Gui BorattoAbaporu

Gui Boratto ist nach dem 2011 erschienenen „III“ wieder zurück: Der Brasilianer, der bei dem Kölner Technotraditionslabel Kompakt unter Vertrag steht, präsentiert auf seinem vierten Album „Abaporu“ dreizehn Tracks, die insgesamt einen Hauch smoother und weniger druckvoll geraten sind als seine zahlreichen Technopop-Veröffentlichungen und Features in der Zwischenzeit (man denke an die „Too Late“-EP im vergangenen Jahr, die auf Borattos Label D.O.C. erschienene Zusammenarbeit mit Elekfantz oder die Single „Trills“, eine ravige Techpop-Nummer).

„Abaporu“ scheint vom Ansatz her konzeptuell aufgeladen, denn der Titel verweist namentlich auf ein 1928 gemaltes Bild von Tarsila do Amaral, das auch auf dem Cover nachgestellt wird. Übergroße Füße und Hände scheinen die Hauptcharakteristika von Tarsilas Werken zu sein, mit denen sie häufig variiert, modernisiert und somit womöglich auch dekontextualisiert hat, da es der Künstlerin um originär brasilianische Kunst ging, die sich ihrer Meinung nach gegen verwestlichte Kategorisierungsversuche wehren sollte. Dieser Thematik der unvermindert aktuellen Gefahr von Vereinnahmungen fremder Kulturen widmete sich in diesem Jahr schon eindrucksvoll Fatima Al Qadiri mit „Asiatisch“, auch Boratto scheint ein wenig mit Vermengungsmomenten zu spielen. Das Album grob in brasilianische und europäische Elemente zu segmentieren, wäre wohl eher der falsche Ansatz, denn laut Kompakt geht es Boratto vielmehr um eine Art Verdrahtung.

Jetzt aber explizit zum Sound: Trotz aller Eleganz und Metaebene, es bleibt eine Dancefloor-orientierte Scheibe. Je nachdem, wieviel Raum man den Paratexten zugesteht (man beachte die Songtitel „Manifest“, „Indigo“ und „Antropofagia“ – der Name der avantgardistischen Bewegung, der Tarsila ebenfalls angehörte), wirkt das Album aber durch den historisch interessanten Background phasenweise durchaus enigmatisch. Ungewohnte Percussion in „Manifesto“, vertrackte Momente wie das schon erwähnte „Too Late“, das als Album-Edit durch eingerückte Klavierpassagen viel dezenter wirkt, dann wiederum wohldosierter Funkhouse („Get The Party Started“), der an Borattos versierte Remixe für Elekfantz erinnert. Subtil streut er analoge Elemente in stringente Technobeats, wie in „Where I Belong“ etwa eine Slidegitarre. Die Nummer klingt leicht abgekupfert von Lana Del Reys „Summertime Sadness“-Grundmelodie und es ist genau dieser freche, aber immer behutsame Popgestus, der sich durch den ganzen Longplayer zieht, auch wenn phasenweise ein wenig mehr technoider Druck manchen Tracks sicher nicht geschadet hätte.

Trotz – anscheinend – einiger weltmusikalischer Exkurse ist „Abaporu“ geradliniger, wohlgetakteter und dadurch auch unprätentiöser als etwa das lange erwartete, sicherlich gelungene, aber doch leicht konturenlose Todd-Terje-Debüt geraten. In „Indigo“ ist es dann neben repetitiven Gitarrenzupfern auch ein Xylophon, das den Beat angibt. Wohin man auch hört: minutiöse Elektroinstallationen, die im Detail auch immer eine Prise Melancholie erkennen lassen und nur selten monoton wirken.

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