OughtSun Coming Down

Klar, mit einer rückblickend erstellten Prognose kann man immer richtig liegen – und doch konnte man schon bei Oughts Debüt im letzten Jahr vermuten, dass die Kanadier mit ihrer energischen Art schnell einen Nachfolger vorlegen würden. Zu leidenschaftlich, zu sehr auf den Punkt und zu leichtfüßig war „More Than Any Other Day“, um einfach so zu verglühen. Dabei waren die Kanadier nicht die ersten, die auf den Zug gen Art-Rock und Post-Punk aufsprangen, eher fast die letzten. Doch bei ihrer an den Tag gelegten Akribie spielte das keine Rolle.

Auch „Sun Coming Down“ ist eine Energieleistung geworden, die naturgemäß nicht mehr überrumpelt, sondern den Status Quo mit viel Biss und Herz festzurrt. Der Eröffnungssong „Men For Miles“ scheint dabei auf die letzten anderthalb Jahre der Band zu passen. Hektisch und gestresst flirrt er vor sich hin, den Angstschweiß auf der Stirn und den laut pochenden Puls am Anschlag, doch – so scheint es – stets aufrecht laufend und auf die Frisur achtend. Die Haltung ist inzwischen vertraut: Auch hier stehen Ought der stylisch-unterkühlten Attitüde eines David Byrne weitaus näher als etwa Ian Curtis‘ fatalistischem Abgesang auf die Welt.

Hierzu gehört selbstverständlich auch, dass Ought den Zuhörer immer wieder weich fallen lassen. Besonders Tim Darcys Stimme steht zwar wie in Stein gemeißelt unverrückbar für sich, jedes Wort passt und die Verve, mit der es vorgetragen wird, entbehrt nicht einer gewissen Dogmatik. Gleichzeitig schaffen es seine Mitstreiter, eine äußerst plastische, greifbare Umgebung zu erzeugen. Voller auf den ersten Blick unscheinbarer Spielereien und daneben extrem aufgelockerten Drums breitet sich dieser warme Schwall unaufhaltsam über das ganze Album aus. Die vordergründige Ernsthaftigkeit wird ein ums andere Mal nivelliert und klanglich beinahe ins Gegenteil umgekehrt.

Da ist es folgerichtig, dass man nach Extravaganzen vergeblich sucht. Einzig im Titeltrack scheppert und verzerrt es ein wenig, was einerseits ein willkommener Riss in der konsequent durchgezogenen Ästhetik ist, andererseits hätte mehr davon dem Album vermutlich eher geschadet. Denn so besticht „Sun Coming Down“ durch seine eher unkonventionelle, flauschige Auslegung von Post-Punk und setzt sich damit von den oft ähnlichen Ansätzen, die auf mehr Schmutz und Lärm setzen, geschickt ab.

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