DM StithPigeonheart

Sieben Jahre sind eine lange Zeit. Nachdem „Heavy Ghost“ zurecht als Meisterwerk gefeiert wurde und die zahlreichen begleitenden Appendixe und EPs nicht deutlich dagegen abfielen, wäre ein kurzfristiger Nachfolger die sichere Bank gewesen. Doch David Michael Stith schien anderes im Sinn zu haben, verdingte sich im Vorprogramm von unter anderem Sufjan Stevens, produzierte Artwork für Acts wie My Brightest Diamond, war Teil des ein wenig unter dem Radar segelnden Art-Pop-Projekts The Revival Hour und hat gerade in letzter Zeit zahlreichen Features und Kollaborationen (beispielsweise William Ryan Fritch und Sarah Kirkland Snider) beigewohnt, wodurch der Rumor um ein eventuelles zweites Album ein wenig geringer wurde.

Und dann kam „Amylette“. Das bereits im Februar vorgestellte erste Lebenszeichen eines folgenden Longplayers ließ aufhorchen, so anders war der sich dort präsentierende artifizielle Klang. Wenig war geblieben von den warmen, verschlungenen Arrangements des Vorgängers und auch die barocke Opulenz des Kunstliedausflugs in die New-Amsterdam-Records-Gemeinde schien wenig Eindruck auf DM Stith gemacht zu haben. So schürt man Erwartungen, man hörte die in Spannung wartende Fangemeinde in den sozialen Medien nach weiteren Schnipseln skandieren und so schien es förmlich Felsbrocken von Herzen zu regnen, als mit „War Machine“ ein weiterer Aufmerker das Licht der Welt erblickte und schon stärker für Versöhnung sorgte. Die Melodie gleicht dem verstiegenen Auf und Ab der Vorgänger und die prasselnde Elektronik unterstützt das Korsett des Songs bis zum erlösenden „amazing grace“ am Ende.

Der erste Durchgang des schlussendlich Ende Juli veröffentlichten Albums konnte dann aber doch nicht darüber hinweg täuschen, dass sich seit „Heavy Ghost“ eine Menge, in Teilen gar zu viel verändert hatte. Wo waren diese Momente abendlichen Glücks, die beim Hören der waidwunden Kompositionen „Pity Dance“ oder „Thanksgiving Moon“ den Behaglichkeitsmodus in die Unendlichkeit führten? Warum ist kein „Fire Of Birds“-Wiedergänger zu finden, in dem sich Stith doch so herrlich zwischen Fragilität und Larmoyanz verwindet? Kurze Zeit später entdeckt man jedoch genau solche Passagen wieder, stufig überhöht und in neuen spannungsgeladenen Kontext gehoben. So wie in „Rooster“, dessen Melodieführung süßlich süchtelnd durch einen Elektronikwald schlingert und sich auch durch die harte und nervöse perkussive Linie nicht aus der Ruhe bringen lässt. Oder etwa im friedvollen „Cormorant“, dessen heitere Gitarren den wolkigen Folk des Laurel Canyon im Herzen tragen.

Knapp vier Wochen nach diesen gelinde gesagt ersten doch zwiespältigen Höreindrücken hat sich „Pigeonheart“ derart gefestigt, dass die Begeisterung über den Erstling zwar noch nicht in Gänze erreicht wurde, doch gerade in den stillen Momenten schimmert jene glitzernde Melodienwelt des DM Stith auf, die sich wie ein Rausch in den Gehörgängen festsetzt. Sicher hat seine Stimme ein wenig von ihrer markanten Dominanz eingebüßt, dafür tragen seine Kompositionen deutlich mehr Farben. Zwischen dem bereits erwähnten „War Machine“ und „My Impatience“ – einer dringlichen Ode an die eigenen Befindlichkeiten – liegen Welten, die der Grundstimmung des Albums aber keinen Abbruch tun. Auch sonst ist „Pigeonheart“ nach mehrmaligem Hören längst nicht mehr befremdlich, wie zunächst vermutet. Der erhoffte erneute Triumph bleibt zwar aus, für ein wärmendes Glücksgefühl langt es bei DM Stith aber allemal.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum