
Wer hat sie nicht noch in Erinnerung, die fulminanten Sequenzen im Rahmen der Take Away Show im März 2008 bei der abgedrehten Aftershow-Party? Dieser überrumpelnde Moment in „2080“, als plötzlich die mitgereisten Konzertbesucher wie aus dem Nichts ins matte Licht rücken, lauthals gröhlend, bis es schließlich an der Tür klingelt – vermutlich die Nachbarn. Ein Abend, der verdeutlicht, wie viel Magie die Improvisation beinhalten und mit was für einer Macht diese ausgestattet sein kann. Spätestens seit jenem Abend genießt der Song Kultstatus. Ein halbes Jahr zuvor erschien mit „All Hour Cymbals“ das Debüt von Yeasayer, ein Werk, das sich sicherlich in der einen oder anderen Bestenliste des Jahrzehnts aufspüren lässt. Das macht die Sache für den Nachfolger natürlich nicht leicht.
Erfreulicherweise hat die Band aber darauf verzichtet das Zweitwerk in Schnellschuss-Manier auf den Markt zu hauen, sondern sich dazu entschieden, mit gezielten Appetithäppchen die Wartezeit zu verkürzen. Neben zahlreichen großen Festivalauftritten (Lollapalooza , Reading, Bonnaroo etc.) und Supporttouren für Künstler wie Beck, MGMT und Man Man haben sie die Messlatte für den kommenden Longplayer mit ihrem Beitrag auf der Anfang des Jahres erschienenen „Dark Was The Night“-Compilation sicherlich nicht niedriger angesetzt. Vor wenigen Tagen folgte die Ankündigung: Das neue Album hört auf den Namen „Odd Blood“ und erscheint hierzulande am 05. Februar 2010 via Mute. Und wie sich das für die Herren aus New York gehört, füttert man die Neugierigen direkt mit der ersten Single „Ambling Alp“ – und wirft ihnen genau den Knochen vor die Füße, den sich viele unter ihnen gewünscht haben aufzulesen. Tanzbarer, beatlastiger und griffiger geht es zu Werke, Pop ist ja eh längst kein Schimpfwort mehr. So dürfte jetzt schon feststehen, dass der Song nicht nur die Spitze der Campuscharts erklimmen dürfte. Die große Frage lautet: Stehen diese vier Minuten stellvertretend für das gesamte Werk oder eher nicht?
Schon beim ersten Durchgang fällt auf, dass „Odd Blood“ zugänglicher daherkommt als sein Vorgänger. Gospel, Psychedelic, tribalistische Rhythmen, klar, das lässt sich alles noch erkennen, aber stehen hier und heute insbesondere die 80er Pate: New Wave, Synthies und Pop – bei dem etwas zu sehr anschmiegenden „Madder Red“ kommen einem sogar a-ha in den Sinn – mit modernem Anstrich, meist zudem reichlich funky und hüftenkreisend, die Gitarre bleibt oftmals zu Hause. Um es kurz zu fassen, viel eher Phoenix als Dirty Projectors, Prince steht doch näher dran als Grizzly Bear, auch Timberlake hätte seine Finger bei „O.N.E.“ oder „Love Me Girl“ im Spiel haben können. Dazu gesellen sich die zügigen, prächtigen „Rome“ und „Mondegreen“, die sich auch auf „Dear Science“ gut geschlagen hätten, während „I Remember“ oder „Strange Reunions“ deutlich ruhigere Pfade begehen, dennoch zweifelsohne mit reichlich Detailreichtum versehen sind. Zusammengehalten werden die Stücke vom zurückhaltenden Closer „Grizelda“ und der größten Überraschung, dem Opener. Dieser gibt eine gänzlich falsche Richtung vor und führt den Hörer mit völlig verzerrten, dunklen Stimmen, schwer hakendem Rhythmus und kalter Grundstimmung in die Irre und gibt die wahre Fährte erst beim Übergang zu „Ambling Alp“ preis…
Die ausführliche Rezension zu „Odd Blood“ folgt Anfang Januar.