LambchopFLOTUS
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Label:
City Slang
VÖ:
04.11.2016
Referenzen:
Bon Iver, Willard Grant Conspiracy, Vic Chesnutt, Howe Gelb, Phosphorescent, Giant Sand
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Autor: |
| Carl Ackfeld |
„FLOTUS“ ist wohl eins der sonderbarsten Alben des Jahres. Die Ankündigung, dass nach dem eleganten und versöhnlichen „Mr. M“ und dem variantenreichen „OH (Ohio)“ ein neues Lambchop-Werk das Licht der Welt erblicken sollte, stimmte erwartungsfroh. Die 18-minütige erste Single (!) „The Hustle“ überraschte, wohingegen die Verlautbarung, dass auch elektronische Elemente einen größeren Teil einnehmen sollten, Besorgnis schürte.
Lambchop zeichnen sich seit Jahren für eine gewisse Konstanz innerhalb der Americana- und Alternative-Country-Gemeinde aus. Nie vollends raubeinig, aber dennoch mit gehörig Staub auf der Lunge fällt dafür Kurt Wagners Stimme ins Gewicht, die besonders zu Beginn der Bandgeschichte den engmaschigen und minimalistischen Kompositionen einen Kontrapunkt zu setzen vermochte. Ab dem Doppelalbum „Aw C’Mon / No You C’Mon“, spätestens aber seit „OH (Ohio)“ zieht sich ein stärkerer Melancholiefaden durch Songs und Klang, der auch auf dem folgenden „Mr. M“ in bestechender Weise ausformuliert wurde.
„FLOTUS“ verfolgt diesen Faden zumindest gedanklich, verliert sich aber in seiner Skizzenhaftigkeit. Der ohnehin stark ausgeprägte Hang zum „Weniger ist mehr“ bekommt durch eine modernistische Auffassung des Klangbilds nur tum Teil die gewünschte Richtung, was sich in vielen Momenten des Albums nicht wegdiskutieren lässt. Dass zudem verfremdende Elemente ein schmaler Grat sind und nicht jeder Stimmfarbe gut zu Gesicht stehen, dazu ließen sich gerade aus neuerer Zeit Beispiele en masse aufzählen. „FLOTUS“ reißt an und bleibt dabei nahezu konsequent unterhalb der musikalischen Eindeutigkeit. Das lässt sich fabelhaft an den beiden einrahmenden Stücken „In Care Of 8675309“ und „The Hustle“ erkennen, denen ihre Spieldadas en von zwölf und achtzehn Minuten deutlich zum Verhängnis werden. Wundervolle kurze Motive, von Klavier, Streicherzupfern, einem subtilen Schlagzeug und Klarinette dargeboten, schüren Erwartungen, die keiner der beiden Songs über die volle Distanz aufrecht erhalten kann. Subtil sagt der eine, langatmig der andere, nachdem beim Schlussstück über sechs Minuten ins Land gezogen sind, bevor Wagner zum ersten Mal in den Vordergrund tritt. Zum ersten Mal auf dem gesamten Album wohlgemerkt, und das, obwohl er auf den vorhergehenden Stücken präsent ist.
Sicherlich ist Wagner immer schon eher mit seiner Stimme in die instrumentalen Passagen eingetaucht, als dass er als strahlender Heldentenor darüber hinweggestrahlt hätte. Wie unauffällig er im Mittelteil des Albums auftritt, das fällt aber beinahe in die Kategorie „besorgniserregend“. Aufregend unaufgeregt, könnte so etwas geschönt heißen, doch was nützt es dann, dazu andererseits neue Wege zu gehen? Hier ein elektronisches Irgendwas mit seiner Stimme anzustellen, in Teilen herausragende Melodiefetzen wie in „NIV“ oder „JFK“ den Raum zu rauben oder den Neuerfindungsmodus so zu übertreiben, dass „Relatives #2“, „Directions To The Can“ oder das erfrischend altmodische „Writer“ in althergebrachtem Rahmen wahre Glanzlichter in der Diskographie wären. Der Drang, allem etwas Neues hinzuzufügen, gipfelt im schwierigen „Old Masters“, dessen Beatverliebtheit eine Art HipHop verspricht, was jedoch auch im Entwurfsstadium hängenbleibt.
Was bleibt ist, dass „FLOTUS“ so ein wenig in der Entwicklung stehen geblieben ist. Vergleiche zum kürzlich erschienenen dritten Bon-Iver-Album lassen sich nicht wegdiskutieren, dessen Metamorphose zwar noch radikaler, aber eben auch griffiger und prägnanter vollzogen wurde. Es spricht ja nichts gegen eine gewisse Länge, doch über die volle Distanz darf es schon ein bisschen mehr sein, als sich auf großartigen Skizzen auszuruhen.


