
Manfred Mann: “Mighty Quinn”, März – April 1968
Heute haben wir eine Premiere beim Liedschatten, und zwar die der, tada!, schwierigen Quellenlage. Denn Grundlage der Charts waren einst die durch den „Musikmarkt“, eine Branchenzeitschrift der Musikindustrie, ermittelten Zahlen. 1968 wurden sie halbmonatlich veröffentlicht, um Händlern und Konsumenten gleichermaßen bestimmte Titel besonders zu empfehlen. So weit, so gut.
Selbstverständlich gab es von jeher noch andere Hitlisten, neben quantitativen wie zum Beispiel denjenigen für Musikautomaten oder Radiosender existierten in etwa vermeintlich „qualitativ“ orientierte wie Hörercharts oder mehr sachlich als romantisch motivierte Zusammenstellungen in Chartsform, wie sie von Händlern zur Bewerbung des eigenen Sortiments vorgenommen wurden. Die damals und heute als für das Gebiet der BRD relevant geltenden Zahlen stammten allerdings bis 1977 vom „Musikmarkt“, ab dann wurden sie vom Unternehmen Media Control erstellt. Selbstverständlich erfassen diese nicht per se jedes Stück, das wäre selbst bei sehr viel gutem Willen kaum zu bewältigen.
Um diesen geht es ja aber auch gar nicht. In den genannten Unternehmen sind ja aller Wahrscheinlichkeit nach keine leidenschaftlichen Statistiker, sondern Kaufleute mit soliden Absichten hinsichtlich der Verwertung des eigenen Tuns durch das Erbringen von Leistungen angestellt. Diese bestanden und bestehen früher wie heute in Marktforschung als Hilfestellung für Reklame, sei es für Händler oder Produzenten. „(…)Weil“, wie es recht hübsch bei Georg Kreisler heißt, „im Kapitali, Kapitali-lismus / jeder immer nur das kauft, was er schon kennt. / Und der Verkauf, das sieht doch jeder ein / muß im Kapitali, Kapi-Kapilismus sein“ („In der Stille“), so schaut’s nämlich aus.
Deshalb gilt für Wikipedia: „Da die Verwendung von Chartauswertungen anderer Personen oder Institutionen ohne deren Genehmigung jedoch gegen das Urheberrecht verstößt, kann hier zurzeit nur eine unvollständige Darstellung bzw. eine Darstellung mit diversen Abweichungen erfolgen.“
Jetzt können sich Menschen beileibe nicht nur aus ökonomischen Gründen für Charts interessieren. Möglich sind auch listenhöriger „Wissensdurst“ respektive Bescheidwisserei oder Nostalgie, womöglich auch der Wunsch, sich auf eine Art mit Musik befassen zu wollen, die über das bloße Hören zeitgenössischen Pops hinausgeht, siehe diese Serie hier. Und was geschieht, wenn man sich dazu entschließt, ein solches Unternehmen neben der Scheußlichkeiten der Lohnarbeit und dem sonstigen Leben zu unternehmen, wenn es ohne Weiteres, sprich zumindest ein Onlineabo des „Musikmarktes“, nicht erlaubt ist, auf dessen Daten zurückzugreifen?
Dann fallen Vertrauen und Hoffnung der flatterhaften Schwarmintelligenz zu, die auf der entsprechenden Seite einen Hinweis obigen Wortlauts mit der schönen Formulierung „(…) kann hier zurzeit nur eine unvollständige Darstellung bzw. eine Darstellung mit diversen Abweichungen erfolgen.“ anbringt. Das klingt, als könnte zu viel Genauigkeit verdächtig sein.
Vielleicht ist das Folgende deshalb nur ein geschicktes Manöver der am Artikel Schreibenden. Laut Wikipedias Auflistung der bisherigen Nummer-Eins-Hits der BRD befindet sich nämlich vom 16. März – 29. März das Stück „Bleib Bei Mir“ von Roy Black an oberster Position, das nach seiner Discographie hingegen nur bis Platz 3 gelangte.
Ist das eine der im Zitat angedeuteten Quotenabweichungen vom damaligen Monopolhalter? Womöglich. Wie lautet jedoch nun die statistische Wahrheit? Nehmen wir an, dass die Fans eines Schlagerinterpreten diesem eher einen Hit mehr zuschreiben würden und im Guten wie auch Schlechten große Stücke auf, so seltsam, ja wider- bis unsinnig das in Bezug auf Schlager auch scheinen mag, Ehrlichkeit halten. Hier überwiegt dann das Dasein als Fan sicherlich über den genreeigenen Irrwitz. Es lässt sich also davon ausgehen, dass „Bleib Bei Mir“ bloß den dritten Rang einnahm. Hören wir aber dennoch einmal das Lied.
Liebe ohne Unterleib: Blacky im Niemandsland von gleichzeitiger Sehnsucht und Erfüllung
Das Schlagzeug mag etwas mehr grooven als vor zwei Jahren, die Streicher gar deuten in den Strophen, zumindest verglichen mit „Ganz In Weiss“, eine Art schüchternen Wagemut an, nur hat sich in der Sache nichts geändert. So wartet der Text noch immer mit allerlei liebreizenden Ungereimtheiten auf, wie sie schon Jahrzehnte vorher denkbar gewesen wären.
„Wohin meine Wege auch gehen / du bist ja doch immer bei mir (…)“, gut und schön. „Ich hab Sehnsucht nur nach dir / und meine Seele, die weint“, da wird es schon schwieriger. Entweder, besungene Person ist immer da, dann ist kein Platz für Sehnsucht, oder aber nicht. Doch wer weiß, auch das Sehnen nach ihrer Anwesenheit vermag sie ihm nahe zu bringen, lassen wir es einfach gelten. Doch dann zu bedauern „was auch war / das vergeht“, nein, da endet das Verständnis. Er liebt sie, sie ist nämlich „die Sonne, die scheint“, klar, und wenn sie weg ist, sehnt er sich nach der ewig Anwesenden. Doch war sie nicht immer bei ihm? Und verging das nicht? Wie kann sie dann immer bei ihm sein? Und was hat die Vergänglichkeit dann in diesem Schwall irrsinniger Plattitüden verloren? Besingt er nicht seine große, größte, unvergängliche Liebe, seine Sonne? Je mehr man darüber nachdenkt, um so mehr verliert man sich in den nur textähnlichen angeordneten Silbenfolgen dieses Schlagers. Platz 3 ist also mehr oder weniger als angebracht, entscheidet selbst, aber bitte später. Jetzt lassen wir erst einmal die Tauben rennen.
Flöten sind sein cup of meat: Manfred Mann mit gleichnamiger Band
Manfred Mann sind den Lesern dieser Serie bereits durch „Ha! Ha! Said The Clown“ bekannt, auch „Do Wah Diddy Diddy“ dürften vielen ein, ähem, Begriff sein. Freuen wir uns nun über ihren nächsten großen Hit, den zweiten an der Spitze der Charts, nämlich „Mighty Quinn“.
Ach, das Video war ja bereits oben zu sehen. Entschuldigung.
So etwas nervt, allein schon, weil eine Aufnahme ja stets nur eine Aufnahme sein kann und nicht einmal beim ersten Hören so spontan zu wirken vermag, wie es eventuell beabsichtigt wurde. Darin besteht wiederum ein Widerspruch, absichtliche Spontanität, wie sollte das gehen? So wird nicht nur erstes, sondern auch erneutes Hören vergällt, denn absichtlich Unbeabsichtigtes tun, nein danke. Am besten noch singt der Mensch obendrein mit sich selbst im Duett, so wird der künstliche, nicht künstlerische Charakter eines Stückes noch einmal fein unter die Nase gerieben. Künstler nämlich machen so etwas nicht, zumindest sollten sie es nicht tun. Davon ausgenommen sind jedoch Zwischenrufe, die sich an Bandmitglieder, die sogleich zum Solo anheben werden, richten. Auch vor einem Übergang in einen anderen Part mag gerufen werden.
Sei es, wie es sei: War oben nicht von Freude die Rede? Eben.
Also, wie viele Hits hatte Bob Dylan in der BRD? Von den Alben ausgehend recht wenige, mit dem empfehlenswerten „Time Out Of Mind“ kam er 1997 erstmalig in die Top Ten. Seine Singles schafften es nie dorthin, selbst nicht „Like A Rolling Stone“ (Platz 13). Andere Interpreten hatten da oft mehr Erfolg, zum Beispiel The Byrds („Mr. Tambourine Man“, Platz 2 BRD) oder Guns’n’Roses („Knockin‘ On Heavens Door“, Platz 5 BRD), noch mehr versuchten es immerhin (siehe diese Liste), wobei das Motiv meist eher die Bezeugung von Respekt denn Ehrgeiz gewesen sein dürfte. Immerhin ist Dylan der wichtigste Solokünstler der Popmusik der 1960er, allein sein Einfluss auf die Beatles würde ausreichen, um diese Behauptung zu rechtfertigen.
„Mighty Quinn“ schließlich stammte als „Quinn The Eskimo (Mighty Quinn“) von Bob Dylan und wurde im Rahmen der Basement Sessions 1967 aufgenommen, seine erste reguläre Veröffentlichung erfuhr es jedoch durch Manfred Mann. Die früheste Version Dylans findet sich auf dem legendären Bootleg „Great White Wonder“ von 1969, 1970 folgte die Veröffentlichung auf dem seltsamen Doppelalbum „Self Portrait“. Nicht weniger rätselhaft, wenn auch weitaus erfreulicher als dieses ist der Song, er handelt nämlich von einem Menschen, der alles und jeden durch bloße Anwesenheit ins Reine zu bringen vermag. Auch das Füttern von Tauben scheint ihm ein Bedürfnis zu sein.
„(…)Ev’rybody’s in despair, ev’ry girl and boy.
But when Quinn the Eskimo gets here
Ev’rybody’s gonna jump for joy.(…)“
(…) ev’rybody’s neath the trees.
Feeding pigeons on a limb.
But when Quinn the Eskimo gets here
all the pigeons gonna run to him.(…)
(…)nobody can get no sleep,
there’s someone on ev’ryone’s toes.
But when Quinn the Eskimo gets here
ev’rybody’s gonna wanna doze. (…)“
Was das bedeuten soll, bleibt ungewiss. Deutlich wird hier immerhin Dylans Sinn für Humor, der allein schon ausreichen sollte, um Menschen, die es mit Autoritäten und historischen Superlativen nicht so haben, einmal dazu zu bringen, sich mit seinem Werk zu befassen. Und das ist doch ein Grund zur Freude.