Ende letzten Jahres, kurz vor Schluss des internen Stichtages für die Jahresbestenlisten, warf der Kollege Bastian Heider das düstere Debüt des britischen Produzentenduos Raime in die Runde und verkündete, dass deren Album eine hohe 80er-Wertung erhalte und auf jeden Fall unser Liebe-Prädikat bekommen müsse. Zudem prophezeite er, dass es sich hoch in den Redaktionscharts wiederfinden würde. Er sollte tatsächlich recht behalten, auch wenn sich anfangs zumindest meinerseits ein wenig Widerstand regte, weil ich die Größe und Dramatik von „Quarter Turns Over A Living Line“ nicht sofort erkannte. Inzwischen bin ich stolzer Besitzer des Doppel-Vinyls und das Album fand sich außerdem auch noch – quasi Last-Minute – in meiner Top 40 für 2012 wieder.

Wozu die lange Vorrede? Ganz einfach. Die Sicherheit, mit der er zu Werke gegangen ist, kann ich nicht an den Tag legen, aber „Through A Pre-Memory“ von ÄÄNIPÄÄ legt in meinen Augen das gleiche Potential an den Tag wie Raimes Debüt und ist dennoch ganz anders. Auch wenn beide am gleichen Ende des musikalischen Spektrums agieren, ist ihre Herangehensweise extrem unterschiedlich. Der Musik von Raime ist eine gewisse digitale Manipulation am Computer durchaus anzuhören, auch wenn ihre Tonquellen oftmals analog sind. Außerdem strukturieren sie ihr Album kleinteiliger, was wiederum den Zugang trotz der Schwere und Düsterkeit erleichtert. Diese Erleichterung bleiben ÄÄNIPÄÄ wohl gewollt schuldig, keiner der versammelten vier Tracks ist unter 17 Minuten lang und der längste fast 22.

Hört man sich nun „Through A Pre-Memory“ am Stück an, wird augenfällig, dass manche Tracks in ihrem Progress fragmentiert wirken, abbrechen und neu beginnen, wodurch sich eine stringente Einheit nicht auf Anhieb erschließen will. Dieser Umstand oder Kunstgriff erscheint in gewisser Weise wie die Umkehrung dessen, wie Autechre auf ihrem diesjährigen Album „Exai“ vorgingen, dessen Trackmarkierungen streckenweise willkürlich (oder rein maschinell) über das Album verteilt wirkten; was wiederum den Effekt hatte, dass (scheinbar) logische Zusammengehörigkeiten zerschnitten wurden. Dies kann durchaus als Statement zur skip- und löschfreudigen Playlistkultur verstanden werden, auch wenn jene von diesem künstlerischen Statement – dem Bekenntnis zum Albumformat – wohl nichts hören wird. ÄÄNIPÄÄ verweigern sich dieser vornehmlich digitalen Sortierfalle ebenfalls, gehen allerdings wie oben angedeutet einen anderen Weg. Sie fügen Teile zu einem Ganzen zusammen, die scheinbar überhaupt nichts miteinander zu tun haben und deren einzige Klammer der Trackname darzustellen scheint. Das kann im Konzept begründet liegen: „Through A Pre-Memory“ gleicht in seinem vierteiligen Aufbau eher einer Suite im klassischen Sinne, auch wenn hier freilich nicht beschwingt zum Tanz aufgespielt wird.

Musikalisch kommen bei ÄÄNIPÄÄ nämlich zwei Pole zusammen, die sich auf inhaltlicher Ebene sowie strukturell in letzter Zeit deutlich aufeinander zubewegt haben und wie sie auch von Labeln wie Blackest Ever Black oder Hospital Productions protegiert werden: Dunkelste Elektronik, hier repräsentiert vom Minimaltechno-Pionier Mika Vainio (Pan Sonic, Ø etc.) und der Minimalismus von Low-End-Doom und -Drone, personifiziert durch die Genre-Schlüsselfigur Stephen O’Malley (Sunn O)))). Die Handschrift beider hört man „Through A Pre-Memory“ in jeder Sekunde an. Für die Gesangsparts, die sich inhaltlich an den Gedichten von Anna Akhmatova orientieren, stand Alan Dubin, der sonst bei Gnaw oder O.L.D. mitmischt oder -mischte, am Mikrofon. Auf die einzelnen Tracks soll hier nicht näher eingegangen werden, weil ihnen dadurch, ähnlich der Wirkung eines Spoilers in einer Filmrezension, viel von ihrer unmittelbaren Wucht geraubt würde. Nur so viel sei verraten: Man kann Editions Mego nicht genug für die Veröffentlichung dieser herausragenden Platte danken und so soll hier am Ende nur ein kurzes Zitat aus „Muse“ exemplarisch für das Werk stehen: „When at night I wait for her to come“.



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