The AntlersFamiliars

Irgendwann, vielleicht in zwanzig oder in dreißig Jahren, wird man auf die 00er- und 10er-Jahre zurückschauen, wird in Erinnerungen schwelgen und seinen wehmütigen Blick über das Plattenregal streifen lassen. Man wird mit spitzen Fingern über die Vinylcover streifen und an jene Bands denken, die einen am meisten berührt haben.

Unweigerlich wird der Blick dann auch auf die Platten von The Antlers fallen, die einen nie kalt ließen. „Hospice“, dieser große, traurige Kloß im Hals, so sanftmütig, zerbrechlich und in aller Schönheit doch voller Angst und Demut vor dem Tod. Daneben „Burst Apart“, diese unfassbar schlüssige, clevere Platte, weniger dramatisch als der Vorgänger und doch auch voller emotionaler Getriebenheit. Der Finger streicht weiter und macht halt bei „Familiars“, dem fünften Album der Band aus Brooklyn. Weiter, ausschweifender gab dich das Trio dort, man könnte fast sagen luftiger und lichtdurchfluteter – ein Raum ohne Möbel, aber dennoch nicht inhaltslos. Und ein weiterer Beweis dafür, dass The Antlers zweifelsohne eine der wichtigsten, bedeutsamsten Bands dieser Zeit waren.

Zurück im Jetzt und Hier kann man sich dessen auch bewusst sein. Peter Silberman und Co. sind sich ihrer Stärken so sicher, dass sie nicht auf bewährte Erfolgsrezepte zurückgreifen müssen. Nach dem epochal-melancholischen Konzeptalbum „Hospice“ folgte das kompakt-griffige „Burst Apart“, das kompositorisch ebenfalls stark war, aber dennoch in eine andere Richtung strebte. „Familiars“ nun schlägt abermals einen neuen Weg ein: Elegisch, elegant, elaboriert musizieren sich The Antlers ins Wolkenreich, kaum fassbar, so zart, dass man meinen könnte, die Songs seien aus purem Porzellan. Was fehlt ist die einstige Dringlichkeit, an ihre Stelle treten jedoch Pianos und Bläser, denen als Stilelement eine große Gewichtung zukommt.

Die Platte beginnt mit „Palace“, dem wohl größten Tränenzieher einer hochemotionalen Platte. Die erwähnten Pianos und Trompeten säumen hier den Weg, während Silbermans Stimme unwirklich über dem Szenario zu schweben beginnt. Deutlich unheilvoller agieren The Antlers auf dem folgenden „Doppelganger“, sie lassen sich Zeit, der Song entwickelt in über sieben Minuten seine dunkel-funkelnde Aura, der man sich letztendlich nur schwer entziehen kann. Die Kompaktheit von Stücken wie „Every Night My Teeth Are Falling Out“ ist passé, es werden neuerdings wieder weitläufige Freiräume mit Hall und Widerhall geschaffen, kein Stück bleibt weit unter fünf Minuten Spielzeit.

Natürlich benötigt das Album dadurch auch mehr Zeit, um sich in voller Pracht dem Hörer zu entfalten. Während „Hospice“ ohne Umwege in Mark und Bein ging und „Burst Apart“ durch seine spannende Dynamik direkt überzeugte, fordert „Familiars“ den Hörer mehr – was keineswegs bedeutet, dass die Platte kompliziert, komplex oder gar verkopft wäre. Stücke wie „Hotel“ oder „Surrender“ sind hochmelodiös, grandios komponiert und durchdrungen von einer zärtlichen Wucht, die man in dieser Intensität selten hört.

Letzten Endes scheint dieser Band alles zu glücken. Egal ob Elegie oder Sturm und Drang, Trauer oder Hoffnung: The Antlers finden immer den richtigen Ton und scheuen sich dabei nicht, auch neue Wege einzuschlagen. Dass ihnen dies mit traumwandlerischer Sicherheit ein ums andere Mal gelingt, ist mehr als bemerkenswert.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum