MiguelWildheart

„Flesh, addicted, yeah/ I mean it, I’m a mess, now/ I’m a slave to your flesh/ Woman put me right where I belong.“ Wie kaum ein(e) andere(r) im R’n’B kann sich Miguel als machtlos ergeben zeigen. Das vertieft der Mann aus Los Angeles auf seinem dritten Album nur noch, das darüber hinaus aber auch nahtlos vom Schlafzimmer in Identitätsfragen übergeht.

Überhaupt begnügt sich Miguel Jontel Pimentel  selten mit einer einseitigen Sicht. Die Unterwürfigkeit im eingangs zitierten „FLESH“ setzt er so fort mit „Skin on you is always/ Calling me with your face/ Wrap yourself around me, do whatever I say/ Kiss me like a cream pie, sweet, sweet control“, sonisch wie inhaltlich ist Miguels R’n’B einer der Spannungszonen. In allumfassenden Psychedelik-Lustschwaden ist das von Pimentel koproduzierte und aufgenommene „Wildheart“ noch homogener als „Kaleidoscope Dream“ (wie der Titel schon indiziert, war dessen Facettierung aber auch intendiert), wie in Wallungen geht ein Song schubartig in den anderen über. Es zieht derart implizit mit, wie Miguel auch die Sequenz der Ereignisse von „Coffee“ in unvermeidbarer Linearität aufzählt: „Wordplay turns into gun play/ Gun play turns into pillow talk/ And pillow talk turns into sweet dreams/ Sweet dreams turn into coffee in the morning“.

„Wildheart“ verlässt seine lüstern umnebelte Soundwelt auch dann nicht, wenn der Klapperfunk von „waves“ es mit albumtypisch übersteuerten Lead- und genauso weit hallenden Backing-Vocals fernab vom Uptown-Retroschmock führt. Solch ein Sexadalic-Sound steht Miguel gut, der noch mehr als zuvor die entblößte Brust nach vorne hängt, Körperlichkeit als unausblendbaren Teil der Identität aber auch zum Sprungbrett für weiter reichende Betrachtungen nutzt. In „what’s normal anyway“ sinniert er über die Außenseiterposition, die er mit seiner halb latino-, halb afroamerikanischen Abstammung von früh auf einnahm. „Too proper for the black kids, too black for the Mexicans/ Too square to be a hood nigga, what’s normal anyway?“ langen seine aus dem Abseits hauchenden Vocals nach Anschluss. Zieht er seine Vocals wie Synthesizer hier als texturelle Linien durch den Hallraum, harmoniert er sie im finalen „face the sun“ phänomenal mit jubilantem Gitarrengniedeln – der Eros Miguel, als Gegenstück zum todsuchenden Thanatos den Lebenstrieb verkörpernd, strebt mit ausgestreckten Armen der lebensspendenden Sonne entgegen.

Offeriert das Album zunächst ein langsames Hineingleiten in seine Klangelt, wird es in der zweiten Hälfte lebhafter. In „Hollywood Dreams“ ist Miguel wieder ganz Prince-iger Rocker à la „Arch & Point“, mit schlanken Gitarrenlinien und mehr Claps als Kick sund Snares einen ziehenden Groove spinnend, der selbstläuferisch und unentrinnbar scheint. In „…goingtohell“ hingegen winden sich die Riffs spiralförmig nach innen, was die von Miguels kraftloser Stimme und umgebenden Störgeräuschen suggerierte Klaustrophobie nur noch verstärkt. Nicht nur Stimme und Sound, auch die Melodiedynamiken geben so auf „Wildheart“ den Ton an. Auch ließe sich eine ganze Weile über seine genussvollen Produktionsfeinheiten reden, wie sie solch weichen Druck auszuüben vermögen, wie Miguels Vocals den Claps in diskreten Echoräumen um Sub-Dynamiken augmentieren – aber eigentlich will man am Ende nur von dem Wollen in dieser wollüstigen Stimme erzählen.

Selbst das Symbol strenger Sittenwachtsamtkeit, die „Explicit Content“-Dermarkierung einzelner Songs in Stream- und Downloaddiensten, scheint machtlos gegenüber Miguels Charme zu sein: Wenn er in „the valley“ singt „I wanna fuck like we’re filming in the valley/ I wanna push and shove and paint your hills and valley/ I got a rad idea to expedite the ride/ Put it over, pull em to the side“, wirkt das so lieblich, dass eine zeitlang glatt vergessen wurde, den Song mit einer Warnung zu versehen.

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