AUFTOUREN 2017Die Musikvideos des Jahres
Ein Video kann einen Hit machen. Aber sind allein die Klicks aussagekräftig? Ist das australische Pop-Enfant-Terrible Kirin J Callinan jetzt ein Superstar, weil das Video zu „Big Enough“ über sieben Millionen mal angeklickt wurde, oder ist nicht bloß ein Teil des Videos ein ephemeres Mem?
Wenn Erfolgsmetriken das einzige Kriterium für Qualität wären, dann könnten wir uns mit den meistgesehenen Youtube-Clips des Jahres begnügen und die folgende Liste eigentlich sparen. Gab es im ersten Jahr nach der Gema-Einigung noch mehr subversive, konfrontative oder schlicht spektakuläre Bildhighlights zu bewundern? Urteilt selbst:
15
Taylor Swift – Look What You Made Me Do
Regie: Joseph Kahn
Joseph Kahn macht keine halben Sachen. Mit ihm hat Swift das perfekte Vehikel gefunden für absurdes Spektakel wie den dutzendfachen Kampf mit der eigenen Vergangenheits-Persona.
14
Torres – Skim
Regie: Ashley Connor
Eine Subversion von maskulinen Rockerklischees, aber auch eine Erforschung von Machtdynamiken – und stimmungsvoll bis ins Geisterhafte.
13
The Blaze – Territory
Regie: The Blaze
Eine emotionale Rückkehr in die Heimat, die dennoch nicht zum schmierigen Pathos verkommt – das ist große Kunst.
12
Fever Ray – To The Moon And Back
Regie: Martin Falck
Wenn Lewis Carroll das gewusst hätte!
11
JAY-Z – The Story Of O.J.
Regie: Mark Romanek
Ähnlich wie Beyoncé ihre letzten beiden ließ ihr Ehemann sein ganzes Album von großen Namen bebildern. Ein paar der Clips überdehnten oder sprengten den Rahmen eines Musikvideos, doch andere wie Ben und Joshua Safdies „Marcy Me“ und Mark Romaneks ungewohnter Schritt ins Animierte zeigten sich dafür umso fokussierter.
10
SZA – Supermodel
Regie: Nabil
Mit seinen Werken für SZA, Kendrick Lamar und Mike WiLL Made It behauptete Nabil Elderkin sich 2017 als einer der großen Bildvisionäre – nirgends zauberhafter als hier.
9
Yaeji – Last Breath
Regie: Kathy Yaeji Lee
Gleichzeitig DIY-Makeup-Tutorial-video und eine hintersinnige Parodie desselben – und vor allem unbemüht coole Dauerrotation.
8
OrelSan – Basique / Jain – Dynabeat
Regie: Greg & Lio
Bunte, lebensfrohe CGI-Trickserei und akribisch durchgeplanter Mammut-One-Take – Lionel Hirlé and Grégory Ohrel vermögen mit beidem zu imponieren.
7
Every Time I Die – Map Change
Regie: Kyle Thrash
Thrash tut sein Bestes, um das Rockvideo vital und aufregend zu halten – nirgends war er damit dieses Jahr erfolgreicher als mit diesem scharf geschnittenen, pulshochtreibenden Hinterland-Porträt.
6
Naive New Beaters – Words Hurt
Regie: Romain Chassaing
Schummeln oder nicht schummeln? Mit dieser ersten von vielen Fragen baut Romain Chassaing über dutzende miteinander verknüpfte Videos ein höchst humorvolles, interaktives Spiel des Lebens zusammen. Dass er auch mit konventionellen Clips unterhalten kann, bewies er anderweitig.
5
Charli XCX – Boys
Regie: Charli XCX and Sarah McColgan
„No boys were hurt in the making of this video 💕“
4
Kendrick Lamar – HUMBLE.
Regie: Dave Meyers & The Little Homies
Ein neues Kendrick-Lamar-Album bedeutet auch eine Fülle an überragenden Musikvideos. Als die eine Hälfte von The Little Homies hat Lamar selbst dabei meist selbst die Finger im Spiel, so auch bei dieser Sammlung unvergesslicher Bilder.
3
Leningrad – Kolshik / Voyage
Regie: Ilya Naishuller
Seit seinem Debüt vor vier Jahren hat sich Naishuller auch auf der Kinoleinwand mit Sex, Gewalt und Drogen breitgemacht – seine doppelte Rückkehr zum Musikvideo wirft narrative Tricks in die trashige Exploitation, die den schwarzen Humor noch dicker unterstreichen.
2
Björk – Utopia
Regie: Warren Du Preez & Nick Thornton Jones
2017 brillierte die Isländerin mit einer ganzen Serie von Musikvideos, konzentriert auf knapp drei Monate. Der zauberhaften transformativen Flötenton des Albums ist im Clip von Warren Du Preez & Nick Thornton Jones am besten eingefangen, die kreative Kraft hinter jedem der dadurch stimmig verbundenen Werke ist jedoch offenkundig Björk selbst.
1
Dua Lipa – New Rules
Regie: Henry Scholfield
Der alleinige Blick aufs Vorschaubild mag die Möglichkeit offenlassen, dass hier wie so oft die weiblichen Körper zur Objektifizierung aufgereiht werden. Doch Dua Lipa und die anderen Protagonistinnen von Scholfields vergnügt choreographiertem und farblich bestechendem Clip sind allein füreinander da, kein Raum für toxische Maskulinität. Bald milliardenfach angeklickt und bereits mehrfach kopiert, ist das Video mehr als seine Message – es ist ein umfassender Erfolg.

