LiarsMess

Wenn eine Band wie Liars, die nicht gerade für leicht zugängliche und klar strukturierte Songs bekannt ist, ihr Album „Mess“ nennt, rechnet man mit einem verworrenen und chaotischen Hörerlebnis. Stattdessen überrascht das Trio aus Brooklyn mit einem aufgeräumten und energetischen Werk, zu dem man sogar tanzen kann – solange man die bedrohlichen Zwischen- und Untertöne ignoriert.

Aber um Erwartungen haben sich Liars noch nie geschert, stattdessen war der ständige musikalische Wandel ihr auffälligstes Merkmal. Beinahe folgerichtig haben sie deshalb zwei Jahre nach dem fragilen und diffusen „WIXIW“ eine geradlinige und krachige Tanzplatte aufgenommen, die endlich das Etikett „Dance Punk“ rechtfertigt, mit dem Liars immer mal wieder versehen wurden. Trotzdem ist „Mess“ keine völlige Abkehr vom Sound des Vorgängers. Die (Noise-)Gitarre bleibt verschwunden, das Klangbild elektronisch – nur die Zurückhaltung hat das Trio abgelegt.

Doch auch wenn Sänger Angus Andrew betont, dass Liars nach den kräftezehrenden Aufnahmen zu „WIXIW“ wieder mehr Spaß im Studio haben wollten, klingt das Ergebnis nur selten ausgelassen, sondern lebt viel mehr von einer unheimlichen, schwer zu definierenden Spannung. So irritiert beispielsweise eine bedrohlich heruntergepitchte Computerstimme zu Beginn des eröffnenden „Mask Maker“ mit schrägen Befehlen: „Take my pants off, use my socks, smell my socks, eat my face off, eat my face off.“ Doch bevor man sich Gedanken über den Sinn dieser Anweisungen machen kann, fallen Liars mit knarzenden Bässen und martialisch nach vorne stürmenden Beats über den Hörer her und gönnen ihm erst mit dem meditativ-wabernden „Can’t Hear Well“ eine Verschnaufpause.

„Can’t Hear Well“ leitet gleichzeitig in die zweite Albumhälfte über, in der Liars die Songs nicht mehr so erbarmungslos nach vorne peitschen, sondern in ausdifferenzierte und subtilere Bahnen lenken. Am deutlichsten zeigt sich dies beim Instrumental „Darkslide“, in dem das Trio Schichten von knisternden und klackernden Perkussionssounds stetig zu einem nervösen Gesamtgebilde auftürmt. Genau die gegenteilige Stimmung verbreitet „Perpetual Village“, ein neunminütiges Song-Ungetüm, welches mit beinahe quälender Eintönigkeit Andrews Text über Monotonie und Langeweile eindrucksvoll untermalt: „Time it speeds into itself, I’ve known it all along/ I’m so old, I am old/ Endlessly monotony dulls all alternatives/ Life is long, way too long.“

Es bleibt der einzige Moment auf „Mess“, bei dem Text und Musik eine eindeutige Lesart anbieten. Die Verfremdungseffekte auf Andrews Stimme und sein leiernder Gesangsstil machen es dem Hörer schwer, die sowieso schon kryptischen Texte zu dechiffrieren. Wobei man bei Liars, die mit jedem ihrer mittlerweile sieben Alben ihr Konzept und ihren Stil gewechselt haben, sicherlich mit beinahe allem gerechnet hat – aber bestimmt nicht mit leicht verdaulicher Kost.

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