LiarsWIXIW

Kunst und Künstlichkeit, ach was. Liars heißen sich Lügner und machen Art-Rock, der so sehr Art ist, dass sich mit praktisch jedem Album das Konzept wandelt. Nun, mit dem sechsten Album der Band aus Los Angeles, müssen die Rockgitarren dem Wabern flächiger Synthies weichen. Und die Prägnanz lugt auch nur mehr noch um die Ecke.

Das macht aber in der Tat nicht viel, weder im Guten noch im Schlechten: Da mag die Stimme Angus Andrews noch so verhallt klingen, ihr dunkel-blassierter Gestus trägt Nebel in die Nacht – oder waren es Eulen nach Sparta, Kohlen nach Birmingham? Kunst und Kunst gesellt sich gern und so richtig sonnige Pop-Songs haben Liars nie oder nur selten gemacht. Produziert haben Liars „WIXIW“ zusammen mit Mute-Labelgründer Daniel Miller selbst. Zudem beteiligte sich Tausendsassa Thom Yorke an „No. 1 Against The Rush“, dem Discomoment des Albums mitsamt catchy pluckernder Hookline, forschem Bass und besitzergreifender Synthies. Im dazugehörigen Video wird die Band entführt, stranguliert und teilweise mit verzerrtem Blick getötet. Da bleibt die Discokugel dann doch im Halse stecken!

Die Stimmung ist ansonsten Liars-typisch dröhnend wie drohend und dabei dem experimentellen Noise à la Sonic Youth verhaftet („WIXIW“), maschinell (und) eingängig wie ein von Kraftwerk untermalter Gruselfilm („Flood To Flood“, auch: „Octagon“), bietet zu schnelle Sigur Ros-Ambient-Berggesänge bzw. zu langsame Modeselektor-Electronica („Who Is The Hunter“), dann doch derbe rockende Riffs („Brats“). Aber auch viel Ambient, entschleunigt und hintergründig: „The Exact Colour Of Doubt“ und „Annual Moon Woods“ sind mehr Stimmung als Idee, geschweige denn Song, und verschwinden irgendwo im Gehörgang auf dem Weg ins Innere, auch wenn gerade gen Ende des Openers ein gleißend klares Motiv doch so etwas wie Halt geben kann. „Ill Valley Prodigies“ soll wohl akustisch-experimenteller Ambient sein, aber so recht klar wird das nicht.

Oder, um den unausgesprochenen Radiohead-Vergleich ex negativo aufzurollen: Wenn „WIXIW“ das „Kid A“ der Liars sein soll, dann wäre es nicht ihr erstes, genau so wenig wie es ihr erstes „Goo“ wäre. Und nichts davon ist wahr: „WIXIW“ lebt von ein paar Hooklines, von viel Atmosphäre (dunkel, theatralisch, morbide …) und Experiment (elektronisch, verzerrt, sphärisch …). Wirkt Kunst dann noch, wo sie nicht überraschen kann? Oder reicht es zu sagen: „I know, it’s only art, but I like it.“? Und wenn, haben die Liars dann ihr künstlerisches Anliegen erreicht?

Zumindest auf vorletzte Frage sei mit einem codierten: „Na ja, schon. Im Großen und Ganzen und manchmal speziell.“ geantwortet. Nummeral gesprochen:

72

Label: Mute

Referenzen: Sonic Youth, Modeselektor, Joy Division, HEALTH, Former Ghosts

Links: Homepage | Albumhomepage | Facebook

VÖ: 01.06.2012

2 Kommentare zu “Liars – WIXIW”

  1. […] Sounddesign her geistert auch die letzte Liars im Kopf herum, wobei „Fragrant World“ nicht ganz deren sinistere Düsternis erreicht. Mein ganz […]

  2. […] The Walkmen, Death Grips, Rustie, How to Dress Well, Jessie Ware, John Talabot, Twin Shadow, Liars und the Tallest Man on Earth finden sich eine ganze Vielzahl von Bands, die auf den hiesigen Seiten […]

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