darkwasnightCharity-Sampler müffeln vor Gutmenschentum, vor Bono’scher Profilierungssucht und doppelbödigem Kalkül. Wenn Bands oder Prominente sich für ein Landminenverbot, bessere Gesundheits-Infrastrukturen in Namibia oder die Co²-Ausstoßregulierungen einsetzen, dann sind die gewonnenen medialen Stoßzeiten, die 15-Minuten-Ruhm der Katastrophe, ein wichtiger Beitrag zu Nachrichtenpolitik. Eine Angelina in Afrika macht nicht nur überhaupt auf Missstände aufmerksam, sondern lockert auch noch den ein oder anderen Taler in den Hosentaschen der Besserverdiener. Und Besserverdiener ist jeder, der das hier liest.

Das alteingesessene Label 4AD hat sich dem Kampf gegen AIDS und der Red Hot Organisation angeschlossen. Polemisch und überspitzt formuliert: Nicht gerade das drängendste Problem der westlichen Welt – aber ein wichtiger Faktor zur Sozial- und Wirtschaftsentwicklung in Südamerika, Afrika und Südostasien. Zahlen: Während in Deutschland im Jahr 2007 ungefähr 2700 Menschen als neuinfiziert galten (davon fast 72% homosexuelle Männer, 8% mit Injektionsdrogenerfahrung und von den restlichen 20% heterosexuellen Männern und Frauen nochmals geschätzte 16% Sextouristen) und die Infiziertenquote mit 0,078% aller Deutschen recht gering ausfällt, sind Namibia, Botswana oder Südafrika mit um oder sogar über 20% die betroffendsten Länder. Das Sozialgefüge wankt, das Leben mit HIV oder AIDS kostet Wirtschaftskraft und verhindert jeden noch so minimalen Aufschwung. Mangelnde Aufklärung (die in einigen Regionen mit rituellen polygamen Gemeinschaften oder streng religiöser Verwurzelung sicher noch Jahrzehnte bedarf), mangelnde Verhütungsutensilien und teure Medikamente können nicht alleine von millionenstarken UN-Paketen gestemmt werden.

Das Who’s’Who der amerikanischen Indie-Szene (Ausnahmen bestätigen die Regel) ist auf sagenhaften 31-Tracks eingetroffen und wartet mit unveröffentlichtem Material auf, was thematisch nicht immer unbedingt passt, aber dennoch gleich beim ersten Durchhören Kontinuität in der Qualität offenbart. Wie sollte das auch anders sein: Feist trifft Ben Gibbard, The Books José González, Blonde Redhead Devastations. Es ist das wohl spektakulärste Namengetümmel aller Indianerzeiten. Einer Compilation angemessen mangelt es jedoch auch nicht an B-Seiten. Arcade Fire defillibieren eine alte Nichtigkeit aus „Funeral“-Zeiten, Cat Power trägt statt Kajal Augenringe und Spoon hatten wohl nur genau zehn Minuten Zeit im Studio. Aber Grund zur Klage gibt es kaum. Die pure Nachdenklichkeit von Riceboy Sleeps „Happiness“ braucht nicht einmal Worte, um vollends zu fesseln, Sufjan Stevens überrascht mit einer bedrohlichen, gar verstörenden Vision, die so gar nichts von seinem Songwriter-Darlingsdasein wissen will. Über zehn Minuten geheimniskrämert er im Dunkel mit allem Getöse, bevor zum Schluss sich der Pianolauf noch einmal quer übers Klavier legen darf. Fulminant.

Es sind die kleinen Momente der Offenheit, die Augenblicke des Ringens zwischen Selbstzweifeln und erwachendem Selbstbewusstsein, die Feist mit Ben Gibbard entdeckt, bevor The National (mit Oboe!) einmal wieder die Last der Welt von ihren Schultern kratzen. In einem Song, der als Single auch gut genug fürs nächste Album gewesen wären. Apropos Single. Warum die Elektroweirdies Yeasayer ihr „Tightrope“ so mir-nichts-dir-nichts auf diese Zusammenstellung hieven, zeugt von kommendem Großen. Ein Song, gebrochen und doch so kraftvoll. Voll Melodie und Dringlichkeit – laut genossen fast markerschütternd. Und toll, natürlich. Für diesen Track hätten wohl selbst Wolf Parade sämtliche Nebenprojekte samt Ehefrauen verkauft.

Charityzeit ist auch immer Coverzeit. My Brightest Diamond implantieren Subversität in das abgelutschte „Feeling Good“ und David Sitek (TV On The Radio) knabbert an „With A Girl Like You“, was durchaus auch gewisse Spannungen erzeugt. Sonst gibt es genau das, was auch drauf steht: Happy-Go-Lucky mit den New Pornographers, die mit gewohntem Zwiegesang Lollies lutschen und Belle & Sebastians Stuart Murdoch, der sich an einem kanonisch gebrochenen Popgospel probiert. Auch wie gehabt: Conor Oberst hat immer noch kein Ticket fürs Sonnenstudio gelöst und Zach Condon umklammert kauernd erst seine Quetschkommode, bevor dann irgendwann später die Welt dran ist.

Wäre „Dark Was The Night“ ein Agrarprodukt, dann könnte man von erdigen Genüssen, Ähren voller Korn und durchaus guten Jahreserträgen sprechen. Kürzt man all die geschwungenen Metaphern raus, steht unter dem Strich: Liebevolle Zusammenstellung. Stimmiges Preis/Leistungsverhältnis. Auch ganz ohne AIDS-Schleifchen…

PS: Natürlich ist es auch immer eine große Vertrauensfrage, ob und wie die Verteilung von Geldern überhaupt und effizient geschieht, aber wir unterstellen 4AD nur gute Absichten. Das Label und die Künstler sind so mit Glaubwürdigkeit vollgesogen, dass es hier ein gutes Gefühl ist, Gutes zu tun und gute Musik zu hören.

7.3 / 10

Label: 4AD

Spieldauer: 128:34 Min

Links: „Dark Was The Night“, 4AD

VÖ: 13.02.2009

Disc One:
1. “Knotty Pine” by Dirty Projectors & David Byrne
2. “Cello Song” by The Books feat. Jose Gonzales
3. “Train Song” by Feist & Ben Gibbard
4. “Brackett, WI” by Bon Iver
5. “Deep Blue Sea” by Grizzly Bear
6. “So Far Around the Bend” by The National
7. “Tightrope” by Yeasayer
8. “Feeling Good” by My Brightest Diamond
9. “Dark Was the Night” by Kronos Quartet
10. “I Was Young When I Left Home” by Antony & Bryce Dessner
11. “Big Red Machine” by Bon Iver & Aaron Dessner
12. “Sleepless” by The Decemberists
13. “Die” by Iron and Wine
14. “Service Bell” by Grizzly Bear & Feist
15. “Blood” by Sufjan Stevens

Disc Two:
16. “Well-Alright” by Spoon
17. “Lenin” by Arcade Fire
18. “Mimizan” by Beirut
19. “El Caporal” by My Morning Jacket
20. “Inspiration Information” by Sharon Jones & the Dap-Kings
21. “With A Girl Like You” by Dave Sitek
22. “Blood Pt. 2 by Buck 65 Remix (feat. Sufjan Stevens and Serengeti)
23. “Hey, Snow White” by The New Pornographers
24. “Gentle Hour” by Yo La Tengo
25. “Another Saturday Night” by Stuart Murdoch
26. “Happiness” by Riceboy Sleeps
27. “Amazing Grace” by Cat Power & Dirty Delta Blues
28. “The Giant of Illinois” by Andrew Bird
29. “Lua” by Conor Oberst & Gillian Welch
30. “When The Road Runs Out” by Blonde Redhead & Devastations
31.
“Love vs. Porn” by Kevin Drew

4 Kommentare zu “Review: Diverse – Dark Was The Night (2009)”

  1. Philip sagt:

    dirty projectors und david byrne, das klingt doch mal interessant!

  2. Bastian sagt:

    Hm, da wären meiner Meinung nach aber durchaus ein paar Pünktchen mehr drin gewesen, eine bessere Zusammenfassung des Indie-Status Quo hätte ich mir zur Zeit nicht vorstellen können.

  3. […] Messlatte für den kommenden Longplayer mit ihrem Beitrag auf der Anfang des Jahres erschienenen „Dark Was The Night“-Compilation sicherlich nicht niedriger angesetzt. Vor wenigen Tagen folgte die Ankündigung: Das […]

  4. […] Legende will, entdeckten die beiden ihre gemeinsamen Interessen bei einem Konzert im Zuge der „Dark Was The Night“-Veröffentlichung und beschlossen, zusammen zu arbeiten. Die Kollaboration erstreckte sich über […]

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