Orchester, tritt den Beweis an, dass Popmusik minimalistisch und opulent gleichzeitig sein kann. Dass Hegartys Texte und seine Biographie zum Psychologisieren einladen, muss ihm nicht zum Nachteil werden. Auch musikalisch dominiert fast immer Hegartys Stimme, seine Erzählungen wirken dabei so aufrichtig und authentisch, dass man ihm einfach keinen falschen Pathos unterstellen kann.

„Swanlights“ klingt immer noch nach Antony & The Johnsons, nutzt aber das Potential von Lautstärkedynamik plus Klavier plus Orchester noch mehr aus. Erwähnenswert zudem: Bei „Flétta“, das als einer der wenigen Songs des Albums ausschließlich mit Klavier und Gesang auskommt, tritt Antony selbst einen kleinen Schritt zurück, um sich mit keiner Geringeren als Björk das Mikrophon zu teilen. „Everything is new, every sock and every shoe“ singt Hegarty wenig später im wie immer großartigen Schlussstück „Christina’s Farm“. „Swanlights“ ist genau das: Hoffnung als Option, nicht mehr nur als edler Wunsch.

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Label: Rough Trade/Beggars Group

Referenzen: Vashti Bunyan, Rufus Wainwright, Devendra Banhart, Björk, Joanna Newsom

Links: MySpace | Official |swanlights.com

VÖ: 08.10.2010

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