Cass McCombsMangy Love

Zugegeben: Es hätte auch bei der ersten Ankündigung von „Mangy Love“, dem mittlerweile siebten Album des sanften Songwriters, mit dem Teufel zugehen müssen, hätte sich Erhebliches an dessen Klangbild geändert. Spätestens seit „Catacombs“ aus dem Jahr 2009 konzentriert er sich auf geschmackvoll gediegene und vollmundige Songwriterkunst, die ihn aber nie davon abgehalten hat, seinen ausformulierten Songs auch eine gewisse Schwere, Unzugänglichkeit und Komplexität angedeihen zu lassen.

„Mangy Love“ bildet da kaum eine Ausnahme, dennoch treibt es das bisherige Schaffen auf einen Gipfel an Eklektizismus, der trotz seiner engen Grenzen beeindruckend ist. Das ohnehin schon weit geöffnete Klangköfferchen bekommt eine zweite Schublade, auch rhythmisch passiert eine ganze Menge mehr. McCombs versteckt diese Erweiterungen allerdings immer wieder geschickt in seinen Kompositionen, so dass erst beim zweiten, dritten Hören der deutlich verstärkte Shuffle auffällt, den das mit Flötentönen und Spoken-Word-Echo verzierte „Laughter Is The Best Medicine“ aufweist. Die Melodiefolge im anschließenden „Opposite House“ wiederum ist so vertraut und erinnert deutlich an den Edel-Pop von „Wit’s End“, nicht nur weil die zwischenzeitliche Gitarrenminiatur frappierend nach der Blauen Stunde fragt und sich die wundervolle Angel Olsen als Begleitsängerin beweist.

McCombs kontert jedoch diese süffigen Melodiebögen mit ätherisch-nebulösen Texten über „Medusa’s Outhouse“ oder „Low Flyin‘ Birds“ und bettet diese in unwiderstehliche Soundzuckerwatte, deren Urheberschaft man dem Musiker nur schwer absprechen kann. Gerade bei Letzterem scheint man tatsächlich in den weichen Daunen des Vogelkörpers über die weiten Lande zu schweben, völlig entrückt, der seelenvollen Gitarre andächtig lauschend. „Cry“ fällt kurz darauf ein wenig aus dem Rahmen, badet ein wenig zu tief in AOR-Gefilden, was im Gesamtkontext von „Mangy Love“ auffällt, aber nicht weiter stört. Die Stärken McCombs liegen nach wie vor in den ruhigeren und beseelten Momenten wie beim herausragenden Eröffnungsstück „Bum Bum Bum“ oder dem abschließenden „I’m A Shoe“. Dass er allerdings auch ganz neue Saiten aufziehen kann, lässt er in „Run Sister Run“ hören. Nervös-tänzelnder Funk, dem trotzdem der Folk aus jeder Pore tropft und ein wenig an akustische Talking Heads-Variationen erinnert. Der shuffelnde Softrock des folgenden „In A Chinese Alley“ lässt ihn jedoch schnell wieder in seine Rolle fallen, der unerwartete Ausbruch zuvor tut „Mangy Love“ aber unglaublich gut und sorgt für ausreichend Kurzweil.

Nachdem „Big Wheel & Others“ die musikalischen wie textlichen Spielräume McCombs zur lohnenswerten Geduldsprobe werden ließ, ist dieses bei „Mangy Love“ trotz zwei Albenseiten weniger nicht viel anders. Nach wie vor nimmt sich der Musiker viel Zeit, seine Songs zu entwickeln, auszubreiten und in ihrer ganzen Pracht darzustellen. Kaum ein Stück, dessen Beginn, Mitte oder Ende nicht instrumental breit angelegt wäre, dessen Tempo nicht eher gemessen, dessen gestalterische Vielfalt sich aus dem Kleinen hinaus nach außen streckt. Das mag der eine Langeweile nennen, doch schöpft sich genau aus dieser beharrlichen und fein ziselierten Arbeitsweise McCombs‘ musikalischer Schatz: ein unglaublich sauberes und klares Gespür für musikalische Nuancen, das dem Geduldigen selbst in den länger gehaltenen Gesangsnoten Überraschungen bietet. Und das seit nunmehr sieben Alben.

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