„Singe, wem Gesang gegeben“, ließ sich Ludwig Uhland in seinem Gedicht „Freie Kunst“ von 1813 vernehmen. Damals sicherlich nicht auf die lautmalerischen Möglichkeiten der Gesangsstimme gemünzt, passen sowohl Titel als auch Eröffnungszeile schon zum übergeordneten Erscheinungsbild des ersten Albums von LUH, das den ähnlich stimmungsbildenden Titel „Spiritual Songs For Lovers To Sing“ trägt. Es sind nämlich nicht (nur) die Texte und die Musik, die hier den Charakter prägen.

Ellery Roberts hat eben diese Stimme, die dafür sorgen kann, dass über das Gesangsorgan der Rest der Musik völlig egal scheint. Damals bei WU LYF brauchte seine Stimme nicht egal sein, denn „Go Tell Fire To The Mountains“ war in seiner Gesamtheit ein feines, psychedelisch angehauchtes Indierock-Manifest und heute nicht weit davon entfernt, Genre-Klassiker zu werden. Wie schade war es, dass nach diesem Album einstweilen nichts mehr passierte, doch gemeinsam mit seiner Freundin Ebony Hoorns kehrt Roberts nun als LUH zurück. Die Stimme ist geblieben, die Musik nicht immer gänzlich verändert: Genau wie WU LYF erschaffen LUH ziemlich atmosphärischen Indierock, den sie mit einer ganzen Reihe schmückenden Zierrats aufrüschen. So ähneln „Future Blues“ und „Someday Come“ wahlweise den schottischen Melancholikern von Frightened Rabbit oder Wolf Parade, denen man eine adrette Geigenfigur in die Melodie geflochten hat.

Doch dann taucht mit „$ORO“ ein Monster von einem Song auf, dessen offensichtliche Garstigkeit mit infernalischer Vehemenz die spröde Schönheit des zuvor Gehörten konterkariert. Hoorns widerborstiges Autotune setzt Gegenpunkte zum heiseren Roberts, die Musik birst und bricht und dann werfen beide die Kirmestechnoturbomaschine an und zerfetzen nach einem idealtypischen Spannungsbogen die Szenerie. Wenn nicht offensichtlich Grusel, dann doch zumindest die hochgezogene Augenbraue sei erlaubt ob dieses abrupten Wechselspiels, dem jedoch auch ein gewisser Charme nicht abzusprechen ist. Ob es dieses Kapitel ist, das dem dunklen Beschwörer The Haxan Cloak am besten gefallen hat, der das Album produzierte? Oder sind es doch eher die langsam und zuweilen ein wenig ziellos wabernden An- und Abschwünge der einzelnen Songs selbst? „Here Our Moment Ends“ löst nach „$ORO“ ein wenig die Anspannung, kommt aber zu spät vollends in die Gänge und versandet in der instrumentalen Schönheit, der auch Roberts keine vokale Verzweiflung oder gar Entladung an die Hand geben kann.

Irgendeine Kleinigkeit ist es fast immer, die den einzelnen Songs auf „Spiritual Songs For Lovers To Sing“ abgeht und so den Zugriff erschwert. „Loyalty“ und das hübsche „Beneath The Concrete“ bilden die Ausnahmen, da dort vor allem das Zusammenspiel der beiden so ungleichen Gesänge vorzüglich funktioniert. Vielleicht hat sich inzwischen der Zauber der Stimmfarbe ein wenig abgenutzt, doch wenn man dann wiederum das herausragende Debüt von Holy Esque bemüht und sich dessen Sänger Pat Heynes vor Ohren führt, muss man zwangsläufig zu dem Schluss kommen, dass es hier doch an den zuweilen zu ähnlichen Stimmungen liegt. Immer nur Licht ins Dunkel bringen, reicht auf Albumlänge vielleicht dann doch nicht aus. Gerade in den lärmigen Passagen wie bei „Lost Under Heaven“ ist es irgendwann zuviel des Guten und man wünscht sich ein wenig Variation. So sind es spannenderweise die am stärksten an WU LYF erinnernden Stücke, die das Debüt von LUH doch noch deutlich über das Mittelmaß erheben. Ein wenig weniger Mut zur Hässlichkeit – der Schönheit eine Chance.

Einen Kommentar hinterlassen

Platten kaufen Links Impressum