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AUFTOUREN 2018 – Das Jahr in Tönen

Ein Jahr auf fünfzig Werke zusammenzustampfen, das ist auch bei aller Playlist-Atomisierung vieler Musikhörender nicht weniger unmöglich geworden. Dennoch gab es wie immer 2018 Alben, die bei einer Mehrheit von uns besonders viel Anklang fanden.

Ob Pop oder Experiment, Eskapismus oder knallharte Gegenwartskonfrontation, die Spannbreite ist nicht nur in Sachen Sound und Stil einmal mehr gegeben. Wer es unbedingt noch bunter und obskurer braucht, muss sich bis zu unseren individuelleren Listen geduldigen, heute gibt es die lange erwarteten Top 10 unserer Konsensliste.


50

Snail Mail

Lush

[Matador / Beggars]

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Im ersten Song ihres Debütalbums scheint sich Lindsey Jordan jeder Änderung verweigern zu wollen, jugendlich naiv an einer Beziehung ohne Zukunft festzuhalten, „I know myself and I’ll never love anyone else“ bekundend. Im Gegenteil aber zeigt sie sich im Folgenden geradezu verfrüht altersweise, so dass der Titel „Pristine“ zugleich wie ein Abschied wirkt als auch bezeichnend für Jordans geradezu makelloses Gespür für Melodien. Unaufdringlich, doch schnell unter die Haut gehend hält „Lush“ davon reichlich bereit und schlendert Gitarre voran einer goldenen Zukunft entgegen. (Uli Eulenbruch)


49

Ought

Room Inside The World

[Merge]

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Auf „Room Inside The World“ entledigen sich Ought größtenteils der Wildheit vergangener Platten und erschaffen ein Werk, das zart erscheint, sich der affektierten Theatralik aber auch nicht scheut. Beispielhaft dafür ist „Desire“, welches das Pathos ganz stark anrührt und mit viel Melodramatik und Gospelchor daherkommt – aber auch mit großem Eigenbewusstsein der Band vorgetragen wird. Vor allem die Texte von Sänger Tim Darcy zeigen das neue Selbstbewusstsein der Band, die sich der Wirkkraft ihrer Songs vollends bewusst ist. Ought sind auf „Room Inside The World“ einige Experimente und Risiken eingegangen – und dieser Mut wird gerne belohnt. (Pierre Rosinsky)


48

Jon Hopkins

Singularity

[Domino]

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Jon Hopkins‘ viertes Album ist ein Trip zwischen Progressive Techno und Ambient – in die Weite, ins Ätherische, Spirituelle, Kosmische, Unermessliche, Sakrale. Klingt pathetisch und ist es auch, wenn Tracks wie „C O S M“, „Recovery“, „Echo Dissolve“ oder „Feel First Life“ auf ihre jeweils eigene Art und Weise mit minimalem Aufheben maximale Atmosphäre schaffen. Kontrastiert wird dieser Teil der Platte durch die Synthesizerlawinen auf der anderen Seite: „Everything Connected“ ist ein 10-minütiges, Musik gewordenes Stroboskoplicht; „Emerald Rush“ zieht mit monumentalen Sythesizern und ephemerer Stimme in sich hinein; „Neon Pattern Drum“ progressiert unnachgiebig durch wüste, außerirdische Landschaften. Falls es jetzt noch nicht deutlich wurde: „Singularity“ ist ein überwältigendes Erlebnis für alle Sinne. (Benedict Weskott)


47

Confidence Man

Confident Music For Confident People

[Pias / Heavenly]

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Wer wohlerzogene, stimmungsvoll ernste Dancemusik sucht, die man den Schwiegereltern vorstellen kann, ist bei Confidence Man an der falschen Adresse. Das Quartett aus Brisbane strotzt nur so vor smarten, augenzwinkernd hedonistischen Electro-Pop-Groovekapriolen, die von der Disco-Kuhglocke über Madchester-Psychedelik bis zum Yello-mäßigen „Chck-Chckah“-Flüstern alles an die Wand werfen, was Vergnügen bereitet. Nicht wahllos jedoch, denn es ist gerade die Wandelbarkeit, die an „Confident Music For Confident People“ so imponiert: Über verlässlich sprunglustigen Bassläufen dockt „Try Your Luck“ bei LCD Soundsystem an, wird „C.O.O.L. Party“ mit Breakbeat-Einwürfen zum sarkastischen Monolog, „All The Way“ zur jubilanten Space-Disco und führt „Better Sit Down Boy“ über Gitarrenschlenker und genussvolle Spannungssteigerungen zur unaufhaltsamen Beat-Explosion. Die, weil man Confidence Man eben vertrauen kann, mit einem „Boom“-Ausruf quittiert wird. (Uli Eulenbruch)


46

Armand Hammer

Paraffin

[Backwoodz Studioz]

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Wer „Paraffin“ zunächst über einen Bandcamp-Embed hört, mag mit „Dettol“ einen falschen Eindruck vom neuesten Streich des New Yorker Rapduos bekommen. Gleichzeitig bereiten die Retro-Streicher-Samples aber auch einen guten Einstieg in die seltsamen Tiefen, die folgen: „Paraffin“ entfaltet sich als eine Irrfahrt durch gar nicht mehr so vinylig warmes Knistern und Rauschen, aufdringlich monotone Melodien, be- und entschleunigte Stimmloopereien oder verzogene bis oppressiv gedoppelte Beats mit einer psychedelischen Intensität, die zugleich umhüllt und aus dem Stand wirft. Umso gefestigter wirken dadurch die Flows von ELUCID und Billy Woods, ein passionierter Vortrag mit einem Blick, der von all den Nebelschwaden ungetrübt ist. (Uli Eulenbruch)


45

Suede

The Blue Hour

[Warner]

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Erste Liebe, aber sicherlich nicht der letzte Tanz. Suede machen auf „The Blue Hour“ da weiter, wo sie ihren zweiten Frühling begonnen haben. Brett Andersons Stimme somnambuliert an der Tag-und-Nacht-Gleiche entlang, neu hingegen ist der durch Field Recordings initiierte Gestaltungsbogen. Dramatisch, aber immer auch ausreichend Ruhe einholend wird „The Blue Hour“ mit jedem Durchgang dichter, aber eben auch greifbarer. Dass dabei nach wie vor Hymnen wie das herausragende „Life Is Golden“ entstehen, ist sowohl bemerkenswert als auch erwartbar zugleich. (Carl Ackfeld)


44

The Internet

Hive Mind

[Columbia]

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Wenn als erster Suchergebnis für einen omnipräsenten Begriff wie „The Internet“ die Homepage einer Band erscheint, ist klar: Die haben es geschafft. Schon mit „Ego Death“ hatte die Gruppe um Syd und Matt Martians 2015 herausragenden (und dafür Grammy-nominierten) R’n’B-Funk zutage gelegt, doch markiert ihr viertes Album nochmal einen deutlichen Fortschritt. Mit Vibes ohne Ende schmiegen sich „Stay The Night“ oder „Come Over“ intim und explizit queer an und auch anderswo verströmt der Sound gleichsam warmer Stimmen und Saitenläufe eine einladend kommunale, utopisch hoffnungsvolle Wirkung, die zehrende Seelennahrung liefert. (Uli Eulenbruch)


43

Shame

Songs Of Praise

[Dead Oceans ]

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Shame haben es sich in der ungemütlichen Ecke bei IDLES und anderen britischen Höllenhunden ganz schön bequem gemacht. Ihr von Punk und resignativem Pop getragener Abgesang auf das einstmals so stolze Königreich hat viel Wegbegleiter gefunden, die Melodieseligkeit der Jungs aus Brixton blieb hingegen nebst der kratzbürstigen Stimme von Sänger Charlie Steen ein nicht zu unterschätzendes Trademark. Ob hier auch der Brexit seine Spuren hinterlassen hat? Mit Sicherheit, doch überdauern die dystopischen Metaphern von „Dust On Trial“ genauso wie das stürmische „Concrete“ jedes Misstrauensvotum. (Carl Ackfeld)


42

DJ Healer

Nothing 2 Loose

[All Possible Worlds]

Es ist der Stoff, aus dem Legenden (und absurd hohe Discogs-Preise) sind: Mit nur vager Vorankündigung veröffentlichte der unter anderem als Traumprinz bekannte Produzent zwei herausragende Mammutwerke unter zwei verschiedenenen Künstlernamen – ausschließlich auf Vinyl. Als Komplement zu Prime Minister Of Dooms klarer liniertem „Mudshadow Propaganda“ ist „Nothing 2 Loose“ zunächst weniger leicht greifbar, mit sanft texturiertem, ausgedehntem Ambient-Techno, der jedoch schon beim ersten Hören eine unglaublich emotionale Pracht entfaltet und seinem Nom de Plume alle Ehre macht. (Uli Eulenbruch)

41

Yves Tumor

Safe In The Hands Of Love

[Warp]

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Mit dem Albumtitel „Safe In The Hands Of Love“ führt Yves Tumor ein wenig in die Irre. Liebesbeziehungen werden bestenfalls ambivalent besungen, Zeilen wie „Some call it pain/ Some call it torture/ Maybe I enjoy it” („Licking An Orchid“) demonstrieren die innere Zerrissenheit, mit der sich Tumor auf seinem Drittling beschäftigt. Die stetigen Noise-Ausbrüche täuschen nicht darüber hinweg, dass „Safe In The Hands Of Love“ auch ganz viel mit Pop experimentiert. Wenn dann noch Electronic und R’n’B in den Mix geworfen werden, mag es schwierig fallen, ein stringentes Konzept zu erkennen; die angesprochene Zerrissenheit zeigt sich hier aber auch im Songwriting und Tumors Liebeskonzept wirkt gerade deshalb umso ehrlicher. (Pierre Rosinsky)

Ein Jahr auf fünfzig Werke zusammenzustampfen, das ist auch bei aller Playlist-Atomisierung vieler Musikhörender nicht weniger unmöglich geworden. Dennoch gab es wie immer 2018 Alben, die bei einer Mehrheit von uns besonders viel Anklang fanden.

Ob Pop oder Experiment, Eskapismus oder knallharte Gegenwartskonfrontation, die Spannbreite ist nicht nur in Sachen Sound und Stil einmal mehr gegeben. Wer es unbedingt noch bunter und obskurer braucht, muss sich bis zu unseren individuelleren Listen geduldigen, heute gibt es die lange erwarteten Top 10 unserer Konsensliste.


40

Let’s Eat Grandma

I’m All Ears

[Transgressive]

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Welch ein zweites Album! Es beginnt beinahe wie These New Puritans und legt damit eine völlig falsche Fährte und auch der von SOPHIE auf der Höhe der Zeit produzierte Pop von „Hot Pink“ ist nur eine Episode auf „I’m All Ears“. Die beiden Jugendfreundinnen Rosa Walton und Jenny Hollingworth sind aus ihrer bisherigen Kinderzimmer-Elfen-Welt in der – bisweilen – Hölle der Adoleszenz mit allen ihren Selbstbehauptungs- und Verteilungskämpfen und post-pubertären Wirren angekommen und das kommt auch in der Musik zum Tragen. Diese ist dunkler geworden, die Psychedelik ist nicht mehr nur die des neonleuchtenden Märchenwaldes, sondern vermischt sich mit der LED-reinweißen Detoxphase am Morgen danach. Und dann endet das Album auch noch mit einem Track, der „Donnie Darko“ heißt – was soll da noch schiefgehen? (Mark-Oliver Schröder)


39

Saba

CARE FOR ME

[Saba Pivot, LLC]

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Zuweilen geschieht es, dass ein Ereignis im Leben eines Künstlers dessen Werke überschatten. Mit seinem zweiten Album jedoch gibt der Rapper aus Chicago ein Paradebeispiel für die Kraft der Kunst, Tragödien und Trauma zu konfrontieren. Von Beginn an sinniert Saba packend über den grundlosen Mord an seinem Cousin Walter Long Jr. („Jesus got killed for our sins/ Walter got killed for a coat“), dessen Verarbeitung ihm seine Depression ebenso erschwert wie den Umgang mit der Berühmtheit nach seinem Debüt. „CARE FOR ME“ ist persönliche Katharsis, blickt aber auch empathisch und politisch auf die Missstände im Leben anderer und gipfelt schließlich in der Himmelfahrt „HEAVEN ALL AROUND ME“ – erst hier scheint es, als fände Sabas unruhig in Tonhöhe und Dichte oszillierender Flow für ein paar Minuten Ruhe. (Uli Eulenbruch)


38

Tomberlin

At Weddings

[Saddle Creek]

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Labelverwandtschaften, die man nicht wegdiskutieren kann. Behutsam und zart und dabei immer ein wenig versponnen, lässt es Sarah Beth Tomberlin auf ihrem Debut „At Weddings“ für Saddle Creek angehen. Dabei entstehen Songs, so flüchtig wie Skizzen und so pointiert wie Tagebucheinträge. Tomberlin beschäftigt das Erwachsenwerden, das Suchen und Finden, und das in einer Allerseelenruhe, die man der jungen Frau ob ihrer 23 Lenze und dem Willen des Aufbruchs nicht unbedingt zutrauen würde. Intim instrumentiert klingt „At Weddings“ mal nach Grouper, jedoch ohne deren Ätherik, dafür aber nach jugendlichem Wehmut, knisternder Gänsehaut und fragilem Seelenleben. (Carl Ackfeld)


37

Janelle Monáe

Dirty Computer

[Atlantic]

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Ein hochambitioniertes Sci-Fi-Konzeptalbum, das zugleich in voller Länge als afrofuturistisches Musikvideo erscheint? Ach, da hat wohl Janelle Monáe mal wieder was Neues rausgebracht. Mit genug Symbolismus und kulturellen Referenzen gefüllt für ein paar Dutzend Masterarbeiten, mit mühelosen Harmonien und pointiertem Rap, in Text und Video offensichtlich feministischer, queerer und menschlicher denn je und alles in allem ein mit nichts anderem in diesem Jahr auch nur ansatzweise vergleichbares Spektakel? Ja, da hat wohl Janelle Monáe mal wieder was Neues rausgebracht. (Uli Eulenbruch)


36

KIDS SEE GHOSTS

KIDS SEE GHOSTS

[G.O.O.D. Music]

„I feel free.“ Man kann Kanye Wests „shaky-ass year“ 2018 auch als kompromisslose Suche nach Freiheit lesen, die sein problematisches Verständnis des Konzepts offenbart. Frei zu sein, bedeutet für den 41-jährigen, das (vermeintlich) Unsagbare sagen zu dürfen und die Regeln der Moral und Vernunft hinter sich zu lassen. Selbst die Genesung seiner psychischen Erkrankung und die Befreiung von dem damit verbundenen Schmerz kann er in „Freeee (Ghost Town, Pt.2)“ nur als gefühllose Ignoranz imaginieren. Mit Kid Cudi hat er sich für sein drittes Wyoming-Projekt „KIDS SEE GHOSTS“ einen Gegenpart gesucht, der zwar psychisch mit ähnlichen Problemen kämpft, diesen Kampf jedoch ohne die egoistische und zerstörerische Energie seines Partners bestreitet. Während Kanye West in „Reborn“ das Chaos zelebriert, in das er sich und sein Umfeld mit jeder neuen Kontroverse stürzt, sucht Kid Cudi einen Weg raus: „I’m moving forward.“ Im Gegensatz zu Wests Solowerk „Ye“, bei dem das inhaltliche Chaos für ein chaotisches, unfertiges Album sorgte, lebt der psychedelische Emo-Rap auf „KIDS SEE GHOSTS“ von dieser Widersprüchlichkeit, dem Fragmentarischen und Kaputten. (Daniel Welsch)


35

Lucy Dacus

Historian

[Matador / Beggars]

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Als ein Drittel von boygenius (nebst Julien Baker und Phoebe Bridgers) ist die Amerikanerin mit ihrem zweiten Soloalbum gleich mal für zwei große Gitarrenhighlights des Jahres verantwortlich. Seit ihrem 2016er-Debüt „No Burden“ deutlich im Sound gereift, hat die Amerikanerin auf „Historian“ aber mehr noch Gesang und Songwriting raffiniert zu dem Punkt, dass selbst die beiden Siebenminüter „Night Shift“ (okay, aufgerundete sechseinhalb) und „Pillar Of Truth“ keine Sekunde im Leerlauf zu verbringen scheinen: Alles hat Funktion, bewirkt einen rhythmischen oder melodiösen Effekt oder antizipiert den nächsten. Erst in der Mitte des Eröffnungsstücks stimmt Dacus überhaupt den Refrain an – und dreht in einem triumphal den Verzerrer auf. (Uli Eulenbruch)


34

Sandro Perri

In Another Life

[Constellation]

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„In Another Life“ besteht aus vier Songs, doch zu seiner vollen unscheinbaren Pracht wächst es bereits mit dem ersten davon. Ein subtil variiertes Analog-Synth-Motiv stellt im 24-minütigen Loop das Grundgerüst für melancholische Vocals, zahlreiche Gitarren- und Pianomelodiewolken, die der Kanadier mit einer traumtänzerischen Leichthändigkeit drumherum arrangiert. Dass der folgende Dreiteiler „Everybody’s Paris“ nicht nur wegen Dan Bejars Gesang ebensosehr an „Kaputt“ erinnert, aber nicht ganz die Eleganz des Eröffnungsstücks erreicht, kann die besondere Qualität dieses Albums nur geringfügig mindern. (Uli Eulenbruch)


33

Anna Von Hausswolff

Dead Magic

[City Slang]

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Der etwas aufgelockerte Einstieg ins Album kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Dead Magic“ vor allem ein unheimlich bedrückender Koloss ist. Denn geradezu stakkatoartig und mit Ansage nähert sich Anna von Hausswollfs bisher konsistentestes Album zum Mittelpart in „Ugly and Vengeful“ unvermeintlich dem Abgrund, um dann letztmals kurz aufzuflackern und das Ende der Welt einzuläuten. Genau an diesem Punkt wird die Virtuosität am eindrucksvollsten deutlich: Wie in einer Messe und nur von der bloßen Orgel – für von Hausswolff seit jeher keine Unbekannte – begleitet wird der verlorene Kampf zelebriert, bevor sich „Dead Magic“ mit fröstelnden Drones verabschiedet. (Felix Lammert-Siepmann)


32

Cloud Nothings

Last Building Burning

[Pias / Wichita]

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Entgegen anders lautender Gerüchte gab es auch in diesem Jahr noch genug Gelegenheit, als Fan der schrammeligen Gitarre Spaß zu haben. Etwas überraschend ganz vorne mit dabei: Dylan Baldi und seine Mannen. Abgeschrieben waren sie zwar nicht, aber nach dem für viele Ohren etwas zu glattem Vorgänger kommt „Last Buildung Burning“ einem Befreiungsschlag gleich. Geschickt drückt die Band Einflüsse von den späten 1990er Jahren (Fugazi) bis zum Beginn der 2000er (…Trail Of Dead) in ein unnachahmlich energiegeladenes Lo-Fi-Gewand. Klar, alles nichts Funkelnagelneues und mit ziemlicher Sicherheit wird die Zukunft so nicht klingen, doch über allem steht das Gefühl, dass genau so ein Album, genau so ein Sound gerade in diesem Jahr dringlich gewesen ist. (Felix Lammert-Siepmann)


31

Kero Kero Bonito

Time ‘n’ Place

[Polyvinyl]

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Kero Kero Bonito waren mit den ersten Singles ihres quietschbunt-bumsfidelen Electro-Pop wie die naiven Sprösslinge des Londoner Kollektivs PC Music, begannen aber bereits auf ihrem Debütalbum, mit der Verantwortung des mündigen Erwachsenenlebens zu hadern. Dass das Nachfolgewerk weniger Songs über Trampolingspringen beinhalten würde, war so schon abzusehen, nicht aber, dass Kero Kero Bonito zur Schrammelrock-Band mutieren würden. Diese kühne Wandlung haben die Ohrwurmmelodien aber ebenso überstanden wie die Lust des Trios an der Genre-Dekonstruktion, was spätestens dann klar wird, wenn „Only Acting“ wild zu glitchen beginnt, als wäre gerade der Computer abgestürzt. Don’t Panic, it’s just KKB! (Uli Eulenbruch)

Ein Jahr auf fünfzig Werke zusammenzustampfen, das ist auch bei aller Playlist-Atomisierung vieler Musikhörender nicht weniger unmöglich geworden. Dennoch gab es wie immer 2018 Alben, die bei einer Mehrheit von uns besonders viel Anklang fanden.

Ob Pop oder Experiment, Eskapismus oder knallharte Gegenwartskonfrontation, die Spannbreite ist nicht nur in Sachen Sound und Stil einmal mehr gegeben. Wer es unbedingt noch bunter und obskurer braucht, muss sich bis zu unseren individuelleren Listen geduldigen, heute gibt es die lange erwarteten Top 10 unserer Konsensliste.


30

Demdike Stare

Passion

[Modern Love]

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Mit eigentlich nur zwei Alben gegenüber mehreren Compilations, EP-, Single- oder Mixtape-Reihen sind Andy Votel und Sean Canty eher für viele kürzere Werke bekannt. Als Doppel-EP markiert „Passion“ nicht nur abermals eine Auflockerung des Sammlungsformats, es ist mitunter schwer auszumachen, wo ein Track überhaupt aufhört und ein anderer beginnt. „Caps Have Gone“ endet zwar ebenso wüst hämmernd, wie es beginnt, nimmt aber zwischendurch einen so urplötzlichen Plinker-Ambient-Abstecher, dass es nicht minder desorientiert als das Stereokanal-Flittern im stimmverpitchten „You People Are Fucked“. Fußt dieses auf einem vergleichsweise stetigen House-Pochen, dekonstruieren Demdike Stare meistens jedoch Breakbeat- oder Grime-Beats in endzeitlich kaputten Noisepaletten – einerseits konsequenter als teilweise schon auf dem 2016er „Wonderland“, andererseits auch schon fast clubtauglich. Aber in was für einem Club denn nur? (Uli Eulenbruch)


29

Hermit And The Recluse

Orpheus Vs. The Sirens

[Obol For Charon]

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Neuer Name, neuer Produzent, neuer mythologischer Überbau. Doch wirklich viel verändert hat sich bei Ka nicht. Zwar verknüpft der Rapper und Feuerwehrmann aus Brownsville, New York auf „Orpheus Vs. The Sirens“ seine Geschichten mit Bildern und Motiven aus antiken griechischen Mythen – mit Geschichten aus der Unterwelt und den Gefahren von Sirenen kennt er sich allerdings ohnehin so gut wie Orpheus aus. Ka muss auch nicht erst die Dramentheorie von Aristoteles studieren, um aus Verrat, Rache und Reue explosive Handlungsstränge zu stricken. Nach „Days With Dr. Yen Lo“ aus dem Jahr 2015 arbeitet der stoische Rapper zum zweiten Mal auf Albumlänge mit einem Produzenten zusammen, bei dem zweiten Einsiedler des Projektnamens Hermit And The Recluse handelt es sich um Animoss aus Los Angeles. Dessen Instrumentals knüpfen nahtlos an den Sound der vorherigen Alben an, geben Ka über minimalistische Zeitlupen-Beats viel Raum, das zu tun, was er am besten kann: Mit wenigen Worten viel sagen. Das gelingt ihm noch besser als auf „Honor Killed The Samurai“ vor zwei Jahren, weshalb „Orpheus Vs. The Sirens“ keine Überraschung, aber eines der besten Alben des Jahres ist. (Daniel Welsch)


28

Jeff Rosenstock

POST-

[Specialist Subject]

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Direkt am 1. Januar lieferte Jeff Rosenstock eines der politischsten Alben des Jahres. „POST-“ ist knapp ein Jahr nach dem Amtsantritt Donald Trumps bittere Abrechnung und düsterer Ausblick zugleich. In wütenden Versen arbeitet sich Rosenstock an dem ab, was er und viele liberale US-Amerikaner für unmöglich gehalten hatten. Die teils zeternde Stimme paart sich mit hymnischem Power-Pop, der manchmal so gar nicht richtig weiß, welche Richtung er nehmen soll und spiegelt so das veränderte gesellschaftliche Klima ein ums andere Mal perfekt wider. Ein Happy End gibt es diesmal nicht. Dieses Eingestehen von Schwäche und Ratlosigkeit macht „POST-“ dann auch zu einem Album, das über dieses Jahr hinaus wirken könnte. (Felix Lammert-Siepmann)


27

Marissa Nadler

For My Crimes

[Pias / Bella Union]

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Es ist nicht mehr nur karger Folk, den Marissa Nadler auf ihrem nunmehr achten Album zu Gehör bringt. Seit „July“ von 2014 bekommen die Songs neue Facetten, die sich auf „For My Crimes“ vor allem durch ein illustres Stelldichein an Gästen auszeichnen. Nadlers hypnotische Nachtschatten werden uunter anderem von Sharon Van Etten, Angel Olsen und Kristin Olsen sekundiert, doch wer jetzt Stückwerk erwartet, wird enttäucht: Die Songs sind noch dichter und dunkler geworden, die Melodien plastischer und greifbarer, die Themen trauriger und intensiver. Melancholie ohne Prunk und Pomp, dafür aber eben mit dem Pfeil ins Herz. (Carl Ackfeld)


26

Tropical Fuck Storm

A Laughing Death In Meatspace

[Joyful Noise]

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Selten ergibt sich der Sound einer Supergroup gleichermaßen aufregend und ziemlich genau so wie erwartet. Die intensiven Gesangsharmonien von Erica Dunns akkurat benannter Band Harmony treffen auf die noisigen Saitenschwünge von The Drones in Form von Gareth Liddlard und Fiona Kitschin und entladen sich in wütendem, verkrachtem, höchst idiosynkratischem Bluesrock. Mal im Duett, choral, mal als Gegengewicht oder gänzlich die Führung übernehmend, haben die Stimmen Dunns und Kitschins mindestens eine ebenso große Präsenz wie der eigentliche Leadgesang Liddlards, projizieren letztendlich aber Einigkeit gegenüber den Objekten ihres Zorns. Die Dynamiken der Songs sind so mannigfaltig wie die kaputten und verkrachten Soundverzerrungen, aber wer nach der eröffnenden Entladung „You Let My Tyres Down“ nicht sofort an Bord ist, muss sich eine neue Lieblingsplatte wohl woanders suchen. (Uli Eulenbruch)


25

Sons Of Kemet

Your Queen Is A Reptile

[Impulse]

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Shabaka Hutchings mag als Saxophonist viel Energie in seine Atemwege legen, das dritte Album seiner Band Sons Of Kemet prischt jedoch mit den Füßen voran. Ultradicht verwoben wie in „My Queen Is Harriet Tubman“ lassen die Grooves der beiden Drummer Tom Skinner und Eddie Hick keinen Ruhemoment aufkommen, Hutchings und Theon Cross‘ Tuba in einem nicht minder rasant-lebendigen Dialog, als wollten sie die umfangreiche Lebensgeschichte der legendären Abolitionistin zumindest ansatzweise nacherzählen. Andere Stücke entfalten sich reduzierter mit Tiefengang, stehen aber auch für eine ähnlich wichtige Figur der Geschichte, die in von weißen Männern verfassten Geschichtsbüchern unverhältnismäßig wenig Anerkennung findet. Einzig das eröffnende „My Queen Is Ada Eastman“ ist für Hutchings noch mehr von persönlichem Gewicht – es ist seiner Urgroßmutter gewidmet. (Uli Eulenbruch)


24

The Blaze

Dancehall

[Believe Digital]

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Wie schön es doch ist, wenn der Hype gerechtfertigt ist! Und der war bei The Blaze wirklich beachtlich: Die Videos zu „Virile„, „Territory“ und „Heaven“ hatten schon in letzten zwei Jahren Millionen Klicks eingefangen, als noch gar nicht viel über die Musik zu den Bildern bekannt war. Die hyperästhetischen Welten zwischen Algier, Plattenbau, Familie, Liebe und Zusammenhalt bringt das Pariser Duo als tragendes Gefühl in die Musik aus sehnsuchtsvollen Beats, heruntergepitchtem Gesang und progressivem Songaufbau. Mit „Queens“ als Leadsingle ist „Dancehall“ damit ein vielseitiges und eindrucksvolles Debüt, dessen atmosphärischer Vibe sich lange festsetzt. (Benedict Weskott)


23

IDLES

Joy As An Act Of Resistance.

[Pias / Partisan]

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„My blood brother is an immigrant/ A beautiful immigrant.” Positiver Punk, wie ihn IDLES auf „Joy As An Act Of Resistance.“ zelebrieren, ist eben deshalb erfrischend, weil er so aus-vollem-Herzen-ehrlich wirkt. Die absurden Texte von „Brutalism“ wurden größtenteils ersetzt durch Botschaften, die den Zusammenhalt aller Menschen feiern und die Einzigartigkeit eines jeden hervorheben. Das mag zwar simpel klingen, aber im Zusammenspiel mit der Attitüde und dem sehr direkten Punk von IDLES gewinnen diese Texte an zusätzlicher Stärke, so dass es eine Vielzahl an zitierwürdigen Stellen gibt. Das Album ist Sozialkritik und Aufforderung zur Selbstliebe zugleich, Nächstenliebe wie auch pure Inklusion. Oder wie IDLES sagen würden: „If someone talked to you/ The way you do to you/ I’d put their teeth through/ Love yourself.” (Pierre Rosinsky)


22

DJ Koze

Knock Knock

[Pampa]

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Bei DJ Koze ist schwer zu sagen, ob er sich weniger um Konventionen oder um Zugänglichkeit schert, aber auf jeden Fall gehört er zu den Künstler*innen, die einfach keine langweilige, geschweige denn schlechte Musik machen können. Dementsprechend ist „Knock Knock“ wieder ein wahres Meisterwerk. Mit Features von Róisín Murphy, Sophia Kennedy, Bon Iver, José Gonzalez und Mano Le Tough ist die Platte vielseitig, vertrackt, seltsam, undurchsichtig, überraschend, dadaistisch, catchy… Die Liste könnte ewig weitergehen und das weiß auch Sir Elton John, der DJ Kozes 80er-Disco-Sommerhit „Pick Up“ in seiner Radioshow spielte. Der verdiente Ritterschlag für ein Wahnsinnsalbum. (Benedict Weskott)


21

Beach House

7

[Pias / Bella Union]

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Im Vorfeld war vieles wie so oft vor einem Beach-House-Release. Zuallererst stand die Frage, ob das Duo seinen inzwischen fast einmaligen Stil behutsam weiterentwickeln könne, ohne sich substanziell zu wiederholen. Dazu kam die immense Erwartungshaltung, die durch die Vorabsongs angeheizt wurde. Wie (fast) immer bei Beach House waren alle Sorgen unbegründet, denn „7“ setzt genau die richtigen Schwerpunkte. Wenn nötig, ziehen sich Beach House so weit zurück wie selten zuvor („L’inconnue“), um andererseits im nächsten Moment leidenschaftlich nach vorne zu preschen („Dark Spring“). Gerade hier wird deutlich, dass ihr Sound grundsätzlich eine lange Geschichte hinter sich hat. Von den naiven Anfängen vor über zehn Jahren hat er sich zu einer dichten und sinnlichen Konstante entwickelt. (Felix Lammert-Siepmann)

Ein Jahr auf fünfzig Werke zusammenzustampfen, das ist auch bei aller Playlist-Atomisierung vieler Musikhörender nicht weniger unmöglich geworden. Dennoch gab es wie immer 2018 Alben, die bei einer Mehrheit von uns besonders viel Anklang fanden.

Ob Pop oder Experiment, Eskapismus oder knallharte Gegenwartskonfrontation, die Spannbreite ist nicht nur in Sachen Sound und Stil einmal mehr gegeben. Wer es unbedingt noch bunter und obskurer braucht, muss sich bis zu unseren individuelleren Listen geduldigen, heute gibt es die lange erwarteten Top 10 unserer Konsensliste.


20

International Music

Die Besten Jahre

[Staatsakt]

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Mit etwas Fantasie kann man auch International Music zur großen Post-Punk-Welle zählen, die in diesem Jahr einen erneuten Höhepunkt erreichte – und doch machen die Essener einiges anders. Es ist nicht zuletzt die verführerisch wirkend niedrige Schlagzahl, die „Die Besten Jahre“ so sehr prägt. Lässig, unaufgeregt und verschleppend schleichen die Songs aber dennoch zielstrebig zum Ziel. Umso erstaunlicher und teilweise bizarr wirkt es dann, diese demaskierende Mechanik eine geschlagene Stunde lang beibehalten zu können. Darin besteht freilich die Faszination des Album, das gleichsam beiläufig immer wieder neue falsche Fährten legt. Man verliert sich denkbar gerne in diesem kurz angedeuteten skurrilen Genremix zwischen Country und Noise-Rock. (Felix Lammert-Siepmann)


19

Earl Sweatshirt

Some Rap Songs

[Columbia]

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Wäre Earl Sweatshirt ein Superheld, seine Superkraft bestünde darin, nicht da zu sein. Berühmt wurde er in Abwesenheit, dennoch gehörten sein Song „EARL“ und der „Free Earl!“-Schlachtruf zu den Highlights der tumultartigen frühen Odd-Future-Konzerte. Irgendwann war er zurück aus Samoa (seine Mutter hatte ihn dort auf ein Internat für gefährdete Jugendliche geschickt), ließ aber mit seinem abweisenden Major-Debüt „Doris“ und dem introvertierten Nachfolger „I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside“ alle wissen, dass er lieber wieder seine Ruhe hätte. Die 15 Songminiaturen auf seinem dritten Album „Some Rap Songs“ lassen nun erahnen, was in dem 24-jährigen brodelt, wenn er mal wieder nicht raus geht. In assoziativen, Freestyle-artigen Gedankengängen spricht Thebe Neruda Kgositsile über seine Depressionen oder das komplizierte Verhältnis zu seinem verstorbenen Vater, die wackeligen Glitch-Jazz-Instrumentals spiegeln eher die Verunsicherung des Rappers, statt ihm Struktur und Halt zu geben. „Some Rap Songs“ gewährt voyeuristische Einblicke ins Seelenleben eines jungen Mannes, der niemandes Superheld sein will: „You went and gave me a cape, but that never gave me no hope.“ (Daniel Welsch)


18

Christine And The Queens

Chris

[Because Music]

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It’s safe to say: Ein Alter Ego hat noch niemandem geschadet – und dementsprechend gut funktoniert die Neupositionierung der französischen Singer-Songwriterin Héloïse Letissier als androgyne*r Chris. Beweisen musste sie nach dem Erfolg des 2016er-Debüts „Chaleur Humaine“ nichts mehr und vielleicht wirkt „Chris“ deshalb trotz der thematischen Tiefe so unbeschwert. In den jeweils zwei Versionen der Songs – eine französische und eine in Letissiers eigenem, weitestgehend kryptischen Frenglisch-Mischmasch gesungen – verbirgt Letissier unter Disco-Indie-Pop in meist aalglatter Produktion eine große Bandbreite an Identitätsdiskursen: Es geht um Körper, Cisnormativität, Empowerment, Heteropatriarchie, sexuelle Fluidität und das große Dazwischen. Dadurch geht „Chris“ direkt ins Ohr, bleibt im Kopf und macht dabei die Hintertür für die Dekonstruktion von Normen nicht nur weit auf, sondern nimmt sie direkt aus den Angeln. (Benedict Weskott)


17

Blood Orange

Negro Swan

[Domino]

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Ähnlich wie auf seinem großartigen „Freetown Sound“ setzt Devonté Hynes auch auf „Negro Swan“ wieder auf kulturell-politische Themen, die sich vor allem mit Black Culture, Queerness und Feminismus beschäftigen. Anders als auf dem Vorgängeralbum regiert hier allerdings das Prinzip Hoffnung. Auch musikalisch äußert sich das in einer gewissen Diskretion, die sich vom gezielten Kitsch von „Freetown Sound“ absetzt. Trotzdem ist auch „Negro Swan“ wieder voll von Referenzen, Genreüberschreitungen und Ideen und es ist vor allem Frank Oceans „Blond(e)“, das immer wieder als Einflussgeber durchscheint. Das mag alles zuerst überwältigen, fügt sich schlussendlich aber zu einem farbenreichen Mosaik zusammen, das sich genau in die Schnittstelle zwischen Eingängigkeit und Komplexität setzt. (Pierre Rosinsky)


16

Pusha-T

DAYTONA

[G.O.O.D. Music]

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Die besten Rapwerke der letzten Jahre verhandelten große gesellschaftliche Themen oder private Dramen. Auf seinem dritten Soloalbum rappt Pusha-T abwechselnd darüber, dass er erstens früher mit Drogen viel Geld verdient hat, dass er sich zweitens mit dem so erwirtschafteten Geld allerlei Luxus leisten kann (der Albumtitel verweist auf ein Rolex-Modell) und dass der 41-jährige drittens sehr sehr gut darin ist, über Drogen zu rappen. Dass es dem ehemaligen Clipse-Mitglied auch 16 Jahre nach „Lord Willin‘“ noch gelingt, aus diesem überschaubaren Stoff unterhaltsame Zeilen zu generieren, spricht für seinen lyrischen Einfallsreichtum. Dass „DAYTONA“ das beste Soloalbum seiner Karriere ist, verdankt er aber vor allem seinem Produzenten. Kanye West hatte 2018 nur wenige gute Ideen (das beweist seine wahnwitzige Gaststrophe auf „DAYTONA“), die Auswahl der Samples von „Twelve O’Clock Satanial“ im ersten bis zu „24 Carat Black“ im letzten Song gehört jedoch zu seinen besten. Ebenso wie die Entscheidung, das Album auf sieben Songs und EP-Länge zu verdichten. (Daniel Welsch)


15

The 1975

A Brief Inquiry Into Online Relationships

[Polydor]

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Ob Fan oder Verächter, wenn The 1975 ein neues Großwerk ankündigen, sind Bedenken angesagt. Keine dermaßen erfolgreiche Rockband wagt so viel und forciert ihre Ambitionen zugleich so unverhohlen, dass sie unbeholfen übers Ziel hinauszuschießen droht. „A Brief Inquiry Into Online Relationships“ versucht eben das zu sein, was der Titel ankündigt und übernimmt sich dabei auch mal, erreicht aber so oft die avisiert grandiosen Höhen, dass man sich nur allzu gerne das Fremdschämen verkneift. Die Band, die im Kern immer noch halb Emo (siehe „I Always Wanna Die“), halb Notwist-Electro (siehe „Petrichor“) ist, hat Glam, Funk, Trap, Saxophon und einen Strokes-Song mit in ihr Repertoire aufgenommen und den ambient weichen Texturen ihrer Sounds und Stimme adaptiert. So wird das Album zu einer Art Wundertüte, in der ein Songstil in der Regel völlig anders ist als der darauf folgende, Diphtyche und Spoken-Word-Segmente und Titel mit parenthetischen Nachschüben großen Pop beinhalten können. Sollte man noch mehr wollen? (Uli Eulenbruch)


14

JPEGMAFIA

Veteran

[Deathbomb Arc]

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Immer ,wenn man das Gefühl hatte, Rap habe nun wirklich nichts mehr zu sagen, der Status Quo sei mit Granit in die Charts gemeißelt und die Big Playa würden ewig den Leichnam mit ewig neuen Aufgüssen des Immergleichen fleddern, steigen glücklicherweise neue Akteure oder Crews aus der gärenden Ursuppe des Untergrunds. Vor einigen Jahren waren es die Odd Future Crew oder Death Grips, nun ist es JPEGMAFIA aus Baltimore. Allein wer um das Gekreische von Ol‘ Dirty Bastard einen Killertrack basteln kann, hat absoluten Respekt verdient. Avantgarde-Rap? Avantgarde-Rap! JPEGMAFIA zeigt beeindruckend, was 2018 mit einer MPC noch alles möglich ist und dass Rap auch noch politisch kann. May the glitch be with you! (Mark-Oliver Schröder)


13

Die Wilde Jagd

Uhrwald Orange

[Bureau B]

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Die Volkssage von der wilden Jagd beschreibt einen europaweit bekannten, lärmenden und klagenden Zug, der zu früh, meist durch einen unnatürlichen Tod Verstorbene durch die Welt der Lebenden, der Beobachter zum Mitziehen verdammt. Die wilde Jagd, von der hier die Rede ist, ist ein Duo aus Berlin, das sich der elektronischen Musik verschrieben hat. Scheinbar paradoxerweise lärmt auf „Uhrwald Orange“ nichts, vielmehr ist alles im Fluss. In der Repetition liegt die Kraft, Ekstase in Kleinigkeiten, weniger ist mehr und für die Tracks mit Gesang geht’s beispielhaft ins Alte Testament und morphin-induzierte Träume („2000 Elefanten“) oder ins dunkle gotisch-märchenhafte Mittelalter („Ginsterblut“). Ein fabelhaftes Gesamtkunstwerk, welches den Hörer zum Mitziehen verdammt. (Mark-Oliver Schröder)


12

Daughters

You Won’t Get What You Want

[Pias / Ipecac]

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In den letzten Jahren gab es viele Comeback-Alben, die eingeschlagen haben, die Wucht und Brutalität von „You Won’t Get What You Want“ dürfte jedochauf Jahre unerreicht sein. Auf der einen Seite eine Mischung aus Noise, Industrial, Mathcore und Post Punk, auf der anderen Seite der perfekte Soundtrack für eine Fahrt durch Dantes Höllenkreise, schafft es das neue Album von Daughters vor allem, Emotionen zu wecken, von denen man lange Zeit gar nicht wusste, dass sie existieren. Hier ist wirklich jeder Song ein Erlebnis und mit einem anderen unangenehmen Gefühl verbunden. Sobald der Angstschweiß nach einem Song wie „Long Road, No Turns“ langsam anfängt zu trocknen, kommen auch schon die schnellen, stakkatoartigen Gitarrenprojektile von „The Flammable Man“ daher. Welche Geräusche und Sounds allein schon die Gitarren auf diesem Album produzieren, ist so ekelhaft und gerade deshalb auch so grandios zugleich. (Pierre Rosinsky)


11

Noname

Room 25

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Fatimah Warner ist selbstbewusst. So weit, so normal im Rap. Doch die Künstlerin aus Chicago ist nicht nur selbstbewusst, sondern auch bescheiden. Das erkennt man bereits daran, dass sie ihr Debütalbum „Room 25“ wie ihr ebenfalls großartiges Mixtape „Telefone“ vor zwei Jahren nach dem „Name-your-price“-Prinzip über ihre Bandcamp-Seite verkauft bzw. –schenkt. Oder daran, dass sie in „Don’t Forget About Me“ behauptet, auf die Hilfe von D’Angelo angewiesen zu sein, obwohl die wunderschöne Neo-Soul-Ballade das Gegenteil beweist. In Kombination mit ihrem zurückhaltenden Spoken-Word-Vortrag und den einlullenden Jazz-, Soul- und Bossa-Nova-Klängen von Phoelix könnte man Nonames Bescheidenheit leicht mit Schüchternheit verwechseln. Das ändert sich, sobald man auf den Inhalt ihrer Zeilen achtet, die voller überraschender Punches stecken: „Fucked your rapper homie, now his ass is making better music/ My pussy teaching ninth-grade English/ My pussy wrote a thesis on colonialism.“ Die elf Songs von „Room 25“ erinnern daran, dass ruhig nicht kraftlos bedeutet. Und dass sich Bescheidenheit und Selbstbewusstsein (auch im Rap) nicht ausschließen. (Daniel Welsch)

Ein Jahr auf fünfzig Werke zusammenzustampfen, das ist auch bei aller Playlist-Atomisierung vieler Musikhörender nicht weniger unmöglich geworden. Dennoch gab es wie immer 2018 Alben, die bei einer Mehrheit von uns besonders viel Anklang fanden.

Ob Pop oder Experiment, Eskapismus oder knallharte Gegenwartskonfrontation, die Spannbreite ist nicht nur in Sachen Sound und Stil einmal mehr gegeben. Wer es unbedingt noch bunter und obskurer braucht, muss sich bis zu unseren individuelleren Listen geduldigen, heute gibt es die lange erwarteten Top 10 unserer Konsensliste.


10

Julia Holter

Aviary

[Domino]

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„Aviary“ übersteigt Kapazitäten. Wie zum Tragen der neunzig Minuten Audiodaten eine einzelne CD nicht ausreicht, so expandiert und verdichtet Julia Holters grandioses fünftes Album ihren avantgardistischen Chamberpop an den Rand der Undurchdringbarkeit – ein zunächst überwältigendes Klangchaos, das vom Wirrwarr des politischen Jetzt inspiriert ist. In ihren Texten jedoch greift sie, wie einst schon auf „Tragedy“, lieber Jahrhunderte alte Manuskripte auf, die sich nicht zuletzt auch um geflügeltes Federvieh drehen, das seine musikalische Entsprechung im Vogelträllern der Melodien findet. Mal orchestral prachtvoll in Höhen und Weiten strebend, mal bis aufs Ambiente reduziert auf kleinem Raum kreisend, wechselweise rhythmisch dringlich, erhebend leicht oder beengend unklar, nie weniger als ehrfurchtgebietend. (Uli Eulenbruch)


9

Die Nerven

Fake

[Glitterhouse]

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Eins vorweg: Die Nerven nerven nicht mehr. Das Trio aus Stuttgart hat den Noiserock-Anteil merklich eingedampft und dafür mit „Fake“ eine ganz eigene Form von Zugänglichkeit entwickelt. Über weite Strecken grooven Die Nerven fett und funky mitten auf die Tanzfläche und singen dabei selbstvergessen „Finde niemals zu dir selbst“ oder „Immer nur dagegen, aber gegen was“. Ja, so kämpft die Post-Post-Irgendwas-Seele nicht nur gegen die inneren Dämonen einer immer komplexeren Welt, sondern zunehmend gegen ein Heer von informierten, besserwissenden Nussschalenskippern in einem Meer aus „Fake“(-news): „Denn weil früher alles besser war/ geordnet und gewissenhaft/ denk ich nicht nach und doch so viel“. (Mark-Oliver Schröder)


8

U.S. Girls

In A Poem Unlimited

[4ad / Beggars]

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Meghan Remy ist ein kleines Disco/Pop/Funk-Meisterwerk gelungen. Politisch und streitbar, verpackt sie unter ihrem Moniker scharfzüngige Kritik in pulsierende Popsongs. Es geht um Mißbrauch, Vernachlässigung und Erniedrigung, jedoch nicht aus Sicht der Opferrolle, sondern mit dem Herz der Kämpferin, die nicht selten in die Beobachterrolle zu schlüpfen scheint. Unwiderstehlich treibt sie dabei ihre fordernden Songs nach vorne, im herausragenden „Pearly Gates“ gemeinsam mit James Baley, dessen Stimme die Nadelstiche wie das dazugehörige Kissen abfängt. Doch vor allem ist „In A Poem Unlimited“ immer noch ein mit größtmöglichem Spielraum ausgestattetes Popalbum in seiner bestmöglichen Darreichungsform. (Carl Ackfeld)


7

Low

Double Negative

[Sub Pop]

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Wer bei Low nur Slowcore und wohlige Kontemplation in Sound denkt, könnte von „Double Negative“ einen Schluckauf bekommen. Das Trio aus Duluth hat für sein zwölftes Album eine musikalische Abzweigung aus seinem über 20 Jahre entfalteten Kanon genommen, die irgendwie – wenn man kurz nachdenkt – nur logisch erscheint: den elektronisch, erzeugten Loop, als weitgehend strukturierendes Element. Dieser fügt sich mit seinem wohligen Gebrumme und Geplucker so nahtlos und selbstverständlich in den langsamen Fluss ihrer Songs, als wäre er schon immer dort gewesen – unerhört, in der Tiefe. Dieser nicht ganz neue Kniff, den man durchaus aus dem Post-Rock der „Millions Now Living…“- Phase von Tortoise kennt, katapultiert Low allerdings ins Jetzt und verleiht der Band, abseits der Kategorie „beständigste Slowcore-Band“, eine völlig neue Relevanz. Ein meisterhaftes Alterswerk? Vielleicht, aber sicherlich ein großartiges Album, wenn nicht gar das beste bis jetzt. (Mark-Oliver Schröder)


6

Deafheaven

Ordinary Corrupt Human Love

[Epitaph]

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Die befreundeten Touché Amoré haben es schon auf ihrem dritten Album „Is Survived By“ festgestellt: „It’s hard to write content.“ Zufrieden schreibt es sich schlecht, vor allem wenn die persönlichen Dramen – wie im Fall von Deafheaven – drei Alben lang perfekt zum zwischen sanfter Melancholie und Weltuntergang schwankenden Shoegaze-Black-Metal passten. Was also tun? Zunächst hat das Ich auf „Ordinary Corrupt Human Love“ Pause, George Clarke schreit und singt (!) in schwülstigen Metaphern und mit literarischen Querverweisen von zufällig beobachteten Fremden, die sieben Songs sollen seine „Wertschätzung des Alltäglichen“ zum Ausdruck bringen. Vor allem aber lassen die Kalifornier mehr Licht durch ihre Arrangements strahlen, es gibt neuerdings Classic-Rock-Passagen und am Ende von „Canary Yellow“ sogar einen schunkelnden Kneipenchor. In einer Hinsicht bleiben sich Deafheaven jedoch treu: Auch auf „Ordinary Corrupt Human Love“ wird jeder Wohlklang früher oder später von einem Blastbeat-Gewitter zerpflückt. (Daniel Welsch)


5

Parquet Courts

Wide Awake!

[Rough Trade]

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Allen Nachrufen zum Trotz hat sich (Indie-)Rock auch 2018 nicht erledigt. Mit „Wide Awake!“ gelingt Parquet Courts das Kunststück, die besten Momente der New Yorker Gitarrenmusik – vom psychedelischen Art-Rock des Velvet Underground über minimalistischen Post-Punk zum zackigen Indierock der Strokes – noch einmal aufleben zu lassen, ohne dabei nostalgisch zurückzublicken. Kein Funken „Früher war alles besser!“ steckt in der Musik des Quartetts, das den aktuellen Zustand der Welt natürlich dennoch ziemlich bedenklich findet. Doch die beiden Sänger Andrew Savage und Austin Brown verfallen in ihren mit Dringlichkeit vorgetragenen Texten nie in Zynismus oder Resignation, kommentieren die Beschissenheit der Dinge vielmehr mit trockenem Humor. In jedem von Brian Burton aka Danger Mouse in Szene gesetzten Ton auf „Wide Awake!“ schwingt die Überzeugung mit, dass man auch 2018 mit Gitarren die Welt ein klein bisschen besser machen kann. Insofern sind Parquet Courts doch Nostalgiker, aber auf eine gute Art. (Daniel Welsch)


4

Mitski

Be The Cowboy

[Dead Oceans]

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Große Rocksongs ohne überflüssigen Exzess – mit jedem ihrer Alben zeigt sich die Amerikanerin deutlicher als deren gegenwärtige Meisterin. Denn während die halbstündige Spiellänge gleich bleibt, wird die Trackliste von Werk zu Werk länger, voller minutiös arrangierter Kompositionen mit maximaler Ausdruckskraft. Mitskis Songs haben meistens entweder gar keinen Refrain, mehrere verschiedene oder wiederholen ihren einzigen nicht, vermitteln (narrative) Entwicklung statt Auf-der-Stelle-Treten auch im melismatischen Fluss ihrer Worte, der in „Why Didn’t You Stop Me?“ Pixies-ähnlich unstet und von einer einfallenden Gitarre unterbrochen wird, um die instrumentale Leitmelodie anzukündigen. Deutlich reifer produziert als „Puberty 2“, untersucht „Be The Cowboy“ Identitätsfragen und ist Ausdruck persönlicher Stärke, selten wundervoller als im eröffnenden „Geyser“, dessen einziger Refrain genug Emotion vom Stapel lässt, um der ganzen Welt ein warmes Kribbeln im Rücken heraufzubeschwören. (Uli Eulenbruch)


3

Iceage

Beyondless

[Matador / Beggars]

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Wer hätte 2011 nach den zugegebenenermaßen schon großen Debüt „New Brigade“ geahnt, welchen Weg diese fünf jungen Dänen noch nehmen würden. Dabei haben sie mit einer Konsequenz ein großes Album nach dem nächsten veröffentlicht, die so auch nicht unbedingt zu erwarten waren. Besonderes Augenmerk verdient dabei sicher die Entwicklung ihres Sängers Elias Bender Ronnenfelt, dessen Stimme sich immer weiter in den Vordergrund schob, aber auch musikalisch bewegte sich die Band weg vom harschen noisigen Punk hin zu immer raffinierteren Arrangements und – streckenweise augenzwinkernden – Verweisen. „Beyondless“ macht hier keine Ausnahme und glänzt einmal mehr mit vermeintlich abwegigen Schlenkern, Streichern, einer Blechbläser-Sektion und einem Duett – mit Sky Ferrara – für die Ewigkeit. (Mark-Oliver Schröder)


2

Robyn

Honey

[Embassy Of Music]

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Es war das Comeback 2018: Acht Jahre nach der Body-Talk-Trilogie stand Robyn plötzlich wieder vor der Tür, Herzschmerz, Selbstzweifel und Killer-Beats im Gepäck. Wer hätte gedacht, dass dieser Sound heute noch gebraucht wird? Aus der Musik gewordenen Einsamkeit namens „Dancing On My Own“ wurde „Missing U„, aus „U Should Know Better“ die Empowermenthymne „Ever Again“, aus dem offensiv-angepissten „Don’t Fucking Tell Me What To Do“ die catchy Subtext-Ode „Between The Lines“. Ein Blick in die Jahresendlisten zeigt: So ein bisschen Verlässlichkeit und Nostalgie geht immer. Und mit Robyn sowieso. (Benedict Weskott)


1

Kali Uchis

Isolation

[Virgin]

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Ihren unverkennbaren Stil hatte Kali Uchis bereits auf ihrer 2015er-EP „Por Vida“ gefunden – sowohl visuell, in Form ihrer süßlich pastellgetönten Designs und selbst gedrehten Musikvideos, als auch in ihrer fast schon psychedelisch narkotischen Melange von R’n’B-Pop, Bossa Nova, Funk oder Doo Wop. Als nicht nur hookreicher, sondern nochmal betörender traumhaft erweist sich ihr Debütalbum, das bei aller atmosphärischen Dichte mehr als ein Korn bodenständigen Realismus enthält. Uchis‘ Biographie ist von Migration geprägt – nach der Geburt in den USA zog sie mit ihren Eltern in deren kolumbianische Heimat zurück, nur um im Jahr 2000 erneut wegen der Konflikte zu flüchten –, und so steht nicht nur mit der Reggaeton-Sternstunde „Nuestro Planeta“ ein hispanophoner Song exakt im Zentrum des Albums, auch klagt „Your Teeth In My Neck“ die Ausnutzung eingewanderter Arbeitskräfte an oder entwickelt sich „Miami“ vom fernen Zufluchtsort („When I was just a little girl/ Had my sight set on a bigger world/ Got myself a Visa/ Started catching flights to where the grass is greener“) zum Revier („Live fast and never die/ I’m moving at the speed of light/ I’ll take your money, raise the price/ blow up the spot like dynamite“). Gleichermaßen kompromisslos entfaltet sich das Album im harmonischen Gesamtfluss statt als wahllose Playlist-Stoffsammlung, Beat-Intensität konzentriert oder Grooves vertiefen sich über einzelne Sektionen von „Isolation“, das derartig zum Paradebeispiel für Stärke durch Diversität wird. (Uli Eulenbruch)

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