
Konsens ist eine Sache, Geheimtipp eine andere.
Deswegen präsentieren wir, wie schon traditionell, nach unseren Jahrescharts heute und morgen unsere Geheime Beute: 30 Werke, die so unbekannt, schräg oder speziell sind, dass sie in einer Konsensliste keine Chance hatten – aber nichtsdestotrotz herausragende Alben des 2012er Jahrgangs darstellen. Von experimenteller Elektronik über Jazz, Noiserock, Pop, Metal, Folk und Disco sollte sich für nahezu jeden Geschmack darunter etwas finden – wir wünschen so viel Spaß beim Entdecken, wie wir ihn beim Hören hatten.
Haunting! Besser als mit dem in diesem Jahr sicherlich inflationär gebrauchten Begriff kann man Angel Olsens Album „Halfway Home“ kaum beschreiben. An der verwunschenen Grenze zwischen intensivem Folk-Songwriting und verhuschten Pop-Akkorden windet sich die Künstlerin mit akrobatischer Stimmfarbe am roten Faden der Sehnsucht entlang. Leider nicht mehr so verstiegen wie im Debüt „Strange Cacti“, jedoch mit klirrender, anmutiger Schönheit erzählt Olsen eingekehrt in sich selbst Geschichten von Hoffnung, Mut und Verzweiflung. Immer nah genug an möglichen Vorbildern der 60er Jahre kostet sie die ihr innewohnende Ruhe bis zum letzen Augenblick aus, um dann im letzten Schritt mit Verve aus der Reihe zu tanzen. Ein kleiner Triumph, ihren Weg in das Innerste mitzugehen. (Carl Ackfeld)
Die glorreiche Tradition brasilianischer Gitarrenmusik scheint einigermaßen eingeschlafen. Zu ehrfürchtig und mutlos wird das Erbe von João Gilberto bis Chico Buarque von ihren heutigen Epigonen verwaltet. Gut, dass es Typen wie Lucas Santtana gibt, einer der wenigen, dem es durch seine unkonventionelle Herangehensweise gelingt, Begriffen wie Bossa Nova oder Tropicalia wieder neues Leben einzuhauchen. Da wird auch vor Einflüssen wie Glitch oder Baille Funk nicht halt gemacht. Nach seinem Bossa-Loopexperimenten auf „Sem Nostalgia“, das im letzten Jahr auch in Europa ein wenig Aufmerksamkeit erregen konnte, wurde es 2012 wieder etwas traditioneller. „O Deus Que Devasta Mas Também Cura“ legt den Fokus auf das Songwriting und brilliert durch wunderschöne Bläserarrangements und Santtanas samtig düsteren Gesang. Hinter jedem wagemutigen Erneuerer steckt eben auch ein fabelhafter Musiker. (Bastian Heider)
Eric Quach stand bisher immer im großen Schatten seines Mentors Aidan Baker. Und auch mit dem Release von „Phantom Limbs“ hat sich das wohl eher nicht geändert. Doch es zeigt einmal mehr die Klasse und Konstanz des Projekts thisquietarmy auf, mit dem sich Quach definitiv nicht mehr hinter bekannteren Größen wie eben Baker verstecken muss. Mit spürbarer Liebe zum Detail zerlegt er nur mit Gitarre und Verstärker das Phantom Stück für Stück in seine Einzelteile, bis die nur noch leicht kratzenden Gitarrenspuren und störischen Drones sauber getrennt nebeneinander liegen, um im abschließenden 20-minüter wieder zusammengefügt zu werden. (Felix Lammert-Siepmann)
„Transverse“ ist ein Generationentreffen der ganz besonderen Art. Anlässlich des Mute-Labelfestivals schlossen sich Chris Carter und Cosey Fanni Tutti, die schon seit Jahrzehnten unter anderem mit Throbbing Gristle auf der dunklen Seite der Musikwelt für Furore sorgen, und Nic Void von Factory Floor – eine Band, die man guten Gewissens immer noch als Newcomer bezeichnen kann – zusammen. Das Album wurde live eingespielt, was der ohnehin schon bedrohlich abweisenden Atmosphäre einen zusätzlichen Schauer verleiht. Dem minimalen Industrial, der auch hier die Grundlage für alles bildet, wird auf unheimliche Art und Weise fortwährend neues Leben eingehaucht. Ob nun die aufflackernden Beats oder die meditativen Gesangspassagen dafür verantwortlich sind, ist nebensächlich: Diese Zusammenarbeit ist ein voller Erfolg. (Felix Lammert-Siepmann)
Fast hätte man annehmen können, Jangle- und Schrammelpop wäre in diesem Jahr geschlossen ins neue Indie-Mekka Melbourne ausgewandert. Doch neben Allo Darlin‘ bewiesen vor allem Evans The Death, dass mit Bands aus dem Hause Slumberland eben immer zu rechnen ist. Ihren energetischen Gitarrenpop bringen sie mit einer gehörigen Ladung Rotz und lyrischer Gewitztheit über die Bühne. Und obwohl ihr schrammelnder Stilmix denkbar unprätentiös daherkommt, hagelte es für sarkastische Alltagsbeobachtungen prompt erste Vergleiche mit Jarvis Cocker. Diese zwölf „Teenage Kicks“ kommen jedoch letzendlich auch ganz ohne großartige Erklärung aus und treffen mit voller Wucht direkt ins Herz. (Bastian Heider)
Beim jüngsten Black-Metal-Revival wurde oft mit Begriffen wie „Post“, „Experimental“ oder „Avantgarde“ hantiert, um dem an und für sich doch recht obskurem Genre einen hipperen und zeitgemäßeren Anstrich zu verleihen. Dabei waren die Grundzutaten, aus denen etwa Wolves In The Throne Room ihre düsteren Meilensteine extrahierten, schon bei den norwegischen Genre-Großvätern der 90er vorhanden. Atemberaubende Blastbeats, sägende Gitarrenwände und gutturales Gekreische verschwimmen so auch bei Ash Borer zu monumentalen Felswänden aus Sound, die letztendlich gar nicht einmal so weit von Postrock oder Shoegaze entfernt sind. Vier epochale 15-Minüter, so eisig wie unbarmherzig, machen aus „Cold Of Ages“ das vielleicht beste klassische Black-Metal-Album des Jahres. (Bastian Heider)
Als Zusammenstellungen aus Dutzenden und Aberdutzenden von Einzelstücken ihrer hochproduktiven Macher darf man bei Footwork-Alben schon von Glück reden, wenn sie nicht so lieblos sequenziert sind wie DJ Earls in Einzelstücken überragendes „Audio Fixx“. Das Debütalbum von Young Smoke jedoch glänzt nicht nur in seiner Trackanordnung als kohärentes Gesamtwerk, sondern wartet auch mit einem übergreifenden Soundkonzept auf, in dem eine eigens kreierte, samplefreie Klangpalette wie aus einem Sci-Fi-Flipperautomaten einen spacigen Abschuss nach dem anderen liefert. Laserfeuer, Kollisionswarnungen und Roboter-Statusberichte treffen auf Sternennebel und Beatfluktuationen – welcome to the space zone!
Letztendlich kennt kaum jemand Simon Joyner, obwohl er doch nunmehr seit 20 Jahren erlesene Songwriting-Platten veröffentlicht. Dabei braucht es eigentlich nur das eröffnende „Vertigo“ seines aktuellen Doppelalbums „Ghosts“: In unglaublichen siebeneinhalb Minuten führt er die so gerne selbst auferlegte Melodieseligkeit ad absurdum und fabuliert in seinem unverwechselbaren Knurrtimbre in analoger Herrlichkeit über Gott und die Welt. Der titelgebenden Schwindel wird dann vollends offenbar, wenn sich alle 17 Stücke in voller Gänze in die Gehörgänge geschraubt haben, springt Joyner doch von rückwärtigen Feedback-Gitarren zum sanften Folksong und zurück. Hat da jemand Uff gesagt? Dann bitte jetzt eine Runde über Kopf! (Carl Ackfeld)
Unter gelegentlich irritierendem Authentizitäts-Beigerede präsentierte sich New Yorker Disco im Schatten von Hercules & Love Affair dieses Jahr in großen Liveband-Verbünden wie Escort und Midnight Magic, doch auf der anderen Seite des Atlantiks kam das schönste Album von einer klassischen Duo-Besetzung. Die Engländerin Kathy Diamond, wohl am meisten von ihrem Aeroplane-Feature bekannt, zeigt sich einmal mehr als moderne Eurodance-Diva par excellence. Ihre eleganten Songs zeigen in der modern-funkfreudigen Produktion ihres Kollaborateurs Max Skiba neben dem obligatorischen Glamour eine bemerkenswerte emotionale Tiefe, insbesondere im finalen „No Sad Goodbye“, wenn sie von Streicherumschwärmtheit auf ein einsames „I still love you“ absinkt. (Uli Eulenbruch)
Über fehlende Kreativitätsschübe kann Geoff Barrow echt nicht klagen. Wenn er sich auch mit Portishead gerne eine Dekade Zeit für ein neues Album lassen mag, juckt es zwischendurch immer wieder an anderen Stellen ziemlich in den Fingern. Dieses Jahr etwa reichte es anscheinend nicht aus, das tolle Zweitwerk seiner spannenden Krautrock-Postpunk-Band Beak> fertigzustellen und all dies mit einer ziemlich ausgiebigen Tour zu krönen, nein, es sollte noch mehr sein: „Noch mehr“ bedeutet im Falle Barrows mal eben satte 41 Tracks. Exakt so viele tummeln sich auf „Quakers“, dem gleichnamigen Debüt seines neuen Oldschool-HipHop-Babys. Ganze 35 MCs sind auf diesem 70-Minüter versammelt, der trotz aller stimmlichen Vielfalt lässig homogen wirkt und dessen dichtes Konstrukt die Anzahl an Songs zu jeder Zeit rechtfertigt. Das können sonst eigentlich nur Madvillain – die allerdings lassen sich bekanntlich noch mehr Zeit als Portishead. (Pascal Weiß)
Nicht selten deutet die Veröffentlichung eines selbstbetitelten Albums auf den Versuch hin, die musikalische Essenz des bisherigen Schaffens in repräsentative vierzig Minuten zu pressen. Auch wenn man sich bei einer umtriebigen Person wie Rachel Evans nicht sicher ist, ob sie überhaupt nur einen Gedanken an solche Fragen verschwendet, scheint für „Motion Sickness Of Time Travel“ Ähnliches zu gelten. Sicher, in Evans‘ Welt bedarfs es etwas mehr Zeit, die Dinge wirken zu lassen. Keine der vier auf dieser Doppel-LP befindlichen Synthie-Meditationen schafft es unter die 20-Minuten-Grenze. Zeit genug, sich im repetitiven Spiel der Linien zu verlieren und ausgiebig in den ostentative Drones umspülenden Gesangsschleifen zu baden, ohne sich dabei an esoterischem New-Age-Geplänkel stören zu müssen. Trotzdem siegt hier die Intuition über den Verstand, führt die Richtungslosigkeit der nicht enden wollenden Loop-Kaskaden doch ins scheinbare Nichts. „Motion Sickness Of Time Travel“ ist weder bahnbrechend noch zukunftsweisend, sondern bleibt trotz hypnagogischer Umhüllung ein klassisches Ambient-Drone-Album. Wenn auch das wahrscheinlich schönste des zurückliegenden Jahres. (Till Strauf)
Mangelndes Namedropping ist nichts, womit sich Foxygen ernsthaft befassen müssten. Die Kinks, MGMT oder die Beatles sind nur einige der Bands, die in regelmäßigen Abständen in die Runde geworfen werden, wenn von den Kaliforniern die Rede ist. Eines vorab: Keiner dieser musikalischen Einflüsse ist an den Haaren herbeigezogen. Eher noch ist man gewillt zu sagen, der charismatische Sänger Sam France mit seinem talentierten Mienen- und Rollenspiel erinnere an den jungen Mick Jagger. Was aber viel wichtiger ist: Foxygen wollen und müssen diese Sache zu keiner Zeit erzwingen. Sie schreiben erstaunlich reife Songs mit charmantem Schwarz-Weiß-Anstrich aus glorreichen Popzeiten und haben dabei ähnlich wie eben MGMT mit „Congratulation“ tierischen Spaß, ihre Songs immer wieder umzukrempeln, wenn man sich gerade mal zurechtfindet. Überhaupt ist Freude wohl das erste, was diese Band charakterisiert, die bereits heute mit einer erstaunlichen Bühnenpräsenz ausgestattet ist. Und das Beste? In wenigen Wochen kommt bereits das neue Album. (Pascal Weiß)
„Voices From The Lake“ ist eines dieser Alben, in denen man jedes Zeitgefühl verlieren kann und will. Keine Ahnung, ob nun 10, 20 oder 45 Minuten vergangen sind, in denen man sich mit seinem Ambient-Techno als ein wundervoll immersives Stück feuchter Stimmung und Atmosphärik abgefunden hat, als diese dezent majestätische Melodie einsetzt und eine neue Dimension aufspannt. Eingerahmt von Wasserplätschern in Nebelschwaden erstreckt sich Voices From The Lake als die Symbiose aus Donato Dozzy und Neel, deren analoge und digitale Ansätze nahtlos organisch ineinander greifen, improvisatorisch locker und doch mit durchgehender Führungslinie nie zu formstreng oder formlos wird. Ein Album, für das man sich Zeit nehmen kann und will. (Wobei darauf hingewiesen sein sollte, dass die jüngst erschienene Vinyl-Version sehr anders und m.E. nicht ähnlich gut ist)
Der König ist tot, lange lebe der König. Wer sich in diesem Jahr noch nicht genug gefürchtet hat, dem sei King Dude alias TJ Cowgill empfohlen. Seine Stimme klingt teilweise noch brüchiger als Leonard Cohens und gewaltbereiter als Tom Waits, mit ihr lässt er in „Burning Daylights“ das ein oder andere Nackenhaar zum Himmel steigen. Mit diabolischer Freude zelebriert er eine Mischung aus trotzigem (Neo-)Folk und knorrigem Americana, dem aber eine Black-Metal-Vergangenheit deutlich anzumerken ist. Mythisch im Text, mystisch im Kontext und trotz der gewöhnungsbedürftigen Klangstruktur wunderbar eingängig, löst der Dude in diesem Jahr Cult Of Youth um die Vorherrschaft im Dark-Folk-Segment mit Verve ab. (Carl Ackfeld)
Glitchiges Prickeln und digitales Fauchen fließen durch den Raum, zerfasertes Dröhnen schwillt wüst oszillierend zu imposantem Volumen an. Nein, ein typisch nettes Ambient-Album ist das Debüt von Michael Tolan als Superstorms nicht. Mit noisiger Digitalbearbeitung radikalisiert er seine Klangpalette um übersteuernde und komprimierende Verfremdung, lässt Momente klaren Saitenspiels mit Knisterrauschen umsägen und unterfüttert massive Krachcrescendi mit delikaten Melodiebewegungen. Es ist dieses graduelle Interpolieren beider Extrempositionen, die „Superstorms“ zu einer elektrisierenden und doch auch meditativen Hörerfahrung machen. Sollte man laut abspielen. (Uli Eulenbruch)
Wären Dredg nicht schon vor ziemlich langer Zeit in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, klängen sie heute vermutlich so wie All Will Be Quiet auf ihrem Debütalbum. Die bittere Kälte ihrer finnischen Heimat wird auf „On The First Day“ mit großem Ideenreichtum in hymnischen Songs modelliert, die einer puristischen Idee von Pop ganz nah kommen, gleichzeitig aber durch etliche progressive Elemente diese Vertrautheit aufbrechen. Nun ist diese Herangehensweise nicht neu, auch die extrem dichte Atmosphäre und Geschlossenheit, die die Band mit Leichtigkeit aufbaut, zeichnet viele andere Alben dieses Genres aus. Es ist die enorme, niemals pathetische Hingabe, die All Will Be Quiet von den Genre-Kollegen abhebt. (Felix Lammert-Siepmann)
Mara Barenbaum ist Group Rhoda. Sie verbringt ihre Zeit mit ältestmöglichen Synthies, antiquierten, für möglichst monotone Beats sorgenden Drum-Machines, mit ihrer distinguierten, fernen Stimme. Kurz: Unter San Franciscos Sonne schnitzt sie Songskulpturen aus Eis und Distanz. Psychedelisch bleibt da nur das Plattencover, die Songs sind 80er durch und durch, so New Wave und Industrial wie möglich. Als tanzte der Geist von Nico in einer verlassenen Fabrik im Winter, nur dass sie versehentlich die Upper und nicht die Downer eingeworfen hat. Abstrakt wie konkret minimalistisch vertont Group Rhoda Angst, in Eis eingewickelt und aus der Zeit gefallen, zu Marmorbüsten voller Abgründe. Der Abgrund blickt in dich hinein. (Sebastian Schreck)
Bits Of Shit kämen auch gut ohne einen Sänger aus. Das ihr Debüt eröffnende „F“ oder „Reign“ sind furios voranwalzende Punkgefährte, roh und voluminös und doch mit einem nötigen, wichtigen Grad an Spielfähigkeit zusammengehalten. Zwischen Wire, Fucked Up und Wipers geizen die Australier weder mit Energie noch mit Kanten und Brüchen, wie im zwischen ausgelassen gerader Linie und nervöser, abgehackter Bemessenheit hin- und hertitschenden „Patrol“, komplettieren ihr Flair leicht artiger Lederjacken-Rock’n’Roller aber erst mit einem enthusiastisch grantelnden Trunkenbold, der einer Kreuzung aus Mark E Smith und Jello Biafra erstaunlich nahe kommt. (Uli Eulenbruch)
PAN ist sowieso in aller Munde dieser Tage: Beim Unsound Festival gab es in diesem Jahr eine ganze PAN-Labelnacht und vom FACT Magazine wurde das Berliner Label jüngst zum Label des Jahres gekürt. Nicht ohne Gründe. Einer der besten für diese Wahl hört auf den Namen Helm: „Impossible Symmetry“ ist Luke Youngers zweites Soloalbum und bietet analog-schlingernde elektroakustische Ambientstücke. Mit Heatsick bildet Younger das Avantgardedrone-Duo Birds of Delay, doch erst jetzt betritt er solo und vollkommen verdient eine etwas größere Bühne. Für Freunde von Haxan Cloak, Leyland Kirby und Waldspaziergängen. (Constantin Rücker)
2012 verstärkte sich in der HipHop-Szene der Trend zum Mixtape im Vergleich zu den Vorjahren noch einmal. Le1fs „Dark York“ ist in dieser Welle sicherlich eines der besseren und ungewöhnlichsten. Durch die Mitarbeit namenhafter Mitstreiter wie Nguzunguzu fällt „Dark York“ nicht so aus, wie man es von einem Rapper aus New York City vielleicht erwarten würde. Le1f verzichtet größtenteils auf gängiges Sampling und greift stattdessen auf Synthies – der elektronische Zeitgeist ist hier nicht zu überhören – und Geräusche aus dem Alltag zurück. Auch textlich macht er nicht auf dicke Hose. Leif entlarvt für die East Coast typische Plattitüden, indem er mit ihnen spielt und sie letztlich als nutzlos brandmarkt. (Felix Lammert-Siepmann)
So in etwa könnte das Skelett von Folk klingen. Ein Hauch morbiden Post-Folks umweht die dekonstruierten Songs auf „Bones“, die den Hörer immer weiter in den wunderlichen Wald der blanken Psyche führen. Als ob aus Mazzy Star und Leonard Cohen, in Schnipsel geschnitten und durcheinander gewirbelt, Songs gemacht worden wären für Jäger, Totengräber und Gespenster. Als wären Fenster nur der durchsichtigen Schönheit verpflichtet, als wäre der wirre, labyrinthische Weg der einzig begehbare, als wären alle großen Momente die der Trauer: „It’s just another thing you can’t control.“ So hören sich Gänsehautmassagen für verkopfte Seelen an. (Sebastian Schreck)
Hospitality halten den Twee im Pop, fahren nur mit heruntergelassenem Dach Auto und Frühling ist sowieso immer in den zehn bunt blühenden, kleinen Pop-Blumen, die vor Lebens- und Singfreude nur so bersten. Amber Papini agiert so souverän und süß, wie die Musik verspielt Lebensqualität in dicken Batzen versprüht. Twang-Gitarren? Sax? Nasen zuhalten beim Singen? Holla, die Wundertüte! „We don’t laugh, we don’t smoke, we don’t understand a joke.“ – von wegen! Zurückhaltung ist was für die Coolen, während Hospitality vor allem eins machen: Spaß. Ausgelassen und Augenzwinkernd, instinktiv und direkt, charmant und süß wie Hölle. Diese Musik würde auch in Ihrem H&M keine schlechte Figur abgeben. (Sebastian Schreck)
Mit „DIN“ hat Fay Davis-Jeffers von Pit Er Pat fraglos eines der spannendsten Artpop-R´n´B-Alben des Jahres abgeliefert. Gewiss, die Nische ist klein, die Konkurrenz überschaubar, aber FAYs Herangehensweise an die Songs unterscheidet sich derart gravierend von der anderer Künstler, dass sie ihre Chance verdient hat. „DIN“ birgt 10 wunderbar repetitiv-perkussive Kleinode für musikalische Freigeister, irgendwo zwischen den Fiery Furnaces, Boredoms, Co La und LV. Dubbige Songs aus frischem Holz. Einige spröde und ungelenk, andere mit weichem Fell bespannt. Aufgrund der experimentell-intuitiven Herangehensweise wird das Songwriting vernachlässigt und der Fokus stattdessen auf die Songtexturen gelegt. Das alles macht „DIN“ zu einem abwechslungsreichen, aber fraglos durchwachsenen Hörvergnügen. Dessen ungeachtet handelt es sich bei „DIN“ aber auch um eine der fesselndsten halben Stunden des gesamten Musikjahres 2012. (Constantin Rücker)
Im Gegensatz zu ihren Landsleuten von Nü Sensae sind White Lung auch bei ihrem zweiten Anlauf noch deutlich verwurzelter im traditionellen Punk Rock. Zehn Stücke in 19 Minuten sprechen eine deutliche Sprache, „Sorry“ ist schnörkellos, rau und wirkt durch den treibenden Gesang Mish Ways beinahe bedrohlich. Auch sonst geht die Band, die zu drei Vierteln aus Frauen besteht, geschickt mit der hiesigen Vorstellung von Riot Grrrls um. Poppige Momente, die hier und da sporadisch auftauchen, werden sogleich weggewischt, um den scheppernden Momenten wieder ihren angestammten Platz zu überlassen. Dies festigt den Eindruck eines wütenden Albums einer rastlosen Band. (Felix Lammert-Siepmann)
Jeopardy, die 500-Euro-Antwort: „Nachdem sie durch Dance-Features bekannt wurde, gelangte diese junge Engländerin 2012 auf Platz 5 der UK-Charts mit einem Debütalbum zwischen modern-geschmackvollem R’n’B im Erbe Sades und einem elektronischen Szene-Einfluss, der sich unter anderem in zwei Beiträgen eines angesagten Szene-Produzenten und einem formidablen Joe-Goddard-Remix äußerte“. Die Frage lautet, natürlich: „Wer ist Jessie Ware?“ – aber auch: „Wer ist Delilah?“ Unter kuriosen Parallelen lässt sich vieles, was über das eine Album geschrieben wurde, auf das andere beziehen, doch nur Wares schaffte den Sprung über die britische Insel hinaus. Wer die Kapazität für mehr als eines davon pro Jahr besitzt oder mehr zu LV und Trip-Hop als Bashmore und Softrock tendiert, trifft in „From The Roots Up“ auf Songs, die oft mehr wundervolle, ungewöhnliche Detailtiefen bieten, als es zunächst den Anschein hat. (Uli Eulenbruch)
Mag sein, dass Pallbearer mit „Sorrow and Extinction“ das Rad nicht neu erfunden haben. Wer in seinem Plattenschrank aber noch ein kleines bisschen Platz für Stonermetal übrig hat, kommt in diesem Jahr an „Sorrow And Extinction“ einfach nicht vorbei. Pallbearer liegen dabei irgendwo in der schmalen Grauzone zwischen Black Sabbath, Kyuss und Sleep, 50 Minuten lang schleppen sie sich durch eine eisige Kälte für ihre fünf Songs. Fünf Bretter, die fraglos nicht die Welt bedeuten, aber in der richtigen Stimmung und Lautstärke gehört eine emotionale Ergriffenheit vermitteln, die im Metalbereich durchaus Seltenheitswert hat. Manchmal fährt es sich mit angezogener Handbremse eben doch am besten. (Constantin Rücker)
Woher, wenn nicht aus der Welt-Jangle-Haupstadt Melbourne sollte in diesem Jahr ein XXL-Janglepopsong wie „Footprints In The Sand“ kommen? Irgendwo zwischen Real Estate und Television unternehmen Pageants darauf eine melancholische Achteinhalb-Minuten-Achterbahnfahrt, doch ihr Debütalbum erweist sich als ohnehin als ein Füllhorn der Abwechslung. Hier glückselig chilliger Strandsound, dort aber auf einmal aggressive Verzerrung oder gar eine Portion schattigen Americanas – kein Stück ist mit einem anderen verwechselbar. Mit fein arrangierten Begleitvocals und nicht minder sanft verzahntem Zusammmenspiel der Instrumente vermag das australische Quintett immer wieder traumhaft aufs Neue, durch Texturen und Kontramelodien Komplexität ins Innere dieser eingängigen Songs bringen. (Uli Eulenbruch)
Nachdem die Skeletons 2011 mit „People“ das bis dato stärkste und ausgeglichenste Album ihrer beschaulichen Karriere veröffentlichten, schien die Zeit reif, sich an neuen Konzepten zu versuchen. Die Idee, seine Musik mit einer Big Band umzusetzen, schwirrte schon länger in Matthew Mehlans Kopf herum. Für „The Bus“ versammelte er 20 befreundete Musiker in einem Raum und ließ den Dingen ihren Lauf. Ausgehend von der Idee, die fragmenthaften Impressionen unzähliger Greyhound-Bus-Reisen textlich und musikalisch zu verarbeiten, entstand ein über weite Strecken improvisiertes Konzeptalbum über das geordnete Chaos das alltäglichen Lebens. Beim ersten Hören wirkt das schroff und sperrig, wenn sich die unzähligen Instrumente wie eine Horde wilder Ameisen auf den rudimentären Songgerüsten auszubreiten beginnen. Hüllt sich der sensible Beobachter Mehlan doch zu gern in eine kakophonische Klangdecke, die Assoziationen mit den freieren Momenten von Godspeed You! Black Emperor ebenso zulässt, wie sie Erinnerung an die Free-Jazz-Big-Band-Ensembles von Alice Coltrane oder Archie Sheep wachruft. Doch wer „The Bus“ verstehen will, muss sich einlassen und lernt die kurzen Momente der Schönheit, die sich zwischen all der Hektik und dem Lärm verstecken, zu entdecken. (Till Strauf)
„Ice Level“ ist nicht irgendeine Soulplatte und schon gar keine, der ein „R’n’B und “, sprich: HipHop, voran geht, sondern eine vertrackte und wilde. Getragen vom inbrünstigen Falsett des Sängers Carlos Hernandez umgarnen ihn die drei Frauenstimmen der Band ausgiebig und leidenschaftlich. Zutaten, die den Dirty Projectors allerlei Ruhm eingebracht haben. So weit sind Ava Luna (noch?) nicht, verschachtelt und durchdacht, seltsam rockig, wahnwitzig ausschweifend wird hier gesoult. Einige Versuche der Genreeinordnung: Math-Soul, Neo-Odd-Soul, beziehungsweise, in den Worten der Band: „nervous soul pop punk r&b/soul soul Brooklyn“. (Sebastian Schreck)
Und nochmal PAN. Wir reihen uns ein in die Lobeshymnen um das ästhetisch und konzeptuell höchstspannende Konzept des Ladens um Bill Kouligas. Als prägendster Name des Berliner Labels hat sich in diesem Jahr vermutlich Lee Gamble herauskristallisiert, neben Juju & Jordash und Voices From The Lake legte er den atmosphärisch dichtesten und experimentellsten Entwurf moderner Dancemusik vor. „Diversions 1994-1996“ ist einem unterschwellig vorangetriebenen Minimalismus unterworfen, während „Dutch Tvashar Plumes“ etwas unausgeglichener daherkommt und im Schatten seines Weggefährten steht. Dass Lee Gamble massenkompatibel ist, hat übrigens noch niemand behauptet. (Constantin Rücker)