Cloud Nothings haben seit „Turning On“ und ihrem ersten Semi-Indie-Hit „Hey Cool Kid“ eine nicht zu unterschätzende Entwicklung durchlaufen – eine Entwicklung, die man Dylan Baldi, der seinerzeit und bis zum 2011er-Album „Cloud Nothings“ quasi das alleinige Mitglied der Band war, so gar nicht unbedingt zugetraut hätte. „Turning On“ erklang so Lo-Fi wie nur geht und jeder, der vom Nachfolger „Cloud Nothings“ mehr von diesem verschrobenen Indie erwartete, dürfte sich ungläubig die Ohren gerieben haben. Denn aus den Boxen klang jangliger Bubblegum Punk-Pop, dennoch oder gerade deshalb passte „Cloud Nothings“ auch sehr gut zu anderen Alben seiner Zeit, wie zum Beispiel „The Soft Pack“ von The Soft Pack oder „King Of The Beach“ von Wavves. 

Sicher, Abgründe lauerten auch hier an fast jeder Ecke, denn textlich brachen sich bei den musikalisch launigen Zweiminütern Teenage Angst und Zweifel ihre Bahn und musikalisch lässt sich durchaus eine Liebe für Power-Pop à la Wipers heraushören. Insgesamt erscheint „Cloud Nothings“ aus der Retrospektive noch besser, als es damals schon war, denn es weist eindeutig den Weg, den der Nachfolger „Attack On Memory“ einschlagen sollte.

„Attack On Memory“ schlug ein wie eine Bombe und erschien für diese Band, denn eine solche waren Cloud Nothings inzwischen geworden, wie ein Befreiungsschlag, ein Meilenstein. Schon die Vorabsingle „No Future / No Past“ ließ mehr als aufhorchen. Baldi war sauer und böse geworden und die Produktion von Steve Albini stellte die Vorzüge der Band glasklar in den Vordergrund: Tolles Schlagzeug von schleppend über krautig bis auf-die-zwölf-punkig, ein pulsierender Bass, der auch mal die reine Rhythmusarbeit hinter sich ließ, ein melodieverliebtes Gitarrenspiel und Baldis Gesang, der eine zuvor nicht gekannte Verzweiflung und Aggression an den Tag legte. Insgesamt entwickelten Cloud Nothings eine zwingende Bandchemie, die sich auch schon mal in noisige Ekstase spielen konnte, wie auf meinen Favoriten „Wasted Days“. Nicht umsonst erschien „Attack On Memory“ in vielen Listen am Ende des Jahres 2012 als eines der besten Alben, auch bei uns.

Nun steht mit „Here And Nowhere Else“ das vierte Album der Band bereit und es ist, soviel direkt vorweg, wieder ein großes geworden. Trotzdem sucht man – und das ist wahrscheinlich auch eine Krux der Musikkritik, ich nicht ausgenommen – nach dem „Aber“ und wird, trotz herausragender Songs wie „I’m Not Part Of Me“ fündig. „Here And Nowhere Else“ bietet zwar einen ähnlichen Intensitätslevel wie „Attack On Memory“, aber es wirkt nicht mehr ganz so unmittelbar aus dem Bauch heraus, sondern eher professionell arrangiert. Sicher, Professionalität ist per se kein Problem und gerade Bands sollen und müssen wachsen, zumindest wünschen wir uns das. Trotzdem suchen wir immer den Funken Authentizität, auch wenn wir längst wissen, dass Authentizität eine Illusion ist. Wir möchten getäuscht werden und diese Täuschung ist Cloud Nothings immer gut gelungen. Baldi, da sollten wir uns nichts vormachen, war auch immer nicht nur selbstreflexiv, sondern auch clever. Er verstand es, mit seinen Lyrics auch immer wieder direkt seinen Hörern aus der Seele zu sprechen, auch wenn er nun in „I’m Not Part Of Me“ klarstellt, dass er nie Teil von ihnen, sondern sie Teil von ihm gewesen seien.

„Here And Nowhere Else“ möchte ich als Album der Konsolidierung bezeichnen, allerdings auf einem derart hohen Niveau, dass alles Genörgel eigentlich nur Makulatur ist. Viele andere Bands werden solch eine Albumklasse wohl niemals erreichen, Cloud Nothings sind und bleiben dafür eine der besten, wenn nicht die beste Indie-Rock-Band, der man derzeit seine Aufmerksamkeit schenken kann.

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