ANOHNIHOPELESSNESS

Die kreative Macht brisanter, tagesaktueller Thematiken klettert auf ein neues Plateau. Mit „HOPELESSNESS“ erscheint das kritische Album einer Künstlerin, die auf ihre eigene Weise die politische, soziale und ökologische Situation der Welt in den Brennpunkt rückt – so offensiv und plakativ wie schon lange mehr niemand.

Bei ihrer Kollaboration mit Oneohtrix Point Never und Hudson Mohawke bewegt sich die früher als Antony Hegarty bekannte Amerikanerin ANOHNI auf einer düsteren Welle, jedoch ohne ihre spezielle feinfühlige Stimme zu verlieren – vielmehr dringt diese getragen von brutal realen Texten noch tiefer hervor. Dieser dunkle Unterton mit Themen über staatliche Überwachung („Watch Me“), Todesstrafe („Execution“) oder die Enttäuschung über den US-Präsidenten („Obama“) kollidiert mit für sie neuen elektronischen, dancigen Einflüssen und einem Sound, der im Gesamten nicht zeitgenössischer sein könnte. Sie verabschiedet sich vom sogenannten „American Dream“ mit all seinen Auswüchsen wie auch musikalisch von ihrer Zeit mit Antony And The Johnsons.

Der Beitrag der zwei Warp-Produzenten, die sowohl mit avantgardistischen Zügen als auch cluborientiert in der elektronischen Szene verortet sind, wird im Vergleich mit ANOHNIs früheren Arbeiten nur zu deutlich. Mittlerweile fast sechs Jahre nach ihrem letzten Album erscheint „HOPELESSNESS“ wie eine Art musikalische und thematische Neugeburt: Die einstige artpoppige Kammermusik mit persönlichen Themen über Geschlecht, Transgender und Versöhnung ist einem neuen prekären Gewand gewichen, das zeitlich nicht besser passen könnte. Eine Musik für das Hier und Jetzt, die klar formuliert das Kind beim Namen nennt.

Kraftvoll und energisch beginnt der erste Track „Drone Bomb Me“ und offenbart gleich die politische Ausrichtung des Albums. Trotz zarter souliger Stimme, angeschlagener elektronischer Klänger und weiterer Beat-Parameter täuscht der Song nicht über die ernste Thematik des Drohnenkriegs und seiner Opfer hinweg. Die bildnerische, lyrische Sprache ist so schön und plakativ zugleich komponiert – wirkungsvoll unabwendbar. Das fanfarenartige, opulente „4 Degrees“ verbreitet über die Klimaerwärmung nicht nur leere Worte, es geht der Künstlerin auch um eine Reflexion und einen Diskurs über persönliches Handeln und den eigenen Charakter. Die Augen kann niemand verschließen, mit solch einem wunderbaren musikalischen Artefakt wird das auch kaum möglich.

Jeder einzelne Song hat seine eigene Geschichte, die er ohne jegliche Allüren oder Pathos schonungslos erzählt. Das Protestalbum besticht natürlich auch durch die drei dahintersteckenden Namen mit einer enormen Wirkungskraft, gewisse Erwartungen spielen in das Erlebnis mit ein. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass eine derartige Pop-Aufbereitung der Gegenwart lange gefehlt und mit ANOHNI eine Sprecherin bekommen hat – wunderschöner und widerspenstiger hätte das Ergebnis kaum sein können.

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