
Dieses Album wurde bis zum jetzigen Zeitpunkt noch kein einziges Mal gehört, und dennoch lässt sich die Rezension schon beginnen. Außerdem ist die erste Runde des DFB-Pokals (Eintracht Braunschweig gegen den FC Bayern München) nun wirklich nicht so spannend.
Schließlich passt es schon, Thees Uhlmann im Sinn und Fußball vor Augen, im Falle des Pokals immerhin ein Spiel mit einem „Entweder oder“. Da gibt’s nur Gewinner und Verlierer, keine Spekulationen und Rechnerei, hart geht’s zu. Und am Ende dürfen Männer weinen, auf dem Platz und daheim in den Kneipen, bierselig, verletzt und dennoch willens, sich wieder zu erheben, und zwar so oft und immer wieder, dass man gar nicht mehr glauben mag, irgendwer sei da tatsächlich zu Boden gegangen. Wer sich ständig wieder aufrappeln kann, wurde nicht hart getroffen und überschätzt die Bedeutung der Dinge, die einem das Leben manchmal vorenthält. Auch unterschätzt er die Leidensfähigkeit des Menschen, sonst hätte nicht ein jeder seiner Tage das Potential zur mittleren Katastrophe. Trotzdem stilisieren manche, man könnte auch gleich Thees Uhlmann sagen, das Leben zur ewigen Nachspielzeit.
Das Kernstück des Uhlmannschen Schaffens bildete seit jeher die Hoffnung an sich, im Konkreten bezog sie sich meist auf die Sehnsucht nach einem von geliebten Menschen begleiteten Leben. „Hinter all diesen Fenstern“ ist dabei der unumstrittene Höhepunkt seiner emotionalen Exzesse, ein Stück wie „Die Schönheit der Chance“ enthielt Zeilen, für deren Großartigkeit man den Flaming Lips ewig danken sollte. Denn „Das ist nicht die Sonne die untergeht / sondern die Erde, die sich dreht“ stammt aus deren Stück „Do You Realize?“, nicht von Thees Uhlmann. Doch „Talent borrows, genius steals“, und gut geborgt war es allemal.
So viele Fäuste konnte man gar nicht haben, wie man seinerzeit in den Himmel recken wollte, Thees Uhlmann aber hatte sie in Form einer Band und den Mut zu einer Menge Pathos. Deren Gegenstand war nur zu Beginn Melancholie. Sie wurde nach und nach von anderen Themen abgelöst, zum Beispiel dem Wunsch nach einem erfüllten Alter, Liebesbeziehungen und der herausragenden Güte der eigenen Person. Es schien Ziel geworden zu sein, mit Tomte die Musik zu all den Lads da draußen zu liefern. Problematisch war nur: Tomte konnten nie Oasis werden, nicht, weil diese so einzigartig gewesen wären, sondern da es einfach an dem passenden Publikum, der richtigen Arbeiterromantik fehlte. Die BRD ist nun einmal der Staat paranoider Kleinbürger mit Abstiegsängsten, daran wird sich so schnell nichts ändern. Und auch die kumpelhafte Bierseligkeit Tomtes war da nie konträr, wollte es sicher nie sein. Es sind halt alles Menschen, man mag ihnen nicht zürnen oder grämen, die am Ende alle dasselbe wollen: Liebe und solches Zeugs.
Dass die später immer offensichtlichere Biederkeit aus Uhlmann das Idol all der Menschen machen konnte, die bis Mitte Zwanzig ein paar Chucks besaßen und mehr als zweimal eine „Indiedisko“ von innen sahen, sich aber nie eine Plattensammlung anlegten, denn Musik gab’s ja stets zum Alkohol, und unter der Woche tat man etwas für die zukünftige Zweisamkeit, ist nicht verwunderlich. Warum sein Ruhm noch nicht merklich darüber hinaus wuchs ist es eher. Es wäre ihm zu gönnen, denn wer so egozentrisch und extrovertiert ist, sollte im Interesse aller nicht verbittern. Schauen wir also, wie’s heute um ihn steht.
Der Opener trägt den catchy Titel „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluß hinauf“ und führt uns mitten hinein ins Uhlmannsche Sein, da geht’s um ihn, sein Leben, das „hart“ sei, was er aber „in Kauf“ nähme.
„Guten Tag, ich hätte gern ein Leben.“
„Eins hab‘ ich noch, ist aber leider etwas hart.“
„Nehme ich, besser als nichts.“
So nimmt man etwas in Kauf – das Leben aber begann irgendwann. Ob je nach Zustimmung gefragt wurde, ist unbekannt. Vermutlich wollte bloß irgendwer „seiner Existenz einen Sinn verleihen“, und als Folge dessen werden hierzulande meist Kinder geboren. Dann ist man auf der Welt und macht halt immer weiter, mehr als das Leben gibt es ja auch nicht, nur eine unbekannte Alternative. Insofern nimmt jeder täglich erneut die Härte in Kauf. Hut ab vor uns allen! So etwas hören die Menschen doch gern, damit kann man sich identifizieren.
http://www.youtube.com/watch?v=okC0HG9sjVU
Später gab’s dann die Gitarre für ihn, Ausdruck, Ausbruch, Kunstromantik und das Selbst, da macht das Leben was her, dann kann er die Dinge preisen, die er liebt. Gut so. Doch „im kalten Krieg wussten wir warum wir noch zittern“, nicht „im kalten Krieg wussten wir noch, warum wir zittern“, sondern eben Ersteres. Was aber teilen uns diese Zeilen mit? Wissen wir denn heute nicht mehr, warum wir „noch“ zittern? Zittern wir „noch“ auf dieselbe Art? Auf andere? Oder ändert sich das Zittern eh nie, dann wäre auch das damalige Zittern nichts Besonderes. Warum muss es also erwähnt werden? War’s damals ärger und schlimmer, und wir, wir haben’s viel zu gut heute, wissen aber davon nichts? Das will er sicher nicht meinen, bei seinem harten Leben, man könnte es aber denken, denn das Rätsel wird nicht gelöst. Ebenso schleierhaft bleibt „Mein Leben fühlt sich an wie gejagte Wale / Wie ein Pferdeschädel voller zuckender Aale“, ein starkes Bild (das schon Grass-Lesern Übelkeit verursachte, kann man wissen, braucht man nicht). Sicher, Klarheit ist überbewertet, aber wenn’s am Ende um nicht mehr geht als „alles ist hart, ich beiß‘ die Zähne zusammen“ und, das legt das Video mehr noch als der Text nahe, Verbundenheit mit Familie und der eigenen Vergangenheit, so stehen dem die Worte ein wenig im Weg.
Jetzt aber gibt’s erst einmal ein wenig Aufbruch bei „Die Nacht war kurz (und ich stehe früh auf)“, dort nimmt alles seinen Lauf, die Sonne zum Beispiel. Die Welt ist okay, keine Müdigkeit anscheinend, kein Kater, auch kein Kaffee, nicht im Text. Das war’s dann, gekleidet in Upbeat-Rockerei. Es folgt verstecktes Gegniedel („& Jay-Z sing uns ein Lied“) und die Frage, ob denn alles einen Sinn macht. Antwort: ja. Und auf alles gibt es eine Antwort, aber eben auch eine Menge Fragen, zum Bespiel: „Und wie häufig schlägt Dein Herz? Wie häufig siehst Du himmelwärts?“ Die Frage nach der Häufigkeit setzt voraus, dass das Herz schlägt und man in den Himmel sieht. Erstere Erkundigung mutet merkwürdig an, vielleicht ist ja aber eine besondere Art des Schlagens gemeint. Und die zweite… die reimt sich erst einmal. Wie genau die Antwort aussehen könnte? Nun, es wird eine rhetorische Frage sein. Oder ist es eine Metapher? Das Große und Ganze im Blick haben, Weite, Unendlichkeit, Zeugs? Dann wäre sie ja, ähem, sehr stark.
So weit, so plänkelnd. Und dann kommt der Rapper Casper auf einmal daher und zitiert Jay-Z auf komische Art und Weise. Das verstehe, wer sich über Zeilen wie „Mehr Kraft als Mut / mit mehr Schnaps als Blut“ zu freuen vermag und obendrein seine Ergüsse erträgt. Würde ich einem solchen Menschen des Nachts begegnen, wäre ich auf der Reeperbahn oder in einer Dorfdisko. Da bin ich aber nicht, da möchte ich nicht hin.
Nein, verstehen wir es ruhig anders, es ist zuweilen ja wirklich alles ganz schlimm und wir taumeln alkoholdurchtränkt durch die Dunkelheit, wirklich furchtbar, schrecklich, eine schmerzhafte Existenz, ganz böse, aua, da muss man sich schon durchkämpfen, Bars, Clubs, Nächte, schlimm. Das Dämpfen des Alkoholkonsums würde hier aber Abhilfe schaffen können, es muss niemand trinken. Zwei oder drei Wochen Nüchternheit gewähren einen völligen neuen Blick auf die Welt. Man ist weniger geschafft, auch nicht so eklig verschwitzt am Morgen, fühlt sich nicht fiebrig und aufgedunsen. Das lohnt. Muss man aber nicht machen, aufhören zu trinken. Es gibt auch so für alles eine Antwort, das hatten wir bereits gelernt, zumindest und anscheinend für Menschen, die sich ihren Weltschmerz in Bars ausschenken lassen können.
Dann Streicher, warum auch nicht? Ein paar Zeilen, über die sich das antideutsche Lager freuen wird: „Dein Herz ist wie eine Berliner Synagoge / Es wird Tag und Nacht bewacht / Ich wünschte, es wäre anders / Aber es ist anders als gedacht“, und nein, ganz gewiss meint er damit nicht die Synagoge, sondern das Herz. Aber „nackte Priester rennen beten“? Doch nicht in die Synagoge? Es schließt an: „Ich habe ein Kind zu erziehen / Dir einen Brief zu schreiben / Und ein Fußballteam zu supporten“, das wird hoffentlich keine Klimax sein. Nun noch ein wenig messianische Metapherei, es wünscht der Protagonist, verschiedene Outsider geschickt zu bekommen, denn „Es sind harte Zeiten um allein zu stehen / Doch harte Zeiten werden kommen und harte Zeiten werden gehen“. Das wissen wird schon seit dem Lied mit den Lachsen.
Machen wir’s endlich einmal kurz. Die Quintessenz des Albums ist: diffuses Leid, trotzdem Hoffnung, aufrappeln, anschließend neues diffuses Leid, später ein wenig Lokalpatriotismus („Lat: 53.7 Lon: 9.11667“), all das gebettet in nur zu konventionell umgesetzte Rockarrangements mit dem, ähem, dem „Besten der 90er und 00er Jahre“. Von jedem etwas, für jeden etwas. Vor allen Dingen aber für Menschen, die mit den ersten drei Tomte-Alben nichts anfangen können. Aber seien wir gerechter, dass hier ist nicht Tomte, es ist Thees Uhlmann, es ist seine Musik, seine Backingband, sein Leben und nicht weniger. Da laufen Stränge ins Leere, wirken sprachliche Bilder so unverständlich wie Insiderwitze und dienen zu nichts anderem, als beinahe so unbeholfen wie pathetisch vom eigenen Mut zu erzählen, der es immer wieder mit dem harten Leben aufnimmt. Das ist erfreulich für ihn, aber braucht man all das bei „Sommer in der Stadt“ in einem Klischeedub verpackt? Und diese komische „Paris im Herbst“-Nummer mit dem seelenlosen Akkordeonarrangement, wie es einer jeden Schülerband zu „Paris“ eingefallen wäre? Gut, sie hätten es nicht ohne weiteres umsetzen können, aber hilfsbereite LehrerInnen lassen sich beinahe überall finden, manchmal unterrichten sie auch Musik.
Mit der Erkundigung nach der Haltung diesem Album gegenüber wird eine grundsätzliche Frage gestellt: Womit hältst Du es? Mit der Erkenntnis „Da kannst Du glänzen, so viel Du willst“ (Ja, Panik) oder dem ewigen Reformismus im Privatem, dem Hinhalten des Leids bis zum Ende (Thees Uhlmann)? Was wünschst Du Dir, den Zusammenbruch aller, der alle Umstände mitreißt, die Schmerz hervorbringen, oder die Kraft zum einsamen Aufrappeln in einer feindlichen Welt, die Deine Leiden bagatellisiert und ihre Ursachen in Dir verortet?
Thees Uhlmanns erstes Soloalbum hat das beste Zeug dazu, viele Menschen anzusprechen, die nach einer weiteren Variante dessen suchen, was Unheilig, Casper und andere Protagonisten der Durchhalterei zu Gehör bringen. Mehr braucht man und kann man letztendlich dazu nicht sagen. Hätte es nicht schon auf den letzten Tomte-Alben Anzeichen hierfür gegeben, man könnte sehr traurig sein.
Label: Grand Hotel van Cleef
Referenzen: Kettcar, Findus, Hansen Band, ClickClickDecker, Jupiter Jones, Madsen
VÖ: 26.08.2011