AUFTOUREN 2019 - Das Jahr in Tönen

Es gibt sie noch, die großen Überraschungen. Dass gleich zwei Bands auf dieser Liste mit zwei Alben auf einmal vertreten sein würden und keine davon King Gizzard And The Lizard Wizard heißt, das hätte Anfang 2019 sicher niemand erwartet.

Beeindruckende Debütwerke, erfreuliche Rückkehr zur Hochform alter Favoriten oder neue Facetten vermeintlich bekannter Größen und vor allem kein Überraschungsalbum, das zu Jahresende die ganze Liste überholt machen (*nervöser Blick auf Beyoncés Webpräsenz*) – was will man mehr? Über unsere Top 25 (OK, 27) davon schreiben natürlich, was wir denn auch gemacht haben. Auf geht’s.


25

Sharon Van Etten

Remind Me Tomorrow

[Jagjaguwar]

Fünf Jahre nach dem letzten Album scheint sich bei Sharon Van Etten einiges getan zu haben. Die erst einmal ungewohnt warmen, synthetischen Strukturen schieben sich verstärkt in den Vordergrund ohne „Remind Me Tomorrow“ poliert oder gar glatt klingen zu lassen. Dafür sorgen allein schon die Momente, in denen sie sich in dunklere Gefilde begibt. Hier wird eine Entwicklung deutlich, die in der Vergangenheit oftmals auch bei anderen zu beobachten gewesen ist: Weg von der einsamen (Akustik-)Gitarre hin zu einem abgründigeren, tieferen Klang. „Remind Me Tomorrow“ könnte sich rückblickend als ein perfekter Zwischenschritt mit dem Besten aus vielen Welten erweisen. (Felix Lammert-Siepmann)


24

Better Oblivion Community Center

Better Oblivion Community Center

[Dead Oceans]

Ohne Ankündigung veröffentlichten Conor Oberst und Phoebe Bridgers zu Jahresbeginn ein gleichnamiges Album als Better Oblivion Community Center – doch nicht völlig unerwartet. Schließlich hatte Oberst bereits auf Bridgers’ herausragendem Debüt “Strangers In The Alps” gastiert und die beiden so bereits ihre gemeinsame Folk-Gefühlsmitte gefunden. Statt dem Wechselgesang von “Would You Rather” intonieren hier aber beide fast jede Silbe gleichzeitig – nicht im harmonischen Songwriting entsteht hier der Konstrast, sondern im Notengang der Stimmen, wo Bridgers ihre Schwermut mit melismatischem Schwung neben der stetigen Intonation des ein Jahrzent älteren Obersts ausdrückt. Durch harte Zeiten geht es besser gemeinsam. (Uli Eulenbruch)


23

Marika Hackman

Any Human Friend

[AMF]

Nachdem das zweite Album der Engländerin den etwas langatmigen Schritt von Folk zu Rock markierte, glänzt “Any Human Friend” mit neuem Ökonomiebewusstsein. Auf zehn Songs, im Schnitt etwas über dreieinhalb Minuten lang, setzt Hackman lebenslustige Gitarrenmelodien zu trockenen Beobachtungen, die auch in ihrer Wortwahl direkt sind: “All Night” dreht sich um “Kissing and fucking”, während “Hand Solo” eine unverhohlene Masturbations-Hymne ist. Aber Sex und Verlangen sind nur die eine thematische Hälfte, die andere die schmerzvoll einsamen Nächte dazwischen. Davon künden in der Albummitte “I’m Not Where You Are” (das resignativ eröffnet mit “I’d rather be asleep/ Than interact with me/ I don’t get what you see”) und “Send My Love”, in dem sich Hackman vorstellt, was ihre Ex nach der Trennung über sie denkt. Keine reine Egoausbreitung also, sondern reichlich (queere) Projektionsfläche. (Uli Eulenbruch)


22

La Dispute

Panorama

[Epitaph]

„Panorama“ könnte das Album der Band sein, das beim Hörer die bisher längste Anlaufzeit benötigt hat. Zaudernd und schüchtern kommt es daher und Jordan Dreyers Gesang wirkt noch schwermütiger als sonst schon. Unschlüssig schleppen sich La Dispute durch die Landschaft, selbst die wohldosierten Ausbrüche ändern an der Grundstimmung nichts. Es ist faszinierend, wie sehr „Panorama“ in sich selbst ruht, welch große Erschütterung und Unwohlsein es mit geringen Mitteln freizusetzen im Stande ist. Überhaupt steht das Storytelling mehr denn je im Mittelpunkt. Dreyers stoisch und dennoch aufrüttelnd vorgetragene Berichte haben beinahe den Charakter einer Predigt, in deren Mittelpunkt die Hoffnungslosigkeit der amerikanischen Vorstadt steht. (Felix Lammert-Siepmann)


21

Félicia Atkinson

The Flower And The Vessel

[Shelter Press]

2019 war das Jahr, in dem sich ASMR musikalisch breitmachte. Von Pop, Rap und R&B über Ambient-Folk bis zu Garage-Rock knisterte, flüsterte und blubberte es allerorten – vor allem freilich bei Klangkunst-Affinen wie Holly Herndon, Jenny Hval und der Französin Félicia Atkinson, die in ihren Werken schon länger die Detailwirkungen von Geräuschen erforscht. Bis zum ausladenden Finale mit Sunn O)))s Stephen O’Malley sind Ambient- und Drone-Oszillationen auf “The Flower And The Vessel” eher hintergründig, in den Fokus tritt vor allem Atkinson Stimme. Ganz nah ans Ohr rückt sie in “Shirley To Shirley”, ein Makrokosmos des Flüsterns tut sich auf in “You Have To Have Eyes”, wenn einzelne Zungenbewegungen und das Einatmen dazwischen ausmachbar werden. Irgendeine Veranlagung, um darauf physisch zu reagieren, benötigt man nicht, denn wie “Moderato Cantabile” zeigt, ziehen diese Kompositionen auch ganz wortlos in ihren Bann. (Uli Eulenbruch)


20

JPEGMAFIA

All My Heroes Are Cornballs

[EQT]

Die Musik von Barrington DeVaughn Hendricks bleibt Stückwerk. Nach wie vor ist nicht klar, ob die einzelnen Puzzleteile, die uns der Produzent und Rapper aus Baltimore, Maryland vor die Füße wirft, überhaupt zusammenpassen und sich zu einem schlüssigen Bild zusammensetzen lassen. Die im Vergleich zum Vorgänger „Veteran“ seltener gewordenen Noise- und Schreigewitter, dazwischen wattige Synthie-Wölkchen und zartes Falsett, bitterböse Abrechnungen mit Polizei und Alt-Right zwischen Anspielungen auf krude Internet-Memes, aber auch Cover-Versionen von TLCs „No Scrubs“ und Wayne Wonders „No Letting Go“ – und das alles in 45 Minuten. Der gemeinsame Nenner, der dieses scheinbar willkürliche Sammelsurium auf „All My Heroes Are Cornballs“ zusammenhält, heißt JPEGMAFIA: „This is me, all me, in full form.“ (Daniel Welsch)


19

Sunn O)))

Life Metal / Pyroclasts

[Southern Lord]

Sunn O))) waren ja nie untätig. Die Band um Stephan O`Malley und Greg Anderson tourt fleißig abwechselnd durch Kulturtempel des Feuilletons und Metalhallen, widmet sich nebenbei vielen Seitenprojekten und einer ausgeprägten Backkatalogpflege. 2019 war ein denkwürdiges Jahr, in dem es gleich auf zwei Alben zu einer Zusammenarbeit mit Steve Albini kam, die eigentlich schon längst überfällig war. So sind „Life Metal“ und „Pyroclasts“ mit Albini an den Reglern die besten ihrer Alben seit „Monoliths & Dimensions“ geworden und das, obwohl – oder gerade weil – sie eigentlich nichts anderes machen als das, was sie am besten können: Drone. (Mark-Oliver Schröder)




18

Floating Points

Crush

[Ninja Tune]

Für sein Debütalbum „Elaenia“ ließ der DJ und Produzent Sam Shepherd aus Manchester 2015 die Tanzfläche links liegen, Tracks wie die dreiteilige Suite „Silhouettes (I, II & III)“ waren mehr Jazz und zeitgenössische Klassik als elektronische Tanzmusik. Der Nachfolger „Crush“ ist nun beides – die logische Fortsetzung dieser Ausflüge in orchestrale und akustische Sphären, aber gewissermaßen auch die Rückkehr zum Four-To-The-Floor. Allerdings ist das Album nicht so geradlinig und tanzbar, wie die großartige Vorab-Single „LesAlpx“ vermuten ließ, sondern zieht seinen Reiz daraus, Gegensätze aufeinander prallen zu lassen: Strenge Komposition trifft Chaos, Neoklassik im Stile von Max Richter oder Jóhann Jóhannsson trifft auf 2-Step und UK-Garage, hektische Aggression trifft auf sanfte Schönheit. (Daniel Welsch)


17

Cate Le Bon

Reward

[Mexican Summer]

Nachdem sie bereits als Produzentin für Deerhunter oder ihren DRINKS-Kollaborateur Tim Presley wirkte, nahm die Waliserin für ihr fünftes Soloalbum erstmals die Doppelrolle vor und hinterm Mischpult ein. Zuvor musste sie allerdings eine kreative Pause ein- und ihren Wohnsitz zeitweise von L.A. in den Lake District Nationalpark verlegen, doch von naturromantischer Folksäuselei ist auf “Reward” kaum eine Spur; vielmehr skurriler Softrock mit Saxophon, das röhrt anstatt säuselt und psychedelisches Post-Punk-Kraut, gerne mal misstönig herumstaksend, bevor der Refrain die Harmonie wiederfindet. So schrullig gewoben wie sonnig, zeigen diese Songs Le Bon in Höchstform – nicht nur als Songwriterin und Interpretin. (Uli Eulenbruch)


16

The National

I Am Easy To Find

[4ad / Beggars Group]

Es war nicht unbedingt damit zu rechnen, dass The National einmal ein Album veröffentlichen würden, das derart kontrovers diskutiert werden würde wie „I Am Easy To Find“. Schließlich hatten sie sich sehr behaglich und erfolgreich in ihrer Nische niedergelassen, prägten 15 Jahre den Indie-Konsens mit. Hier machen sie nun plötzlich vieles anders, die Gastsängerinnen, die Matt Berninger unterstützen, sind da nur die augenscheinlichste Änderung. Das Songwriting hat an Subtilität gewonnen, was zu einer deutlich gewachsenen Klangästhetik geführt hat. „I Am Easy To Find“ ist ein Album mit wenigen Ecken und Kanten, dafür aber eines, das auf sympathische Art und Weise um Virtuosität bemüht ist und das Streben danach großartig als seinen Kern sichtbar macht. (Felix Lammert-Siepmann)


15

Girl Ray

Girl

[Moshi Moshi]

Mitten in den kalten Herbst brachten Girl Ray die kalifornische Sonne. Mit der Abkehr vom Lo-fi-Sound ihres Debüts hin zu groovenden R’n’B- und Popeinflüssen reaktiviert das Londoner Trio den Girl-Power-Geist der frühen 00er-Jahre und winkt lässig mit dem Mittelfinger in Richtung all derer, die den Vibe stören. In Zusammenarbeit mit Christine And The Queens’ Produzent Ash Workman schaffen Girl Ray so eine gut gelaunte Mischung aus Lust, Liebe und freundschaftlichem Zusammenhalt. In jeder Hinsicht die perfekte Auszeit. (Benedict Weskott)


14

Mannequin Pussy

Patience

[Epitaph]

Zwei Alben lang war Marisa Dabice die „badass“ Frontfrau von Mannequin Pussy, auf „Patience“ hat sie keine Lust mehr darauf, stark zu sein – oder besser: stark sein zu müssen. „Everyone says to me/ ‚Missy, you’re so strong!‘/ But what if I don’t want to be?”, fragt sie in der hymnischen Single „Drunk II“, dem bisher eingängigsten und besten Song des Punk-Quartetts aus Philadelphia. Die Message von „Patience“ lautet: Nicht alles, was dich nicht tötet, härtet dich ab – manches tut einfach nur verdammt weh! Schonungslos offen singt Dabice von den Schmerzen während und nach einer toxischen Beziehung, der Soundtrack schwankt zwischen wütenden Hardcore-Attacken und trotzigen Ich-komme-schon-klar-Hymnen. Obwohl mit „In Love Again“ am Ende des Albums ein fast schon klassisches Happy End steht, ist „Patience“ ein Album, das nicht nur Marisa Dabices Mutter zum Weinen bringt. (Daniel Welsch)


13

CHAI

PUNK

[Pias / Heavenly]

Wo “PUNK” drauf steht, ist nicht unbedingt Punk drin. Mag das eröffnende “CHOOSE GO!” mit völlig kaputter Verzerrung noch in diese Richtung ködern, ist der Albumtitel für das Quartett aus Nagoya mehr Atittüde als Genreschablone. Nachdem ihr Debüt “PINK” schon klarstellte, dass sie sich für ihre Farbvorlieben und Stimmlagen nicht verniedlichen lassen, schmeißen CHAI jeden Respekt vor Stilkohärenz über Bord und docken mal bei geschmeidigem Synth-Pop an, mal bei krudem Anarcho-Dance oder völlig überladenem, shoutigem Post-Punk. Innerhalb der Songs selbst gibt es selten eine idiosynkratische Wendung, schließlich ist die Trumpfkarte der Band ihre Rhythmussektion, die den Funk von “Fashionista” mit unwiderstehlichem Groove auf Kurs hält. (Uli Eulenbruch)


12

Swans

leaving meaning.

[Mute]

Totgesagte leben bekanntlich länger und auf Swans traf diese Aussage schon mehr als einmal zu. Michael Gira hat seine Band schon öfter für beendet erklärt – zuletzt 2017 – um sie dann, wie Phönix aus der Asche, zu einer neuen Inkarnation zu führen. Die letzte hielt länger als alle Formationen zuvor und wurde auch zu Recht von der Kritik gefeiert, aber das letzte Album datiert auch schon von 2016. Für „leaving meaning.“ hat Gira viele alte Weggefährt*innen versammelt und illustre Gäste, zum Beispiel Anna von Hausswolf und Ben Frost, versammelt und die Karten noch einmal neu gemischt. Die fast zum Markenzeichen gewordenen kathartischen Mantras von epischer Länge und stoischer Repetition verschwinden nicht in Gänze, machen aber kürzeren und auch zunehmend leiseren Tönen Platz – dem Album kommt es nur zugute. (Mark-Oliver Schröder)


11

black midi

Schlagenheim

[Rough Trade/Beggars]

black midis Debüt dürfte in diesem Jahr sehr vielen Menschen sehr viel Freude bereitet haben, denn „Schlagenheim“ gibt sich im Ansatz sowohl eingängig und nostalgisch als auch fordernd und progressiv. Verschiedenste Versatzstücke und Genres werden pausenlos aufs Neue kombiniert, die Grenzen sind fließend und werden mit fortschreitender Dauer redundant. Selbst auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner will sich das Album nicht einlassen, was aber nicht zu einem disharmonischen Chaos führt. Im Gegenteil wirkt das Album in seiner zerzausten Mixtur aus No Wave, Post-Punk und Noise Rock nach außen wie aus einem Guss. (Felix Lammert-Siepmann)

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Ein Kommentar zu “AUFTOUREN 2019 – Das Jahr in Tönen”

  1. saihttam sagt:

    Schön, dass ihr euch immer noch die Mühe mit den Jahrescharts macht. Dazu habt ihr auch das gleiche Albumdoppel auf der Nummer 1 wie ich. Passt! :)

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