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Sioux Falls – Rot Forever

Wenn man einschlägigen Musikmagazinen oder Blogs folgt, könnte man zu der Einsicht kommen, Gitarrenmusik sei nun endgültig am Ende; der letzte Hype sei endgültig verfolgen, die Helden von einst arbeiteten fleissig an Demontage oder Mythenbildung oder daran, dass endlich auch bei ihnen der Depeche-Mode-Effekt einsetzt und die Fans sehnsüchtig auf neues Material, egal welcher Güte, warten. Zudem scheinen Dance, R’n’B, Pop und HipHop endgültig die Herrschaft übernommen zu haben. – was in Verkaufszahlen vermutlich sogar stimmt. Sicher liegt das auch an personellen Umstrukturierungen in den Redaktionen und damit einhergehenden Verschiebungen bei den persönlichen Präferenzen (man kann dies abgeschwächt auch bei uns beobachten) und im Falle von Pitchfork könnte man außerdem unken, durch den Verlust der Unabhängigkeit habe noch eine andere Ausrichtungsänderung stattgefunden.

So hat der ehemalige Vorreiter und Meinungsmacher zwar sicher noch nicht seine Position verloren, aber zumindest gefühlt angefangen, an Relevanz einzubüßen, wenn es ums Entdecken von Neuem geht. Ähnliches war im Laufe der letzten Jahre hierzulande ebenfalls zu beobachten: So feiert das Magazin, welches einmal den Zusatz „Musik zur Zeit“ (lange her, aber der Anspruch blieb) im Titel hatte und immer für eine Überraschung gut war, zwar exklusiv die Veröffentlichung von Human Abfalls zweiten Album „Form Und Zweck“ mit einem Vorab-Stream, deren grandioses Debüt „Tanztee Von Unten“ fand aber dort, geschweige denn deutschlandweit, kaum bis gar nicht statt. Woran lag’s? Ich weiß es nicht, an der Qualität mit Sicherheit nicht. Zum Großteil (Rock-)Gitarrenallergiker in den Redaktionen? Weil sich eine Ansicht durchgesetzt hat, dass dieses Instrument wie kein zweites „die Verlängerung des Schwanzes des weißen Mannes“ verkörpere? Mir persönlich ist das völlig scheißegal, insbesondere wo doch im amerikanischen Hardcore derzeit zum Beispiel die queeren G.L.O.S.S. vehement emanzipatorische Themen artikulieren.

Aber weder von Human Abfall noch von G.L.O.S.S. soll hier die Rede sein. Die Band, die zum Schreiben dieser Zeilen herausfordert, heißt Sioux Falls und kommt aus Portland, Oregon. Das Trio, bestehend aus Isaac Eiger (Gesang, Gitarre), Fred Nixon (Bass, Gesang) und Ben Scott (Schlagzeug), hat mit „Rot Forever“ nicht weniger als das beste amerikanische Indie-Punk-Post-Hardcore-Emo-Debütalbum seit weißnichtmehr eingespielt. Dabei machen die Anfang-20-Jährigen noch nicht einmal etwas revolutionär Neues, eher im Gegenteil. Musikalisch bewegen sich Sioux Falls eigentlich auf vermintem Gelände und auf der Angesagtheitsskala weit im unteren Drittel, so stellen sich bei der bloßen Erwähnung von Emo bei nicht wenigen reflexhaft die Nackenhaare in die Höhe. Andererseits kommt beim Hören gar nicht primär der Gedanke an Emo auf, vielmehr erscheinen vorm inneren Ohr eher Großmeister und Wegbereiter des US-Indie-Rock, namentlich Dinosaur Jr. und deren Debüt oder Built To Spill. Manchmal ist „Rot Forever“ durchaus akustisch, fast immer atmosphärisch.

Was das Doppelalbum über seine 73 Minuten – nebenbei, welch eine Ansage für ein Debüt –  auszeichnet, ist seine Unaufgeregtheit, sein Gefühl von „Ehrlichkeit“. Und zwar im Sinne von Aufrichtigkeit: Eiger reflektiert über seine Situation als Heranwachsender und hat auch schon etwas von Meta-Ebenen-Diskurs gehört, aber er verfällt nie in jene allzu gern zur Schau gestellte abgeklärte ironische, zynische Checkerattitüde. Vielmehr erlangt man den Eindruck, das, was er zu sagen hat, bewege ihn auch. Verzweiflung, Wut, Resignation, Teenage Angst und das Empfinden der eigenen Unzulänglichkeit nimmt man ihm gerne ab und vermutlich ist es gerade dieser Umstand, der spürbare Do-It-Yourself-Geist und die kleineren Unzulänglichkeiten, die „Rot Forever“ umso größer strahlen lassen, dass man keine einzige Sekunde davon missen möchte.

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