
Die Welt rennt weg. Nicht alleine, Josh Ritter nimmt sie huckepack auf eine Reise und besucht exotische Inseln, idyllische Südstaaten-Dörfer und vielleicht sogar den Weltraum. Wie durch ein Kaleidoskop betrachtet er dabei die vielen Facetten seines Amerikas, in dem er seine farbenprächtigen Songs in einem bunten Bilderbogen voller Geschichten und Erinnerungen präsentiert.
Die Vorhänge werden, hier auch musikalisch, hochgezogen. Die Musik beginnt. „Change Of Time“ setzt als elegische Standortbestimmung einen ersten Glanzpunkt. Der Künstler will der Welt etwas erzählen. Er operiert von der Bühne aus, um seine Geschichten für das Publikum fantasievoll in luftige und abwechslungsreiche Songs zu verpacken. Mit sensibler Stimme zu leichtem Gitarrenpicking wird begonnen, spätestens zur Bridge kommt dann das Orchester hinzu und selbst vor Chören wird nicht Halt gemacht. Eine erste große Geste. „The Curse“ erzählt die Geschichte über eine unglückliche, weil unmögliche Liebe in einem leichten Walzertakt, der zum Tanzen einlädt. Fast schon absurd, dennoch unglaublich warmherzig, schmiegt sich die Stimme des Sängers an die sanften Töne der Begleitung, selbst die gedämpfte Trompete scheint sich im Takt zu wiegen.
Über den Südpazifik hinaus wird der Bogen weitergesponnen. „Rattle Locks“ ist roh und rezitativ, lockt die wunderbare Dawn Landes aus dem Off der Bühne und gibt ihr soviel Raum, dass der wogende Song die bisherige Bilderflut um eine neue offenere Richtung bereichert. Doch Josh Ritter schlägt weiter seine Haken und kreuzt wieder vor dem Wind. „Folk Bloodbath“ besitzt die atmosphärische Dichte amerikanischer Mythen und kommt wie ein Bänkelsängerlied daher, eine schaurige klassische Moritat über Delia, Louis und Stackalee, erstere hatte ja auch schon bei Johnny Cash den tragischen Tod erlitten.
Genau diese Stimmungswechsel sind ein weiteres Markenzeichen dieses wahnsinnigen und dennoch so herzerwärmenden Albums. „Lark“ steht in bester Tradition leichter und sonniger Paul-Simon-Songs, „Lantern“ hätte wiederum auch aus Tom McRaes Feder fließen können und beim ätherisch-verstiegenen „See How Man Was Made“ könnte man meinen, ein waidwunder Engel hätte Ritter diese rührende Melodie in die Adern gepumpt. Kurz bevor sich der Musiker allerdings mit den im Nachhinein fast schon klassich-countryesken „Orbital“ und „Long Shadows“ wieder von der Bühne begibt, betritt er sie ein letztes Mal: die neue Welt. Ist sie allerdings wirklich „Another New World“? Einem Kolumbus gleich spannt er seine in herbstfarben getönte Entdeckungsreise wie ein Spinnennetz über die Welt, sieht sich als Kapitän auf einem schlingernden Schiff und lässt sich mit sinfonischer Andacht in dieser neuen Umgebung nieder.
Es ist ein Schauspiel, welches uns von Josh Ritter vorgehalten wird. Sicherlich keine Komödie, aber eine göttliche Erlebnisreise mit ihm als Kapitän. Nicht auf dem Wasser, aber auf einem kunstvoll gefertigten Album, das weltmännisch alle Klippen dieser Welt umschifft, neuartig aber dennoch so traditionell wie notwendig.
Label: Pytheas (Cargo)
Referenzen: Leonard Cohen, Tom McRae, Ryan Adams, Johnny Cash, Neil Young, Paul Simon, Townes Van Zandt
VÖ: 11.06.2010