AUFTOUREN 2015 - Die EPs des Jahres

18

Tei Shi

Verde [Double Denim]

Mit ihrem hauchig-schmelzigen Gesang haben die Songs der Kolumbianerin inhärent etwas Verträumt-Abgehobenes, selbst in rhythmisch gefasstem Pop wie „Go Slow“ oder dem knarzigen „Bassically“. Bei minimaler oder nonexistenter Begleitung driften jedoch auch Songs wie „Get It“ nicht in Verflüchtigung ab, ihr R’n’B-Appeal erwächst aus sanften Stimmschichtungen.

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17

Tropic Of Cancer

Stop Suffering [Blackest Ever Black]

Wie die Wasseroberfläche kurz vorm wilden Aufkochen brodeln Camella Lobos atmosphärische Düster-Synth-Kompositionen, durchraunt von ihrer ominösen Stimme, die mit besonderer Zurückhaltung dem grandiosen „I Woke Up And The Storm Was Over“ etwas völlig Geisterhaftes verleiht.


16

Rudeboyz 

Rudeboyz  [Goon Club Allstars]

Noch ein wenig leichter als über Mixe kann man sich Gqom, dem aufregend zuckenden House-Auswuchs aus Durban, mit der EP des südafrikanischen Trios nähern. Weniger harsch im Sound, ziehen sie mit auch mit atmosphärischer Tiefe in den Bann ihrer treibenden Groove-Repetition.


15

Kadhja Bonet

The Visitor

Unvermutet ertappt man sich dabei, zu dieser Musik erleichtert auszuatmen. Die kleinen orchestralen Ziermuster am Rande sind ebenso dezent wie überhaupt alles im Kammer-Soul der Komponistin aus Los Angeles, die ihre Arrangements gesanglich mit dem gutmütigen Ton einer Märchenerzählerin intoniert und ihren R’n’B umso fabelhafter macht.


14

PC Worship

Basement Hysteria
[Northern Spy ]

Ohnehin mit mehr als halbstündiger Spielzeit stark die Extended-Spielzeit ausdehnend, wirken die vier Songs des New Yorker Art-Noiserock-Quartetts besonders substanzreich. Sludgig, von Feedback-Linien durchzogen erinnern sie wie in „Done“ an Sonic Youth oder Deaf Wish, ziehen ihre Stücke aber noch genüsslicher in die Länge, wobei sie sich in „My Lens“ zwischendurch auch mal komplett selbst demontieren.


13

Kelela

Hallucinogen [Warp]

Ein geplantes (offizielles Debüt-)Album stampfte Kelela zunächst einmal nur zur EP zusammen, nichtsdestotrotz fokussiert zeigt sie aber ihre Weiterentwicklung: Wirkte „CUT 4 ME“ noch oft wie ein Mixtape vorgefertigter Produktionen, denen die Washingtonerin eine Stimme verlieh, sind die Songs hier untrennbare Einheiten, durch deren futuristische Politur Kelelas schmerzvolle Bezeugungen einer zerbrochenen Beziehung gleiten.


12

Zora Jones

100 Ladies [Fractal Fantasy]

Jones produziert weniger funktionale Dance-Tracks als lebende Soundgebilde, die mit Footwork-beeinflusstem Zucken, metallischem Flöten und digital verbogenen Stimmen in einer eigenen, alienhafte Sprache zu kommunizieren scheinen.


11

Lim Kim

Simple Mind [Mystic89]

Wie oft beim koreanischen Pop besticht Lim Kims Musik durch Kombinationen, die allein schon deswegen unerwartet sind, weil man nie auf den Gedanken käme, dass sie funktionieren würden. Vom zerfledderten Club-Gerüst mit Wolfsgeheul gelingt „Simple Mind“ aber auch der Übergang in konventionellere, nicht minder elegante Balladen bis hin zu gleißendem Synthpop.


10

ANGEL-HO

Ascension [Halcyon Veil]

Schon in „Yah Cunt“ fliegen die Glassplitter nur so umher, doch ist das gerade mal ein Anheizen einer steigenden Anspannung. Die EP des Kapstadters gipfelt in „Removals“ und „Revolter“, die bassiger, vor allem aber in einem fast schon chaotischen Intensität an metallischen Beats demonstrieren, wie moderne Protestmusik klingt.


9

Thundercat

The Beyond / Where The Giants Roam
[Brainfeeder]

Wie ein zurückhaltendes Addendum zu „To Pimp A Butterfly“ kam Stephen Bruners Mini-Epos mit derart wenig Vorlaufzeit heraus, dass die Vinylpressungen bis heute noch nicht parat sind. Dennoch wirkt es alles andere als überstürzt, behutsam erhebt sich der „Song For The Dead“ zum Gesangsfalsett und auch in Folge hält der Bassist immer wieder inne, um die geisterhaften Echos seiner geliebten Verstorbenen zu würdigen, denen er dieses Werk widmet.


8

DeJ Loaf

#AndSeeThatsTheThing [Columbia]

Es ist ein Mysterium, wieso die EP der Detroiterin hierzulande nur über eine Videoplattform streambar ist. Von Selbstbehauptung bis zum geradezu deliriös-verträumten „Hey There“ packt sie mit Rap und Gesang eine verdammt breite Palette auf sechs Tracks, die nicht einmal sonderlich durch ihre Produktion hervorstehen müssen.


7

G.L.O.S.S.

Demo 2015 [Sabotage]

G.L.O.S.S. (Girls Living Outside Society’s Shit) machen Hardcore, wie er sich gehört: mit erhobenen Mittelfingern gegen soziale Intoleranz, Ungerechtigkeit und Missbrauch, auch innerhalb der eigenen Szene, anwütend.  “They told us we were girls/ How we talk, dress, look, and cry/ They told us we were girls/ So we claimed our female lives /Now they tell us we aren’t girls/ Our femininity doesn’t fit/ We’re fucking future girls/ living outside society’s shit!” Die Riffs dazu treffen nicht weniger durchschlagskräftig.


6

Sofi De La Torre

Mess [Facelove]

„Vermillion“ war wohl die sträflichst übersehene Popsingle des letzten Jahres, doch die Spanierin macht unbeirrt weiter. Über vier verdammt raffinierte Konfektionen zeigt sie die souveränen Qualitäten ihres Zurückhaltungs-Pop, wenn sie über dem tänzelnden „Colorblind Cruisin“ in flottem Sprechgesang säuselt oder präzise zwischen die stechend akzentuierten Anschläge in „Mess“ falsettiert.


5

OKZharp

Dumela 113 [Hyperdub]

Klar, auf Hyperdub-EPs ist Verlass, doch ein ganz besonderes Talent gibt hiermit seinen Solo-Einstand. Nach seiner Zusammenarbeit mit LV reiste der Südafrikaner in seine Heimat und fand in der Vokalistin Manthe eine Stimme für garagige House-Tracks mit packenden Bass-Gewichtungen, die unweigerlich in ihren Bann ziehen.


4

DJ Nigga Fox

Noite E Dia
[Príncipe]

Über Warp-Compilations und Boiler-Room-Sets fand die Lissaboner Dance-Szene um das Príncipe-Label dieses Jahr zu bedeutend größerer Beachtung – gerade rechtzeitig, brachte es doch locker so viele Veröffentlichungen heraus wie über die letzten vier Jahre zusammen. Neben Nidi Minajs Album war die Krönung davon Noite E Dia, dessen klappriger Mutanten-Kwaito/Kuduro/House die Intensitätsschraube nach Belieben vom fast schon psychedelischem Gemach zu blubbrigen Achterbahn-Beatfahrten anziehen kann.


3

Allie X

CollXtion I [Twin Music Inc]

Ein wenig zu exzentrisch fürs Radio ist der Pop der Kanadierin, was ihr selbst auch bewusst zu sein scheint. Umso faszinierender die originellen Phrasen in „Catch“ oder ihre ideenreichen Melodien, die oft dann nochmal einen Hook nachsetzen, wo andere sich schon zufrieden stellen würden.


2

Chino Amobi

Anya’s Garden [UNO NYC]

Zusammen mit Rabit brachte Chino Amobi bereits einen der stärksten Mixe des Jahres heraus, doch anders als die Stücke des Texaners behalten Amobis auch abseits davon ihre erschütternd schöne Wirkung bei. In operatischer Dramatik verbindet Amobi klassische Streicher- und Bläser-Beunruhigung mit apokalyptischen Noise- und Sirenen-Kollisionen, mit Maschinengewehr-artigen Beats und Maschinengewehr-Samples als Ambiente. Ein grandioser Abgesang auf die Gegenwart.


1

A Sunny Day in Glasgow

Planning Weed Like It’s Acid / Life Is Loss [Mis Ojos Discos]

Ist das Schummelei, eine Doppel-EP herauszubringen, die glatt noch das letzte Album der Band toppen könnte? Doch dürfte die Spitzenplatzierung in dieser Liste genauso wenig geplant gewesen sein wie das Zustandekommen dieser Songs, die von den rund um die Welt verteilten Migliedern an diversen Orten und in diversen Einzelteilen eingespielt und zusammengesetzt wurden. Dass dabei solch genial deliriöser, unkonventioneller Traum-Pop entstanden ist, war sicher auch nur deswegen möglich, weil die Band es gewohnt ist, das Heterogen-Disparate irgendwie holistisch zu machen.

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