Bon Iver22, A Million

Wenn zwei Alben die Welt bedeuten, trägt Justin Vernon eine enorme Last auf seinen Schultern. Mit „For Emma, Forever Ago“ und dem selbstbetitelten Bandalbum „Bon Iver“ (2011) verbindet sich der Aufstieg zum Indie-Superstar, den die Band und er selbst, als Frontmann, nie gewollt haben. So scheint es zumindest, wenn man seine spärlichen Auftritte im Scheinwerferlicht als Maßstab nimmt: Als hätte sich ein Alien versehentlich auf diesen Planeten verirrt und möchte liebend gerne an die Hand genommen, noch lieber nach Hause gebeamt werden. Gefühlt eine kaugummiartige Ewigkeit ist es nun her, als die letzten Bon-Iver-Songs das Licht der Welt erblickten. Es mögen Tage, Wochen und Jahre des Grübelns gewesen sein, ob der tantalidischen Aufgabe, den Erwartungshaltungen der Kritik und des Publikums gerecht zu werden.

„The dream has taken on its own life“

So ist nun „22, A Million“ auch vor allem eines geworden: ein bunt ausstaffiertes Ausweichmanöver. Es ist eine musikalische Schlingerfahrt, die so weit wie möglich alles aus dem Bandkosmos Bekannte zu umfahren versucht. Die Songtitel heißen statt „Holocene“ oder „Skinny Love“ dann folgerichtig und ein wenig peinlich „10 d E A T h b R E a s T ⚄ ⚄“ oder „21 M♢♢N WATER“. Man wähnt sich ins Jahr 2010 zurück, als krude Projekte mit übersteuerten Bässen und Stimmen aus dem Jenseits das Genre „Witch-House“ zu etablieren versuchten und bloß wenig Momente später vom Maelstrom der Musikgeschichte hinweggefegt zu werden. Bon Ivers Ansatz scheint im Einzelfall überlebenstauglicher, wenngleich nun ebenso wenig in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder Zukunft zu verorten. Wobei man trefflich darüber streiten kann, ob das überhaupt auf die ersten Lieder des Albums zutrifft, die nie ohne garstig verzerrte Vocoderstimmen auskommen, die vermutlich eine wie auch immer geartete Artiness suggerieren sollen, meist aber ziemlich schlicht in Abstaubermanier die Songs brutal kaputtgrätschen.

Die neuen Stücke sind entgrenzte musikalische Skizzen, die oftmals eine genaue Festlegung scheuen. Bereits auf dem bekannten Eröffnungssong „22 (OVER S∞∞N)“ wird Vernons Stimme samt Beautiful-Loser-Atmosphäre durch den Vocoder-Schredder gejagt, um später ein paar blau angelaufene Stimmsamples dazuzumischen. Für den Zuckerguss sind Akustikgitarren, später auch Klavier und Streicher verantwortlich, bevor ein trauriges Saxophon den Abgesang vollendet. Ist das nun Gospel? Folk? Experimental? Die Frage erübrigt sich: Denn Bon Iver, das war vor allem ein transportiertes Gefühl des Angekommenseins in einem brüchigen Zuhause aus Melancholie, Sentimentalität und tief empfundener Zufriedenheit. „22, A Million“ verwehrt auf der ersten Hälfte diesen Zauber, schafft es jedoch auch nicht, eine plausible Gegenleistung zu erbringen. Es scheint diesem Album die Bürde eines gewollten Opus Magnum aufzuerliegen, was sich zuletzt bei Sufjan Stevens‘ „Age Of Adz“ vergleichbar angefühlt hat: Ein Album voller Ideen, Anfänge und schiefer Enden, was, in perfekter Balance, durchaus zu Verzückung anregen vermag, jedoch in der vorliegenden Ausführung über ein folgenloses Abnicken des künstlerischen Mutes nicht hinausweist.

„But dreams adjust in new realities“

Man mag es der sympathischen Band nicht verübeln, dass sie musikalische Wege eruiert, ihren Sound zu diversifizieren und ihren Spaß am Experiment auf Platte zu bannen. Die Ergebnisse sind aber eben genau das: Kaum auf Songlänge gereifte, mit übersteuerten Elektronik-Elementen angereicherte, kaputtgeschossene Trauerspiele mit konstruierter Dramaturgie, die sich selbst an den eigenen Metamorphosen gefallen, bevor das oftmals abrupte Ende die Folk-Song-Konventionen endgültig zermürbt. Verstörung, Destruktion, das wäre durchaus ein sinnvolles künstlerisches Statement, wären diese skizzenhaften Geister mehr als bloß da. Aber die studioeigene Produzentenriege um April Base ist eben kein Haxan Cloak, der neben ANOHNI und Björk aktuell mit einer angenehm zurückhaltenden und absolut zeitgemäßen Produktion von serpentwithfeet überzeugt, sondern vermag aus dem Material keine beklemmende Entrücktheit zu entwickeln und ebenso wenig eine überwältige Rasanz an Untertönen. Vielmehr wird eine experimentale Hitze heraufbeschwört, die einen bloß fröstelnd zurücklässt.

Als Beispiel mag auch die aktuelle Single „33 “GOD““ gelten, ausstaffiert mit Stimmsamples aus Engelsstimmen im Schraubstock. Dazu gesellen sich feinsortiert Feuerwerk-Beats, von Woodkid geklaute Bässe und paradiesisch daherflötende Streicher. Irgendwo hinter dem rumpelnden Schlagwerk versteckt sich ein Paolo-Nutini-Sample. „Gewollt“ ist der Ausdruck, der für ein solches Werk erfunden wurde – erst recht, wenn man bedenkt, dass die 33 das Sterbealter Christi reminisziert, der Song 33 Tage vor dem Album veröffentlicht wurde und genau 3:33 Minuten lang ist. Konstruiertheit gegen Seele und Lässigkeit einzutauschen, wäre der Königsmove gewesen.

“22 stands for Justin. A million is the rest of this world”

„22, A Million“ wäre entsprechend ein Ärgernis, wäre da nicht die zweite, versöhnlichere Hälfte, die Kalte-Füße-vor-der-eigenen-Courage-Hälfte, die konventionellere Hälfte, vollgepackt mit eben jener verletzten Stärke, die Bon Iver bislang auszeichnete. Mit all den ergreifenden Melodien und der spürbaren Routine einer gewachsenen Band mit Vergangenheit, die eben wieder mit organischer und manchmal auch etwas ätherischer Melancholie ihre musikalischen Angebote auf ausgestreckter Hand präsentiert. Bei „666 ʇ“ ist sie endlich da, diese Sensibilität, kontrastiert von einem angetrunken tänzelnden Bass und zärtlichem Störfeuer. „29 #Strafford APTS“ grüßt freundlich Simon & Garfunkel, das Waits’sche „____45_____“ lässt die gebrochene, tastende und erledigte Sehnsucht auf eine eigensinnige Weise erstrahlen, die hier lange vermisst wurde. „00000 Million“ spielt mit Gospel- und Country-Referenzen, zitiert knapp an Bibelversen vorbei und ist in seiner fast entrückten Schlichtheit so schön, dass jegliches Erwehren in einer Niederlage enden muss.

Nie waren Bon Iver jedoch auch so interessant widersprüchlich und ihre Texte so fragmentarisch: Zwischen Anekdoten und Referenzen auf persönlichen, politischen und gesellschaftlichen Ebenen ergeben sich Freiräume für eigene Assoziationen und Bezüge. Kaum mehr als ein Absatz scheint eindeutig in der Aussage, es geht um Träume, Wunschvorstellungen und Selbstbefragungen. Verluste und Scheinbares sind omnipräsent, jedoch in ihrer Aussage so diffus und unfassbar, dass „22, A Million“ textlich kaleidoskopisch funkelt – zumindest immer dann, wenn Vernons Stimme nicht vernuschelt oder vocoderverzerrt in der eigenen, mit Pathos zugeschütteten Gefühlsgrube liegt.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum