AUFTOUREN 2019 - Das Jahr in Tönen

Es gibt sie noch, die großen Überraschungen. Dass gleich zwei Bands auf dieser Liste mit zwei Alben auf einmal vertreten sein würden und keine davon King Gizzard And The Lizard Wizard heißt, das hätte Anfang 2019 sicher niemand erwartet.

Beeindruckende Debütwerke, erfreuliche Rückkehr zur Hochform alter Favoriten oder neue Facetten vermeintlich bekannter Größen und vor allem kein Überraschungsalbum, das zu Jahresende die ganze Liste überholt machen (*nervöser Blick auf Beyoncés Webpräsenz*) – was will man mehr? Über unsere Top 25 (OK, 27) davon schreiben natürlich, was wir denn auch gemacht haben. Auf geht’s.


10

Sudan Archives

Athena

[Pias / Stones Throw]

Es ist, als hätte es noch nie eine Violine im R&B gegeben. So frisch und eigen wirkt der Entwurf von Brittney Denise Parks, die jeden dick aufgetragenen Geigenzucker vergessen macht und mit ihrem Debütalbum das Versprechen ihrer exzellenten EP aus 2017 vollauf einlöst. Von sudanesischen Traditionen beeinflusst, aber auch nicht vor der Verwendung von Samples zurückschreckend, bilden gezupfte und gestrichene Saiten Skelett oder Haut für Songs, die in einen hypnotischen Bann ziehen. Von traumhafter Psychedelik (“Iceland Moss”) über gewichtige Dramatik (“Coming Up”) und synkopische Dynamik (“Glorious”) bildet “Athena” ein Gesamtwerk, in dem die Songs mitunter unbemerkt ineinander fließen. Unüberhörbar ist Parks’ Gespür für elegante, denkwürdige Melodien. (Uli Eulenbruch)


9

Charli XCX

Charli

[Warner]

Mit Ko-Produzent A.G. Cook katapultiert Charli XCX auf ihrem dritten Album wieder einmal aktuelle Popmusik in neue Sphären. Futurepop-Party vom Feinsten – und alle kommen. Wenn aktuelle Pop-Darlings wie Kim Petras, Christine And The Queens, Lizzo, Troye Sivan und Pabllo Vittar sich die Klinke in die Hand geben, dient das aber in keinster Weise irgendeinem Queerwashing. Vielmehr feiert die Platte mit Soundungetümen und Pop-Bangern die Fluidität und die Gewissheit, dass alles möglich ist. Nicht umsonst heißt der erste Song „Next Level Charli“. (Benedict Weskott)


8

Have A Nice Life

Sea Of Worry

[Flenser]

Auch Post-Punk/Goth-Rock wurde 2019 auf sehr hohem Niveau gespielt und wusste gar zu überraschen. Dan Barrett und Tim Macuga alias Have A Nice Life aus Connecticut haben mit „Sea Of Worry“ genau das getan. War „Deathconsciousness“, das Debüt des Duos, noch von einem 70-seitigen Manifest flankiert, welches zusätzlich zur Musik für Furore sorgte, kommt „Sea Of Worry“ inzwischen ohne viel schriftlichen Theorieüberbau aus. Vielmehr schreitet die Band weiter voran auf ihrem mit „The Unnatural World“ eingeschlagenen Weg, sich vermehrt mit den Problemen und Abgründen des Erwachsenwerdens und -seins zu beschäftigen, mit einer Grandezza, die auch das Wörtchen “POP” großzuschreiben weiß. (Mark-Oliver Schröder)


7

Blanck Mass

Animated Violence

[Sacred Bones]

Den Presslufthammer hat Benjamin John Power mit seinem Projekt Blanck Mass sicherlich nicht neu im Reportoire. Nach den ersten Minuten auf „Animated Violence Mild“ könnte man tatsächlich auf den Gedanken kommen, dass sich auch in dieser Hinsicht gar nicht so viel geändert hat: Zuckend grelle Beats geben den Weg vor und schaffen eine beklemmende Atmosphäre. Andererseits ist das Album über weite Strecken erstaunlich aufgeladen und tanzbar. Die feinen Synthies in „House vs House“ deuten an, wie weit Power theoretisch gehen könnte, bevor er sich jedenfalls für dieses Mal dann lieber doch zurückhält. Ein immer wieder genussvoll zelebrierter Gegensatz, der „Animated Violence Mild“ mindestens zum dynamischsten Blanck-Mass-Album macht. (Felix Lammert-Siepmann)


6

Billie Eilish

WHEN WE ALL FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO?

[Interscope]

An Billie Eilish kam in diesem Jahr niemand vorbei. Nummer 1 in über 20 Ländern, an der Spitze der Billboard-Jahrescharts, auf den Covern von Musik- und Modemagazinen, auf Instagram, bei Ellen DeGeneres. In zwei Jahren schuf die neuerdings 18-Jährige mit ihrem Bruder Finneas aus ihren luziden (Alb-)Träumen und mit exaltierter, detailversessener Produktion ein wirklich außergewöhnliches Avantpop-Juwel mit Überhits wie „bad guy“ und „bury a friend“. Seit Lorde landete ein derart unkonventionelles Album nicht mehr so unmissverständlich im Mainstream. In ihrer Bedeutung ist Eilish insofern kaum zu überschätzen. (Benedict Weskott)


5

Lana Del Rey

Norman Fucking Rockwell!

[Polydor]

Wenige gibt es, die in diesen schnelllebigen Zeiten so konsequent ein Image aufgebaut haben und auch mit Album Nummer 5 etabliert sich Lana Del Rey weiter als eine der größten Songwriter*innen der USA. Im Hinblick auf die (sozio-)politischen Verwerfungen in ihrem Heimatland dekonstruiert sie Norman Rockwells romantisierende Darstellungen des US-Alltags zu einer weiteren, bittersüßen Parabel auf den amerikanischen Traum – und lässt am Ende mit der Sylvia-Plath-Hommage „Hope Is A Dangerous Thing For A Woman Like Me To Have – But I Have It“ trotz allem auch Platz für Zuversicht. (Benedict Weskott)


4

slowthai

Nothing Great About Britain

[Universal]

Hin und her ging es in diesem Jahr beim Brexit und Tyron Kaymone Frampton hat seine Meinung dazu mehr als nur ein Mal überdeutlich zum Ausdruck gebracht. Letztlich konnte auch er das unwürdige Spektakel nicht aufhalten, doch mit „Nothing Great About Britain“ hat er immerhin eine beeindruckende Momentaufnahme geschaffen. Bei allem Zorn, der sich hier auf Politik und Gesellschaft entlädt, zeigt der wilde Ritt durch die britische Musikgeschichte mögliche Auswege auf. In atemberaubender Intensität feuer Frampton seine Salven ab. Grime und Hip-Hop verstehen sich von selbst, doch sein Ansatz geht zwischen den Zeilen viel weiter zurück bis zum punkigen Rhythmus von The Fall. So kann man auch versöhnen. (Felix Lammert-Siepmann)


3

FKA twigs

MAGDALENE

[Young Turks / XL / Beggars]

Fünf Jahre nach „LP1“ gelingt FKA twigs mit „MAGDALENE“ das Kunststück, zugleich archaisch und futuristisch zu klingen. Dass man sich nach wenigen Sekunden des eröffnenden „thousand eyes“ in einer mittelalterlichen Kathedrale wähnt, liegt nicht etwa am biblischen Überbau des Albums (der Titel bezieht sich auf Maria Magdalena), sondern am fast gregorianischen Chorgesang. Die Zukunft hört man auch auf dem zweiten Album der 31-jährigen Britin, aber keinen Future-R&B – „MAGDALENE“ ist mehr Kate Bush als Kelela. Wie es sich für ein großes Pop-Album gehört, hat „MAGDALENE“ mehr Produzenten als Songs. Doch weder Nicolas Jaar, Kenny Beats, Daniel Lopatin, Skrillex oder Sounwave drücken dem Album ihren Stempel auf, sie spielen nur kleine Nebenrollen. Das Scheinwerferlicht strahlt immer auf Tahliah Debrett Barnett, auf ihre Stimme(n), ihren Schmerz. (Daniel Welsch)


2

Nilüfer Yanya

Miss Universe

[Pias / ATO]

Nur selten trägt ein Debütalbum so viel (Klang-)Konzept in sich – und setzt dann alles so scheinbar mühelos lässig um. Wie die gesprochenen Zwischenspiele der fiktiven “WWAY Health”-Firma über den Verlauf von “Miss Universe” eine Selbstoptimierungs-Satire aufspannen, verbirgt die Londonerin gerne Abgründe unter glänzenden Oberflächen: “I’ll be lyin‘ in a pool of someone else’s blood/ Sayin‘ it’s not my fault if somebody gets hurt,” droht sie unter dem aalglatten Pool-Pop von “Tears”, während “Monsters Under The Bed” schallende 80er-Drumsounds auffährt. Öfter aber lässt Yanya die Gitarre knarzen, dabei einen Wurm nach dem anderen ins Ohr kriechen und jahrzehnteübergreifend auch mal King Krule, The Strokes, Modest Mouse und Weezer anklingen. Ein gut geöltes Saxophon zum Schluckauf-Fingerschnipps-Groove von “Paradise” wäre denen aber sicher nicht in den Sinn gekommen. (Uli Eulenbruch)


1

Big Thief

U.F.O.F. / Two Hands

[4ad / Beggars]

2019 war in vielerlei Hinsicht ein musikalisch interessantes Jahr: Alte Bekannte veröffentlichten teilweise ungewöhnliche Alben und auch innerhalb der Auftouren-Gemeinde spiegelte sich in den persönlichen Bestenlisten eine musikalische Diversität wieder, die eine gemeinsame Topliste beinahe unmöglich erscheinen ließ. Allerdings ist es einer Band aus Brooklyn gelungen, sich mit ihrem diesjährigen Doppelschlag endgültig in die Herzen vieler Menschen und auch uns zu spielen und ihren Status als Geheimtipp endgültig zu verlieren. Das Quartett Big Thief aus Sängerin und Texterin Adrianne Lenker, Gitarrist Buck Meek, Bassist Max Oleartchik und Drummer James Krivchenia intoniert einen Folk, der streckenweise so intim und unmittelbar, in seinen Bildern aber auch so surreal daherkommt, dass einem der Atem stockt. Dabei erreicht das Zusammenspiel der Band eine schlafwandlerische Perfektion aus Melodieseligkeit und Kontrapunkten, die so federleicht schwingt, dass „akustisches“ Spiel und beinahe geflüsterter Gesang wieder unerhörte Resonanz finden. (Mark-Oliver Schröder)


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Ein Kommentar zu “AUFTOUREN 2019 – Das Jahr in Tönen”

  1. saihttam sagt:

    Schön, dass ihr euch immer noch die Mühe mit den Jahrescharts macht. Dazu habt ihr auch das gleiche Albumdoppel auf der Nummer 1 wie ich. Passt! :)

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