ActressGhettoville
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Label:
Werkdiscs
VÖ:
24.01.2013
Referenzen:
Andy Stott, Burial, Holden, Raime, Forest Swords
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Autor: |
| Mark-Oliver Schröder |
Darren J. Cunningham alias Actress steht und stand schon immer für einen etwas anderen Ansatz im Techno. Tanztauglichkeit und Funktionalität waren seine Sachen nie, viel eher ging es Cunningham um das Induzieren von Stimmung. Man könnte im Zusammenhang mit seiner Musik beinahe von Post-Techno sprechen, weil in ihr Funktionalität oft nicht einmal mehr als Fiktion zum Tragen kam.
Anders als zum Beispiel Burial, der hypnagogische Sphären des Sich-Erinnerns öffnet, kollektive Momente der Entgrenzung wie durch einen Schleier des Fast-Vergessens re-imaginiert und diesen Raum, wie auf der „Rival Dealer“-EP, inzwischen sogar mit Gegenwartspolitik füllt, erschuf Cunningham zumeist auf wenigen Loops oder Samples basierte (dystopisch-)futuristische Soundscapes, in denen die Maschinen diese musikalischen Bestandteile in ihrem eigenen Rhythmus zum „Tanzen“ zu bringen schienen. Die menschliche Komponente seiner Musik schien auf den Punkt fokussiert, an dem dieser Prozess in Gang gesetzt wird, aber ihre weitere Organisation schien einem verdrehten Algorithmus zu folgen. Als Plattform für die Veröffentlichung von „Ghettoville“, seinem vierten und nach eigenen Verlautbarungen letzten Album unter dem Actress-Moniker, hat er sich erstmals seit seinem Debüt „Hazyville“ von 2008 wieder für sein eigenes Label Werkdiscs entschieden.
Sicher, es schabt und kratzt immer noch auf „Ghettoville“. Manche Loops klingen wie das letzte verzweifelte Knistern und Knacken einer totgespielten Nadel in der Auslaufrille, oder in den Tiefen des Staubs verborgene Klangartefakte und ihre Überführung in ein neues Leben. Dabei hört man seinen Samples den organischen Ursprung durchaus an, zuweilen sogar besser als zuvor, denn der dunstige „Haze“-Filter, der oft auf seinen Tracks lag, wird immer häufiger durchbrochen, sodass sich Sounds, Einzelelemente, Mikro-Loops in den Vordergrund spielen. Dabei macht sich Actress anfangs jede Mühe, den Hörer auf die falsche Fährte zu locken. Den ersten Albumtrack „Forgiven“ durchziehen eine getragene Düsterkeit und ein sinistrer Dub, mit denen der Track durchaus auch auf Veröffentlichungen von Forest Swords oder Raime passen würde. „Street Corp.“ verfolgt einen ähnlichen Ansatz, so bekommt man erst einmal den Eindruck, Cunningham befände sich weiterhin auf dem Weg ins Herz der Finsternis, den auch Labels wie Blackest Ever Black oder Hospital Productions beschreiten.
Dies aber soll sich als Trugschluss erweisen, schon „Rims“ kommt nahezu licht und groovy daher. Im Anschluss steigt „Contagious“ zwar noch einmal in die tiefsten Tiefen, aber schon hier manifestiert sich etwas, das den weiteren Verlauf des Albums mit prägen soll: Cunningham arbeitet vermehrt mit dem Klang der menschlichen Stimme, wenn auch oft nur fragmentarisch oder extrem bearbeitet (zerkratzt oder extrem heruntergepitcht). Insgesamt nimmt die Auseinandersetzung mit „humanem“ Klangmaterial – oder sagen wir besser, klar als „human“ dechiffrierbarem Klangmaterial – einen größeren Stellenwert ein als auf bisherigen Actress-Produktionen. Das geht so weit, dass „Gaze“ mit James-Brown-haftem Sample, Daddelbass, Streicher-Loops, euphorisierenden Stabs und stampfenden Beats beinahe schon ultrafunky aus der Hüfte gefeuert wirkt – „House Not House“ für den experimentierfreudigen Tanzflur sozusagen.
Verwundert könnte man sich fragen: Hören wir immer noch Actress? „Ja“, lautet die Antwort, beseelt von einer absonderlichen Funkyness spielt Cunninghams Musik gerade ihre besondere Stärke aus. Und so könnte es dem Hörer wie dem Rezensenten ergehen, für den „Ghettoville“ nach „R.I.P“ von 2012 eher wie eine Wiederauferstehung denn ein Abgesang erscheint.


