
Schlugen die New Yorker von Cymbals Eat Guitars auf ihrem 2009er Debütalbum „Why There Are Mountains“ gleich zu Beginn ihrer Karriere einen zumindest interessanten Weg ein, klang der Nachfolger „Lenses Alien“ im Nachhinein fast wie eine plötzliche Bodenwelle.
Stellenweise ungelenk und zu unsicher wirkte die Band um Sänger Joseph D’Agostino hier im Vergleich zum Vorgänger, nach zu viel klang das alles, mit zu wenig Substanz. Ihr drittes Werk „LOSE“ hingegen ist der sprichwörtliche Befreiungsschlag. Cymbals Eat Guitars, das steht fest, sind wieder zurück in der Spur – schon das eröffnende „Jackson“ beweist das geradezu vorzüglich. Über sechs Minuten breitet sich das Stück aus, gibt D’Agostino Luft zum Atmen, bis er in der zweiten Hälfte zu Blasmusik und ordentlich Getöse endlich ausbrechen darf.
Die Produktion von John Agnello, der bereits mit Größen wie Dinosaur Jr. und Sonic Youth zusammengearbeitet hat, trägt ihren Teil zum großen Ganzen bei und darf fast als weiteres Bandmitglied bezeichnet werden. Das Acht-Minuten-Epos „Laramie“ mit seinen ständigen Tempowechseln ist jedenfalls ein wahrer Geniestreich, wie auch der stürmische Space-Rocker „Place Names“, dessen Melancholie hinter einer breiten Gitarrenwand durchschimmert: „Believe me baby, I don’t know a lot but I know this is true/ you could fuck around and I would forgive you/ why does every story end with cut to black/ now I would do anything to get you back.“
Dass sich Cymbals Eat Guitars auch hier stilistisch nicht ganz festlegen wollen, ist für sie nicht von Nachteil: Im Gegensatz zu „Lenses Alien“ klingt ihre Experimentierfreude nie überladen, sondern nach einem bemerkenswerten Ereignis. Die zuckersüße Kombination von D’Agostinos flehendem Gesang und der weichen Intrumentierung in „Child Bride“ schafft es anfänglich sogar, das katastrophale Drama zu überdecken, welches sich vor dem inneren Auge langsam abspielt. Schnell merkt man, dass der Himmel hier definitiv nicht voller Geigen hängt, wenngleich sie deutlich im Hintergrund zu hören sind.
Mit dem nach vorne stürmenden Power-Pop von „Warning“ legt die Band scheinbar mühelos einen der besten Songs seit ihrem Bestehen hin, nur um sich im direkt darauffolgenden Punk von „XR“ noch mal selbst zu übertreffen. Es riecht nach Jugend, Freiheit, Sturm und Drang, nach dem Willen, sein Leben bedingungslos so zu verbringen, wie man es für richtig hält: „Keepsake tinnitus shrieks me to sleep/ each frequency’s a memory of some show we attende“, tönt es laut und durchdringend. Mit dem abschließenden „2 Hip Souls“ endet „LOSE“, und damit mit einem letzten Knall, einem letzten ausgestreckten Mittelfinger, einem letzten Luftsprung – und der Vermutung, dass Cymbals Eat Guitars die Bodenwelle womöglich mit voller Absicht angesteuert haben, um umso höher fliegen zu können.