Zu viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Doch das muss nicht immer stimmen: Vier eigenwillige MusikerInnen, die für ihr Alter schon eine enorme Produktionserfahrung aufweisen können, entscheiden sich, gemeinsam ein Album zu basteln und insgesamt 17(!) MCs zu verpflichten. Zu der Producer-Crew Future Brown gehören Fatima Al Qadiri aus Kuwait, die auf dem experimentell wegweisendem Londoner Label Hyperdub gesignt ist, der in NYC ansässige DJ und Labelgründer J-Cush, dessen aufwendige Mixe auch auf der neuesten Hardware für CPU-Rekordwerte sorgen, sowie das aus Asma und NA bestehende Duo Nguzunguzu, dessen musikalisches Spektrum so breit ist, wie es wahrscheinlich alle Mitglieder bei der Namensfindung des Projektes waren (der Titel „Future Brown“ geht auf einen gemeinsamen Mushroom-Trip zurück, der einem Interview zufolge mit als Initialzündung gelten könnte).

Es ist erstaunlich, dass „Future Brown“ bei derart viel Variation und unterschiedlichen Hintergründen doch so geschlossen und stringent konturiert klingt. Das Quartett präsentiert basslastigen Future-Rap, der in etwa so klingt, als wolle er jegliche Old-School-Renaissance-Trends im Keim ersticken, beziehungsweise die Golden Era des Rap endgültig musealisieren. Stücke wie die Single „Wanna Party“, für die R´n´B-Sängerin/Rapperin Tink (sie findet sich sogar zweimal auf dem Album) verpflichtet wurde, hantieren mit Trap-Strukturen, lassen Glocken läuten, ordentlich Beats pulsieren und fügen sogar noch eine Snaredrum ein. Produktionstechnisch ist nahezu jede Nummer ein großer Wurf und auf Gesamtlänge ist diese Scheibe tatsächlich so innovativ geraten wie die markantesten Timbaland-Singles – mit dem feinen Unterschied, dass das auf Albumlänge gelingt.

Der Track „Big Homie“ mischt dann als massenkompatibel verschrienen Dancehall mit tropisch angehauchtem Grime, der auf der ganzen Scheibe ohnehin nicht zu kurz kommt. Gepaart mit düsteren Drums und Dub-Versatzstücken erinnert das durchaus an die progressiv spannungsreiche und verknotete Stilistik der 2013er Nguzunguzu-EP „Skycell“. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass Fatima Al Qadiri hier für die meisten Innovationsschübe gesorgt haben dürfte. Im vergangenen Jahr irritierte sie mit ihrem Debütalbum „Asiatisch“ Eindeutigkeit gewohnte Ohren, indem sie fernöstliche Klangwelten (wenn man sich auf diesen Generalnenner einigen kann) auf eigenwillige Beats knallen ließ. Diverse Elemente dieser extravaganten Platte tauchen vereinzelt auch bei Future Brown wieder auf und auch ihr halbstündiger Mix, der einzelne Albumtracks leicht modifiziert und die DJ-Skills der Gruppe beweist, ist mit „Grime“ getaggt – ein Genre, das Al Qadiri auf ihre ganz eigene Weise interpretiert hat.

Immer wieder wittert man die Ninja-Ästhetik auf „Future Brown“ und die unheimlichen, schwer zu identifizierenden, aber assoziativ dem asiatischen Kulturkreis zugehörigen weiblichen Haucher, die auf den zum Teil fast schon Großraumdisco-affinen und oftmals mit mächtig Autotune genährten Kompositionen im Hintergrund durchschimmern (insbesondere auf „Talkin Bandz“). Das kann auch eine Wu-Tang-Referenz sein – so oder so ist es tanzbarer, gelungen abgefahrener Culture Clash im Party-Edit.

Dann wiederum offerieren Future Brown ganz smarten Bedroom-R´n´B, der im Verhältnis zu der restlichen Produktion fast schon konventionell genannt werden könnte. Für das weichgespülte „Dangerzone“ konnten sie Kelela verpflichten, die auch auf dem letztjährigen Kindness-Album glänzte. „Vernáculo“ hingegen ist Latino-Reggaeton, der von dunklen Synthieflächen durchzogen wird und erneut vom Ansatz her die Grenze zwischen clubkompatiblem Mainstream-Rap und sublim experimenteller Struktur auslotet. Insgesamt ist Future Brown ein extrem distinktives Album gelungen, das die Plastizität von Hip Hop eindrucksvoll demonstriert.

Selbst Rap-Weiterdenkern, die sich anderen Genres öffneten und über den eigenen Tellerrand schauten wie beispielsweise A$AP Rocky, dürfte hier die Kinnlade runterfallen. Bei stark erotisierenden Tracks wie „Room 302“ dann aber auch die Baggy-, beziehungsweise Röhrenjeans (worum es geht, ist klar: „Fuck that, I know you wanna touch that/ I´ll be waiting up in the room 302“, rappt Tink selbstbewusst und verführerisch auf besagtem Eröffnungstrack). Dass „Future Brown“ inhaltlich zum großen Teil auf Freestyle und Party-Exzess setzt, sei dann mal verziehen. Das transnationale und hybride Arrangement ist schließlich das Statement. Mit „Don´t you wanna party/ put some liquor in your body/ fuck this club, let´s get drunk/ why are you talkin´ to me?“ endet das Album und bei so viel Innovationsreichtum hat man dem tatsächlich nichts hinzuzufügen.

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