
Als ich weiland 2010 meine erste Rezension für AUFTOUREN schrieb, betraf sie das damals dritte Album Sam Amidons: „I See The Sign“. Ein Anfang, der nicht nur die Lust am Schreiben entfachte, auch die Begeisterung für den schmächtigen, jungenhaften Amerikaner und seine Interpretationen uramerikanischer Liederkunst wuchs, so dass auch das Folgewerk „Bright Sunny South“ mit seinen luftigen Arrangements immer noch als ein Herzenswerk gilt. Das rohe „Lily-O“ vernachlässigend, folgt mit „The Following Mountain“ ein Werk, bei dem zum ersten Mal ausschließlich Eigenkompositionen Berücksichtigung fanden.
Es ist nicht zu überhören, dass Amidon sich musikalisch radikalisiert hat. Bislang fanden sich auf seinen Soloalben reichlich wenig improvisationsartige Zustände wieder, waren die Arrangements und Kompositionen auch noch so fantasievoll. Der Multiinstrumentalist geizte auch nicht mit unterschiedlichen Klangquellen oder Gastmusikern und zumindest damit macht er auf „The Following Mountain“ keine Ausnahme. Wieder ist Shazad Ismaily als Co-Writer mit von der Partie, an Schlagzeug und Perkussion unterstützen die rüstigen beiden Recken Milford Graves und Juma Sultan und nicht nur für die Saxofonfantasie „Gendel In 5“ durfte deren Namensgeber Sam Gendel selbst den Virtuosen geben.
„The Following Mountain“ gerät durch die an (Free-)Jazz, Folk und Improvisation geschulten Musiker zu einem Trip, auf den man sich erst einmal einlassen muss. Amidon selbst spricht von einem Spaziergang durch das Dickicht der eigenen Fantasie und könnte damit kaum richtiger liegen, entwickeln sich die Songs doch immer wieder beiläufig, also en passant weiter und verändern so die Blickachsen während einer ausgedehnten Partie durch die sommerlichen Appalachen. Dass Amidon dort nach wie vor seine musikalischen Wurzeln sieht, hört man vor allem zu Beginn. „Fortune“ und „Ghosts“ sind dabei eher kurze Ausflüge, die vom scheppernden Gitarrenpicking und der schnarrenden Stimme an die Hand genommen werden.
„Juma Mountain“ nähert sich noch am ehesten an die Vorgängerwerke an, auch „Warren“ bleibt trotz Hang zum Experiment im Songmodus stecken, hat aber nicht die Verve und Leichtigkeit früherer Stücke. Man muss Amidon allerdings zu Gute halten, dass „The Following Mountain“ bis auf den Schlussakt „April“ in geordneten Bahnen abläuft und die Improvisationssequenzen zumindest im ersten Drittel des Albums gesittet ablaufen. Was sich allerdings im ruhigen „Trouble In Mind“ bereits andeutet, führt er gemeinsam mit den beiden Schlagwerkmeistern zu einem erstaunlichen, nicht immer einfach zu ertragenden Höhepunkt. Scheinbar ohne Mühe lösen sich die Folkfesseln auf, zerfasern und strecken sich in alle Richtungen. Tempo ist nur noch ein vages Moment, Rhythmik und Struktur finden sich bloß in den wenigen Augenblicken wieder, wo Amidon die Stimme erhebt oder Gendel sein Saxophon langsam im Trommelnebel zu verlieren scheint. Beinahe zwölf Minuten stellen uns die Musiker mitten zwischen sich und verursachen einen taumelnden, zuweilen gar schwindelnden Schwebezustand, der sich bis zuletzt nicht vollends zu entwirren scheint.
So schön es ist, dass sich Sam Amidon vom Althergebrachten entfernt und dabei trotzdem seine Virtuosität nicht verloren hat, fehlt den Stücken auf „The Following Mountain“ das letzte bisschen Fokus, vielleicht ein wiederkehrendes Element oder gar ein spontaner Refrain. Zurück bleibt ein sich langsam in seine Bestandteile zerlegendes Album, dem ein wenig Konventionalität gut getan hätte.