Seit mehreren Wochen plage ich mich nun schon mit dieser Rezension herum. Man könnte sie damit beginnen, sich über die kanadische Musikszene, speziell die aus Montreal, oder noch spezieller, die des dort ansässigen Constellation-Labels auszulassen, über den Einfluss von Godspeed You! Black Emperor, oder, oder … Aber genau das will ich nicht. Sicher, man findet gewisse Parallelen, passagenweise sind Einflüsse von Post-Rock in der Musik von Ought nicht von der Hand zu weisen. Nichtsdestotrotz sind sie nur ein Baustein ihrer großartigen Debütplatte „More Than Any Other Day“.

Als weitere wären wohl frühe Talking Heads, „Perverted By Language“-Fall oder „Monster Movie“-Can zu nennen, aber irgendwie läuft diese ganze Referenzensuche ins Leere, denn die Band spielt sich dermaßen schlafwandelnd und souverän durch ihr Repertoire, als würde sie seit Jahrzehnten nichts anderes tun, als wäre ihre Musik die unerhörteste der Welt. Und verdammt, so wie sich Ben Stidworthy (Bass),  Tim Keen (Schlagzeug, Violine), Matt May (Keys) und Tim Beeler (Gitarre, Gesang) durch die Offenheit ihrer Stücke spielen, die sich oftmals klassischen Songstrukturen widersetzen und darin zum Beispiel Post-Hardcore wie dem von Self Defense Family ähneln, ist sie es auch.

Ein nicht zu unterschätzender Reiz geht dabei auch von der Interaktion Band/Sänger, Sänger/Band aus.  Sie versprüht eine Leichtigkeit, einen Drive, den ich gar nicht genau fassen, geschweige denn beschreiben kann. Irgendwie hippieesk vom Gefühl her, aber immer Post-Punk mit Post-Hardcore-Gestus genug, um nicht vollends aus der Spur zu geraten. Dabei gestaltet Beeler seine Texte immer offen und vage genug, um viele Hörer anzusprechen und emotional abzuholen und seine Intonation kann man fraglos speziell nennen. Beeler bedient sich teilweise direkter Ansprache, wie man sie eigentlich eher von Konzerten denn von Konserven gewohnt ist. Das verspricht einiges für eventuelle Liveauftritte, bei denen mit Sicherheit auch ausgiebig getanzt werden darf.

Und jetzt komme ich wieder zur Plage vom Anfang zurück. Ich plage mich, obwohl die Scheibe auf Heavy-Rotation läuft, weil mir einfach die Worte fehlen. Mich „More Than Any Other Day“ einfach sprachlos stehen lässt, mir Songs wie „Habit“ oder „Today More Than Any Other Day“ eine Gänsehaut nach der nächsten über den Körper jagen – und das, obwohl eigentlich nichts an diesem Album wirklich neu klingt. Aber das organische Zusammenspiel der Vier und der nahezu ekstatische Groove und Fluss, den sie erzeugen, macht „More Than Any Other Day“ zum bisher besten Album dieses Jahres.

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