Als beträte man gerade einen der nicht zu großen Räume, in denen Human Abfall noch spielen, ist „Im Rückspiegel“ bereits in lauter werdendem Gange, wenn man ihm zu lauschen beginnt. Mit wechselnder Intensität, doch in konstantem Groovegewicht schieben Bass und Schlagzeug des Stuttgarter-Berliner Quartetts rumorend einen nicht minder zerzausten Sechssaiter voran, der zwei Minuten lang unklar lässt, was das hier alles eigentlich soll. Doch bald ist von Steve McQueen die Rede, wird „Nie wieder Realität“ gefordert … oder hinterfragt? Erhofft? Es ist alles eine Sache des Tonfalls auf „Tanztee Von Unten“, dem aufrührenden Debütalbum des Stuttgarter-Berliner Quartetts.

„Völlig! Abgebrannt!“, quillt es aus Vokalist Flavio Bacon in „Schuldenschnitt 1997” heraus, das noch mit am ehesten von allen Stücken einem songhaften Refrainmuster folgt. Zwar wiederholen Human Abfall melodische Arrangements, rhythmische und textliche Muster, doch die instrumentale Ausführung ihres noisigen Rock/Punk/Post-Punks kann dabei von Mal zu Mal variieren. Der Grundton ist identisch an den Stellen im Titelstück, wo sich die Gitarre in ähnlich hellem Scharren erhebt, doch weder spielt sie jeweils die gleiche Tonfolge noch ein kühnes Solo im Scheinwerferlicht. Diese Songs sind nicht zum Mitsingen und Klatschen entworfen, ihr zerrfreudiges Wallen und Kratzen fordert Aufmerksamkeit, kein seeliges Abschalten.

Vor allem die lose zusammenhängenden Wortballungen, die Bacon mehr skandiert als singt, versperren sich dem munter voranrollenden Rocksong. Seine Diktion ist sauber und kontrolliert, doch ein Grollen schwingt von hinten aus seiner Kehle mit, von irgendwo auf dem Weg zur vor Wut kontrahierenden Brust. Manchmal läuft das Grollen über, dann wird in „Psychohygiene Fünf Minus“ am Ende von „Mit Schaum vorm Maul in der Ratingagentur, fünf nach zwölf – aber auf wessen Uhr?“ aus dem letzten Wort ein angewidert hochgewürgter „Oach“-Laut. Doch die größte Wirkung zieht Bacon aus stimmlicher Präzision, mit einer bis ins Absurde überhöht steifen Aussprache. Im Titelstück bestellt jemand so überdeutsch „Herr Ober, bitte nochmal zwei Prosekko, pronto pronto!“ oder trägt über klirrender Gitarre Musikforderungen ans DJ-Pult, dass sich sofort daraus unsympathische Karikaturen manifestieren.

In „Abgesagt“, dem zehnminütigen Prunkstück kurz vor Albumschluss, schleppt sich das Schlagzeug lädiert von einem Kick zum nächsten, dazu zeichnen die sich windenden Saiteninstrumente eine hoffnungslose Szenerie. In plakativ absurden Wortbetonungen wiederholt Bacon bürokratische Floskeln und kommunikative Plattitüden („Wir haben das Menschenmögliche für sie getan“), die Arbeitssuchenden entgegengeworfen werden, bis sie so bedeutungslos wie unmenschlich erscheinen und gegen Ende immer frustrationsgeladener werden. Nicht immer weben sich die Einzelteile von „Tanztee Von Unten“ derart linear und schnell nachvollziehbar zusammen, doch in ihrer Vehemenz braucht die Musik von Human Abfall auch keine simplen Schablonen, um denkwürdige Bilder zu erzeugen.

5 Kommentare zu “Human Abfall – Tanztee Von Unten”

  1. yyyyyyyy sagt:

    Aus der „Szene“ um Die Nerven auf jeden fall die Besten! Bisher für mich Album des Jahres in dieser Musik-Sektion.

  2. Wolf sagt:

    Verticken die ihre Platte ernsthaft _nur_ auf Vinyl? MP3s auf Bandcamp stellen, die man anhören, aber nicht kaufen kann, ist ja schon ein sehr schlechter Scherz.

  3. Ist mir zumindest lieber als gar kein Bandcamp, dadurch hab ich die überhaupt erst entdeckt.

    Aber keine Sorge, der (hübsch verpackten) Schallplatte liegt auch ein Link zum MP3-Download anbei.

  4. …bei wunsch auch in flac etc.

  5. Hier kann man doch das Album für 10 € digital erwerben:
    http://human-abfall.bandcamp.com/album/tanztee-von-unten

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