The Mountain GoatsGoths
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Label:
Merge
VÖ:
19.05.2017
Referenzen:
The New Pornographers, Destroyer, M. Ward, Silver Jews, The Magnetic Fields, Prefab Sprout
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Autor: |
| Carl Ackfeld |
Die Rezension des mittlerweile sechzehnten Albums der Mountain Goats bedarf einer kurzen Vorbemerkung. Hatte sich der Rezensent erst weiland 2005 zum ersten Mal mit dem sprachverliebten John Darnielle beschäftigt, war schnell klar, dass damit eine länger währende Liebe geboren sein könnte. „The Sunset Tree“ hieß das Werk, das sich immer noch in der persönlichen Hitliste auf vordersten Plätzen hält und dessen erzählerische Kraft und emotionale Bindung an den Protagonisten noch heute seinesgleichen sucht. Darnielle blieb auf den folgenden Alben ähnlich einnehmend und auch sein brüchiger Backkatalog bot aufgrund von literarischem Feinsinn genügend Anlaufstellen. „Goths“ klang ob der vorangestellten Single „Andrew Eldritch Is Moving Back To Leeds“ ganz anders – aber eben auch nicht nach Patchouli und Pannesamt.
Nachdem Darnielle bereits Bibelstellen, Tarotkarten und zuletzt Kindheitserinnerungen an die mexikanischen Wrestlingstars der 70er- und 80er-Jahre in Songs verarbeitet und sich dabei auch mit instrumentaler Varianz auseinandergesetzt hatte, folgt mit „Goths“ ein fast schon radikaler, nichtsdestotrotz aber eben auch konsequenter Kurswechsel. Was läge schließlich näher, als dunklen Nachtgestalten wie Robert Smith oder Siouxsie Sioux mit lockerer Popmusik, Männerchören, Timpani- und Saxophonklängen seine Reverenz zu erweisen? John Darnielle stellt zudem das Klavier in den Vordergrund wie zuletzt auf „The Life Of The World To Come“, im Gegenzug verzichtet er auf jegliche Gitarren – ein Wagnis, das sich allerdings in den luftigen, in Teilen gar angejazzten Kompositionen bezahlt macht.
Der Songwriter spricht über sein Album hin von einer Herzensangelegenheit und darüber, wie sehr er sich der besungenen Subkultur verbunden fühlt(e). Mit der gewohnten Liebe zum Erzählen entwirft er dazu Szenarien, die den geneigten Hörer in Alternativwelten führen, stellt Protagonisten aus Fleisch und Blut in neue Kontexte und macht mit „Unicorn Tolerance“, einem hinreißend eingängigen, von süßlichen Flöten durchzogenen Indiepop-Juwel, auch nicht vor dem angesagten Einhornboom halt. Nicht selten erinnert „Goths“ an frühere New-Pornographers-Werke oder an den eleganten Softpop-Anstrich eines Dan Bejar, auf dessen letzten Solowerken Songs wie das sanfte „Stench Of The Unburied“ keine schlechte Figur gemacht hätten. Zuweilen macht sich dabei allerdings auch eine gewisse Länge breit, die Darnielle trotz all der hübschen Ideen und seines reichen Zitatenschatzes nicht vollends wettzumachen schafft.
Es sind wieder mal die kleinen, vordergründig sonderbaren Momentaufnahmen, die Darnielle melodisch, aber vor allem auch textlich herausarbeitet. Bei 33°C (oder eben 92°F) Siouxsie And The Banshees hören, wo doch eigentlich eine kalte Vollmondnacht geeigneter wäre. Schwarz tragen, obwohl draußen helllichter Tag ist. Unterschiede des amerikanischen Dark Rock zu den europäischen Gothicbands thematisieren. Vergessene Helden der Zeit ins Bewusstsein zurückholen. Und das Ganze dann mit leichter, eleganter Hand zwischen softem Rock und barockem Pop pendeln lassen. Liest sich diese Annäherung zunächst ganz und gar verrückt, erschließen sich Stücke wie das spätsommerlich süffige „Rage Of Travers“, das vorantreibende „Andrew Eldritch Is Moving Back To Leeds“ oder das vorzügliche, mit Männerchor und allerlei sinistrem Brimborium verzierte „Rain In Soho“ als liebevolle, sanft patinierte Hommage. Darnielle stellt dabei wie zuletzt in seinen Wrestlingerinnerungen die augenscheinlichen Sonderlinge nicht aufs Podest. Wenn schließlich aus dem fließenden „Shelved“ plötzlich ein frühes New-Order-Gedächtnis-Jangle auftaucht, wird schnell klar, dass die vordergründig abseitig scheinende „Sub“-Kultur irgendwie immer dazugehört.


