GreysOuter Heaven

„I hate it! I want it! I need it! I love it!“ Fast wie einst Hüsker Dü in „Masochism World“ erbeben Greys mit rüttelnden Gitarren bei „Complaint Rock“, doch zielen die Kanadier nicht auf nostalgische Adaptionen ab: Ihr nervöses zweites Album externalisiert innere Zerrissenheit und blickt dabei auf Islamophobie, fragmentierte Identität und die Ungewissheit des Jetzt.

Das gelingt ihnen vor allem deshalb so gut, weil sie nicht mehr wie auf ihrem Debüt konventionellen Riff-Punk mit etwas Extraverstärkung runterspielen, sondern ein tieferes Noise-Potential ausschöpfen. „Don’t shoot! I’m not the enemy!“ äußert Shehzaad Jiwan schon zu Beginn von „No Star“ deutlich seine Ängste, allein aufgrund seiner Abstammung zum Ziel grassierender Xeno- und auch Islamophobie zu werden (dass die tatsächliche Religion der Opfer dabei gar keine Rolle spielen muss, zeigen in letzter Zeit schließlich schon alleine die zahlreichen Diskriminierungsvorfälle auf Flugreisen, bei denen turbantragende Sikh-Schauspieler und Mathegleichungen hinkritzelnde Ökonomieprofessoren von „besorgten“ Ahnungslosen als vermeintliche Islamisten denunziert werden). Auch wenn die Anspannung von Stimme und Instrumenten hier graduell zum Crescendo anschwillt, hängt von Beginn an ein bassiger Druck im Klangbild, wodurch die heftigen Entladungen des Refrains zur kathartischen Erlösung werden.

Originell adressiert das finale „My Life As A Cloud“ die Frage nach einer Identität im fragmentierten digitalen Raum nicht mit polemischem Hammer, sondern porträtiert es als einen desorientierten Fiebertraum in warmem Hall. Dass bei anhaltender Unruhe Songs mit weniger konkreter Zielsetzung wie „Blown Out“ an Teenage-Angst-Klischees grenzen können („There’s something wrong with me“), addressiert „Complaint Rock“ als Ausgleich mit Humor. Beide Songs fiepen, poltern und fetzen an allen Ecken, doch während Letzterem das Kunststück des alles diffundierenden Breakdowns in der Mitte gelingt, wirkt der andere wie auch „If It’s All The Same To You“ noch unabsichtlich holprig – sie kriegen rhythmisch nicht ganz die Kurve, um die einzelnen Sektionen des Stücks packend aneinanderzukitten.

Dabei zeigt das melancholische „Erosion“, dass der Band auch ein unverkrachter Midtempo-Song mit konstanter Temperatur gelingen kann. „Sorcerer“ lässt in gebündelter Unruhe hingegen kein freies Atmen zu, durchweg ungemütlich und geradezu kompromisslos ist es, wie Greys keine ausbrechende Erlösung aus diesen sägenden Krachwogen erlauben. Bemerkenswert viel hat die Band auch in den Abschluss der Stücke investiert, die nach dem letzten siginifikanten Anschlag oder Shout noch geduldig zerfallen oder weiteratmen können – außer wenn der einzige Zweiminüter „In For A Penny“ einmal ungehalten reinbricht.

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