OrcasYearling
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Label:
Morr
VÖ:
04.04.2014
Referenzen:
Efterklang, The Sight Below, The Field, Sigur Ros, Telekinesis, Benoît Pioulard
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Autor: |
| Philipp Kressmann |
Verschneiter Ambient-Shoegaze mitten im Frühling. Neues von einer Zusammenkunft, die mittlerweile eigentlich als Indie-Supergroup durchgehen könnte, denn für ihr neues Album hat sich das Duo (Popmusiker Thomas Meluch aka Benoît Pioulard und Komponist Rafael Anton Irissari alias The Sight Below) von Musikern renommierter Indie-Bands Support geholt: Martin Heyne von den – seit „Piramida“ – arktiserfahrenen Efterklang und Martin Lerne von den Indie-Poppern Telekinesis. Der Einfluss der ersteren Formation überwiegt deutlich: vernebelte Soundkulissen, die sich zeitvergessend Zeit nehmen.
„Capillaries“ zum Beispiel hat einen mäandernden Auftakt, der im Grunde fast die Hälfte des Songs ausmacht. Ein schüchtern säuselndes Piano, das so spärlich vor sich her klimpert, dass es unter dem Hall und Nebel fast unterzugehen droht – minimalistische Stilistik, für die das Gespann bekannt ist. Geknistert und gerauscht („Selah“) haben Orcas auch schon auf dem gleichnamigen Debüt, doch auf „Yearling“ pimpt das Duo den Minimalismus noch einmal und wagt noch mehr Tiefe. So träumerisch wie Efterklang ist „Yearling“ allerdings nicht geraten, dafür ist es zu wenig harmonisch und zu verschlungen.
Der Ambient-Pop wird in Gänze dekliniert: die Drum-(und Nebel-)Machine, die Synthie-Pads und die repetitiven Gitarren-Anschläge auf „Selah“, der melodische Shoegaze von der ersten Single „Infinite Stillness“, deren Titel schon die Programmatik des Albums schließen lässt, oder das samtige, instrumental belassene Eröffnungsstück „Petrichor“ mit seinen Field Recordings (wie erdig diese Platte ist: kein Reverbeffekt, sondern echtes Wellenrauschen), die auch die Signatur von Efterklang sein könnten, die auf „Piramida“ ein riesiges Klangarchiv an Naturaufnahmen zur Verfügung hatte.
Man könnte nörgeln (vor allem beim achtminütigen Outro „Tell“): Was ist das Anderes als die Meditationsklänge, die man auch beim Drogeriemarkt um die Ecke bekommt? Zugegeben: Orcas sind auch eher Buckelwal-Hypnose als Killerwal-Sound. Bei aller Euphorie, manchmal weiß man nicht, ob man jauchzen oder gähnen soll. Aber die Band beweist auch, dass Reduktion nicht mit Detailreichtum kollidieren muss. Der Bezug zur Chiaroscuro-Malerei (die vor allem durch die Konvergenz von hellen und dunklen Kontrasten und dem Spiel mit Licht charakterisiert ist) scheint angesichts der vielen Stimmungen, die diese Platte saumartig umfängt, gar nicht unplausibel – auch wenn das nebulös verschachtelte Grund-Flair nicht einmal ganz aufgehoben wird. Mitunter wirken die verträumten Synthiemelodien auch ein wenig unheimlich, sowie lethargisch und altbacken überholt.
Das Spektrum von Orcas ist geblieben, man vernimmt abstrakten Ambient-Pop, der sich der Entschleunigung verschrieben hat. Doch der Reiz der Platte liegt eindeutig im Detail: „An Absolute“ könnte auch einem melancholischen Beck gut stehen; unter „Half Light“ scheinen sich beispielsweise auch Bläser zu verstecken und „Filament“ beherbergt neben der sonst so analogen Wärme mit kalt stampfenden Drums sogar eine leichte Industrial-Signatur, wie sie sicher nicht in der Natur vorkommt. „Yearling“ ist sphärischer Pop, der hierzulande etwa Klangtüftler wie Sascha Ring (Apparat) begeistern könnte, keine Neuerfindung, aber eine deutliche Weiterentwicklung zum eher noch akustisch überschaubaren Vorgänger. Orcas liefern eine Platte, auf die es sich einzulassen lohnt.


