Wild BeastsBoy King
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Label:
Domino
VÖ:
05.08.2016
Referenzen:
Everything Everything, Those New Puritans, Yeasayer, ANOHNI, Kirin J Callinan
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Autor: |
| Carl Ackfeld |
Popmusik, welch leidenschaftliches Ding du bist! Zeugten die bisherigen Alben von Wild Beasts vor allem vom kreativem bis experimentellen Umgang mit dem Medium Pop, lassen die Engländer auf „Boy King“ eine neue, aufregende Herangehensweise zu. Doch wer jetzt mit einem „Sex Sells“-Ausverkauf rechnet, wird bitterlich enttäuscht.
Es sind eher die schwülen Abgründe zwischen Begierde und Verlangen, denen die Band und allen voran Hayden Thorpe bei ihren nächtlichen Streifzügen begegnen. Der Puls erhöht sich stoßweise, Verschnaufpausen gibt es nur in den kurzen Momenten der Stille zwischen den einzelnen Songs. Die ausdrucksstarke Stimme Thorpes findet sich deutlicher in der Musik wieder, als wie noch zuletzt ein wenig oberhalb der Begleitung entlang zu mäandrieren. Der kontrastierende Bariton von Tom Fleming wiederum bekommt generell mehr Bezug und ist deutlich häufiger zu hören als auf den Vorgängern. Der Sound ist abgetönter, düsterer, dichter. Nervöse Beats, denen gerne auch mal der Funk aus den Poren schlüpft, gleiten zwischen pointiertes Gitarrenzucken und angetäuschte Elektronik. „Boy King“ wird dadurch zu einem Amalgam der Nacht, deren ekstatisches Potential sich erst nach und nach entlädt.
Bis zum schwelenden und körperlichen Empfinden von „Eat Your Heart Out Adonis“ und dem entladenden Schlussakkord von „Dreamliner“ lassen Wild Beasts viel passieren. Vermutlich nicht von ungefähr folgt zu Beginn der „Tough Boy“ auf die „Big Cat“, der direkt mal ein animalischer Königin-der-Nacht-Status verliehen wird: „Big cat on top/ better show me what you’ve got/ Big cat top of the food chain“. „Now I’m all fucked up and I can’t stand up/ so I better suck it up like a tough guy would“ startet das folgende Pendant, den Funk zwischen den Beinen und das verschleppte Tempo direkt in die Lendengegend übertragend. Die Gitarre jauchzt, der Körper jubiliert.
Vieles auf „Boy King“ zielt in die Körpermitte, die verschwitzten Rhythmen von „Alpha Female“ und „Get My Bang“ bilden da keine Ausnahme. Anleihen an den lasziven Cocktail-Pop von Roxy Music wischt die industriell gefärbte Produktion John Congletons zuweilen an den Rand, doch vor allem wenn Thorpes Falsettstimme stimmliche Begleitung bekommt oder die Band im narkotischen „Celestial Creatures“ die himmlischen Heerscharen beschwört, bekommt das fünfte Album der Briten genügend Standfestigkeit, um nicht vollends im schwülen Neonlicht zu vergehen.
Waren es vor allem auf den ersten beiden Alben die raumgreifenden Arrangements und die Stimmfarbe, die Wild Beasts deutlich von augenscheinlich artverwandten Bands abgrenzten, lässt auch das neu aufgekommene Körpergefühl selbstbewusst wenig Raum für Soundbegleiter. Während „He The Colossus“ die Intensität des Albums auf einen wiederholten Höhepunkt ansteigen lässt, pulsiert das schon erwähnte „Eat Your Heart Out Adonis“ mitten in die Blutbahn und lässt keinen Zweifel an der Absicht erkennen, mit „Boy King“ ein Album zu erschaffen, das stark durch Aggressivität, Intensität und Männlichkeit gekennzeichnet ist. Sündhaft, sinnlich, aber auch ein wenig schmutzig: ein Rausch, der aber zum Schluss doch noch ein wenig Verletzlichkeit zu Tage treten lässt.


