Loblieder über die jüngsten Veröffentlichungen des wundervollen Labels New Amsterdam Records wurden hier in diesem Jahr bereits gesungen, überzeugten doch sowohl die Vokalartisten von Roomful Of Teeth als auch die dunkle Elektrobearbeitung Missy Mazzolis. Nun also Kunstlied-Variationen beziehungsweise Poesie-Vertonungen – und ohne zu viel vorwegzunehmen: die Veröffentlichungen bleiben auf höchstem Niveau.

Vertonte Gedichtzyklen lassen sich vor allem in klassischen Gefilden verorten, „Die Winterreise“ und „Die Schöne Müllerin“ oder Kästners „Die Dreizehn Monate“ sind Beispiele für solche Konzeptionen. Sarah Kirkland Sniders „Unremembered“ fischt sicherlich in ähnlichen Jagdgründen, doch überwiegt neben dem ernsten Kompositionsgedanken auch eine deutliche Gefühlsebene, die auch durch die erzählerisch agierenden Sänger und das lautmalerisch auftretende Unremembered Orchestra unterstützt wird. Geboten werden die Gedichte von Nathaniel Bellows, Erinnerungsskizzen und Geschichten von einer Kindheit in Massachusetts, mit all ihren humorvollen Episoden und fantastischen Begebenheiten.

Die Komponistin und Labelchefin lässt ihren VokalistInnen innerhalb ihrer feinsinnigen Arrangements viel Raum. Shara Worden alias My Brightest Diamond wird in „The Swan“ zum großen, weißen Wasservogel, der erst wie aus Eis und Schnee gemacht majestätisch übers Wasser gleitet und schließlich durch den Eingriff des Menschen zerstört und zerstückelt am Uferrand gefunden wird. Wenn die Sängerin zur Hexe wird, wie im gruselig-aufbrausenden „The Witch“, kommt sie damit ihrer Rolle als Waldkönigin auf „The Hazards Of Love“ von The Decemberists sehr nahe und muss sich gegen mannigfaltige Streicher- und Trommelattacken wehren, bis sie sich als Trugbild oder Nachtmahr eines heranwachsenden Jungen entpuppt, das diesen zeitlebens nicht loslässt. DM Stith lässt in „The Estate“ das Haus seiner Jugend atmen und pulsieren, mit seinem hier mädchenhaften Tenor lässt er es wahrlich geisterhaft erscheinen.

Die Stimmungen auf „Unremembered“ ändern sich im Verlauf des Albums ständig, lassen es aber dennoch zu einer Einheit zusammenwachsen. „The River“ mäandert schleppend am Dorf vorbei, umschließt es mit den sich verfolgenden Stimmen von Stith, Worden und Padma Newsome, dessen Bariton den zähen Fluß überzeugend widerspiegelt und im Kontrast zu den perlenden Sopranechos des Hintergrundchors steht. In der wunderschönen Allegorie „The Speakers“ erzählt Bellows von Leben und Tod und Kirkland Snider komponiert jede einzelne Strophe wie ein kleines Schauerstück, Seufzermotive in den Streichersaiten inklusive. Jedem Gedicht lässt sie genügend Raum zur Entfaltung, die schält die erzählten Worte aus einer Art Erinnerungsstamm und untermalt jedes Wort mit dem ihm zustehenden instrumentalen Rahmen. Fast immer organisch, doch zuweilen lässt sie ein Quäntchen artifizielles Beiwerk, wie im zerrissenen „The Orchard“ zu.

„Unremembered“ ist ein Songzyklus, dem man eine feine kompositorische Hand anmerkt. Viele der einzelnen Gedichte wirken vielleicht erst beinahe zu ernst und streng, doch streift man den zuweilen dichten und sakral anmutenden Überbau ab und hat sich darüber hinaus an die durchkomponierten Strukturen gewöhnt, überzeugt Sarah Kirkland Sniders zweites Album auf ganzer Linie. Vielleicht muss hier sogar das Fenster noch ein wenig weiter aufgestoßen werden als beim artverwandten „Render“ von Roomful Of Teeth, doch wenn man erst einmal durchgeschlüpft und in dieser lebendigen Melodienlandschaft gelandet ist, lässt es sich hier vortrefflich auch länger verweilen.

4 Kommentare zu “Sarah Kirkland Snider – Unremembered”

  1. […] Sweden: SverigeRadio: Kalejdoskop Switzerland: Clandestini Per Scelta Germany: Auftoren (Review; Album of the Quarter) Turkey: Kiyi […]

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