Al Qadiris Verständnis von Welt ist eigentlich recht einfach: Es ist das reichhaltigste Reservoir an Kultur, das einer Musikerin zur Verfügung steht. In Kuwait geboren und inzwischen in London und New York beheimatet, interpretiert Al Qadiri seit fünf Jahren den kulturellen Kosmos einer globalisierten, transnational gerichteten Gesellschaft, den sie als schöpferischen Aufladepunkt und Gelegenheitsspielplatz nur allzu gern bespielt. Ob High- oder Low-Culture, Vergangenes oder Zukünftiges, Elektronisches oder Folkloristisches ist dabei kaum von Belang. Sie stellt mit der Immaterialität ihrer musikalischen Codes und der flüchtigen Assoziationskraft ein großes Sammelbecken für Klänge und Verweise auf.

„Asiatisch“ verleiht dieser musikalische Ansatz eine hohe dynamische Virtualität. In ihrer Wahrnehmung einer (asiatischen) Musikkultur durch eine zeitgemäße, durchaus westlich geprägte Brille entstehen wunderbare Transformationen: Die Überdrehtheit von chinesischen Werbeclips oder die Überbetonung des Kindchenschemas der südkoreanischen Musikkultur fließt als Destillat in ihre eher minimalistisch gehaltenen Tracks ein. Sie sind das Plus, das diese Bassmusik so kongenial bereichert; sie sind der Referenzrahmen, dem Fatima Al Qadiri viel Deutungshoheit zuspricht, auch wenn der geneigte Hörer ganz andere Assoziationen sein Eigen nennen mag. Perzeptbildung nennt man das in rezeptionsästhetischen Ansätzen der Kunsttheorie, auf die sich auch die Wahllondonerin beruft. Insofern ist ihre Kunst immer auch Wahrnehmungsforschung in einer Körper-Umwelt-Interaktion, der sie eine gesteigerte Wichtigkeit beimisst. Nur allzu gut passt es dazu, dass hier ganz offenkundig mit allerlei farbenprächtigen Referenzen gespielt wird: Tropical, Trance und Neo-New-Age. Das Schlimmbeste aus den 80ern und 90ern mit ihren „exotischen“ Versprechen und genussvoll am Cocktailschirmchen nuckelnden Stereotypien im Wohlfühlformat.

Die Grenzen zwischen musikhistorischen und gesellschaftskulturellen Kontexten verwischen zunehmend. Was ihre Musik im Kern auszeichnet, ist der permanent hochgehaltene Grad des In-Betweens, der sich auch in einer einzigartigen spirituellen Suche zeigt: Außermenschliche Chöre in sakraler Gestalt sind quasi permanent präsent, die als Oratorium für eine neugewonnene religiöse Qualität werben, ihr Versprechen aber nicht gänzlich einzulösen vermögen. Dazu werden die Verweise viel zu motivhaft eingesetzt, zu hermetisch herausgestellt und als Fragmente genutzt. Gongklänge werden beispielsweise aus meditativen Ritualen der buddhistischen Lehre entlehnt, jedoch von der Künstlerin so weit abstrahiert, dass sie bloß zur Abbreviatur ihrer selbst geraten. Hier geht es nicht um das Erzielen von meditativen Effekten  durch die Musik, sondern oftmals bloß um einen kulturellen Verweisspeicher in einer gänzlich kontextuell aufgeladenen und wirkmächtigen Klanganordnung. Vielleicht liegt es auch genau daran, dass ihre Tracks immer ein bisschen unterkühlt und distanziert wirken und „Asiatisch“ zu einer fast fragilen und aufgeräumten Angelegenheit schleifen, die aber kaum etwas mit den Adaptionen asiatisch-minimaler Rhythmuspattern eines Terry Rileys zu haben. Denn Fatima Al Qadiri untersucht nichts, sondern erschafft Musik durch das mosaikartige Zusammensetzen unterschiedlicher Einflüsse, was zeitgemäßer nicht klingen könnte. So ist ihr Sound viel eher an den Auswüchsen der Londoner Grime- und Bass-Szene orientiert als an den stringenten Überstrukturierungen der Minimal Music.

Dennoch, so scheint es, fahndet die Künstlerin auf diesem Werk nach der passenden Balance zwischen Sound und Konzept, zwischen transnationaler Verortung im Sinne regionaler kultureller Erinnerungen und Zukunftsprojektionen eines globalisierten Ganzen. Das unterscheidet sie auch thematisch essenziell von einem ähnlich arbeitenden Daniel Lopatin (Oneohtrix Point Never), dessen Augenmerk vor allem auf der spätkapitalistischen Kritik und postmodernen Ironisierung von technischen und kommerziellen Prozessen liegt. Dennoch sind die Entwürfe eines Lopatins insgesamt dringlicher, dichter und immer noch eine Spur genialischer als diese Grenzgängerin, die sich aber offenkundig an seinen Lehren formidabel geschult hat. Jedoch wirkt es oftmals so, als wisse sie noch nicht genau, wieviel Konzept  ihre Musik nun wirklich verträgt; auch das radikal Politische wird vermieden. Sie vertraut weiterhin lieber ihren Formeln der ersten drei EPs, die ätherischen Zauber und dickbauchige, verhallte Beats zu einer schier kopflos-wunderbaren und entrückten Welt zusammenmontierten. Sci-Fi-Anleihen loderten da ebenso wie sakrale Flammen und das ewige Mitverhandeln von technologischen Eigenschaften und Möglichkeiten. Dass dabei die Intuition etwas leidet, nimmt sie gern in Kauf. Entsprechend sind auch nur die wenigstens ihrer Songs aus dem Stand mitreißend wie „Shanghai Freeway“, das mit bedrohlichen Synthiewellen, brachialen Bässen und fast schon tribal-artigen Steeldrums beeindruckt. „Szechuan“ hingegen ist eine präzise tickende Bombe und „Wudang“ ein rasantes Geschöpf kosmopolitischer Spielerei. In dieselbe Kategorie fällt auch der Opener „Shanzhai (For Shanzhai Biennial)“, ein krudes Cover von „Nothing Compares 2 U“, das jegliche Feierlichkeit und Pathos abschütteln kann.

Es mag daher verwundern, dass Fatima Al Qadiri gerade damit einen Erneuerungsprozess anspricht: Ihr globalisierter Ansatz will nicht Verständnis durch Einsicht wecken. Er ist eine Kultur des Verstehens durch das Fühlen und die eigene Bezugnahme. Und unser Körper fungiert dabei immerwährend als Interface.

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