
Die 60er haben im Zusammenhang mit Deerhunter immer schon eine große Rolle gespielt, vor allem die Parallelen zu The Velvet Underground stechen besonders hervor: Der experimentellen Frühphase (bei VU auch als Warhol-Zeiten bekannt) folgte mit „Microcastle“ das unmissverständliche Statement Richtung Popsong. „Halcyon Digest“, das inzwischen vierte und gleichzeitig ambitionierteste Album der Herren um Bradford Cox, geht diesen Weg konsequent weiter und kennzeichnet nun das vorläufige Ende einer Entwicklung, die sich mit uneingeschränkter Präzision nichts als den Song selbst zum Ziel gesetzt hat – „Loaded with hits“ sozusagen.
Ähnlich wie letztjährig „Merriweather Post Pavilion“ dürfte auch das verblüffend Beatles-eske „Halcyon Digest“ der Schlüssel für diejenigen sein, die sich an den stellenweise arg kantigen, überbordenden Vorgängern verhakt haben: Warme Akustikgitarren ersetzen Drone- und Noise-Eskapaden, ungewöhnlich griffige Zweiminüter wie „Memory Boy“ oder „Revival“ wirken erstaunlicherweise trotz beinahe nicht nachzuvollziehender Detailfülle auf den Punkt gespielt und so unverschleiert wie im herausragenden „Helicopter“ war Coxs Stimme bisher noch nicht zu vernehmen. Zu Zeiten des abstrakten „Cryptograms“ wäre all dies schlicht nicht denkbar gewesen.
Deerhunter beweisen eindrucksvoll, dass sie längst keine Scheu mehr haben, sich ihres Schutzmantels zu entledigen. Vielmehr verzichten sie bewusst darauf – da sind sie den eine ähnliche Entwicklung durchlaufenden No Age nun leicht voraus – sich zwischenzeitlich hinter undurchsichtigen Ambienttürmen zu verstecken. Dabei beherrschen die endgültig zu markanten Songwritern herangereiften Herren sowohl die kleinen als auch die großen Gesten. Das beweist neben Cox, der in „Basement Scene“ augenzwinkernd die Everly Brothers zitiert, zusehends auch Lockett Pundt, dessen großartiges „Desire Lines“ nicht nur kurz Arcade Fire anspielt, sondern zudem – wer hätte das je für möglich gehalten? – zum „Ohoho“ einlädt. Das dann jedoch verstummt, als die Gitarre das Spiel für mehr als zwei Minuten fast im Alleingang nach Hause fährt.
Eine Szene mit Symbolcharakter, denn trotz der ungewohnten Zugänglichkeit ist „Halcyon Digest“ viel zu intim, als dass es sich zum Mitträllern in großen Arenen eignen würde. Thematisch auffällig sind einmal mehr Coxs persönliche Auseinandersetzung mit der Zukunft („Only bored as I get older“), der er etwas unentschlossen entgegenblickt („I don’t wanna get old/ I wanna get old“) und das häufige Zurückziehen in Parallelwelten („Do you recall waking up on a dirty couch“; „I lived on a farm, yeah! I never lived on a farm“), das wieder wie ein einziger, unberechenbarer Drogenrausch gesehen werden kann: Mal wie im desillusioniert durch einen hartnäckigen Fiebertraum stolpernden Anfangsstück „Earthquake“ oder dem zweifelnden „Sailing“ ein diesig gräulicher, nicht selten wie im umwerfend spielfreudigen „Coronado“ (allein dieses ausgelassene Saxophon-Solo) oder „Memory Boy“ aber eben auch ein knallbunter.
Dann das Lebewohl: Schlagartig ist Schluss. Abrupt und ebenso plötzlich wie sich das Leben des im Januar im Alter von 29 Jahren im Schlaf verstorbenen Jay Reatard dem Ende zuneigte, bricht auch das ihm gewidmete „He Would Have Laughed“ ab und gibt der Last nach. Das von Cox eingespielte, endgültig überwältigt zurücklassende Schlussstück ist ein tränenreicher, verzweifelter Abschied: „What do you do when you’re sleeping? Where did you go when you said: ‘I don’t need nobody on my bond.’ Where do your friends go? Where do they see you? What did you want to be? Ahh shut the hell (Shut your mouth).”
Label: 4ad/Beggars Group
Referenzen: Atlas Sound, The Beatles, The Velvet Underground, Animal Collective, No Age, The Flaming Lips
VÖ: 24.09.2010